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    Lehre

    Prüfungen statt Pop und Punk

    23.06.2020

    Das Coronavirus ist schuld: Um die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände einhalten zu können, muss die Universität Würzburg Prüfungen in der Posthalle durchführen. Die erste Woche hat gezeigt: Das Konzept funktioniert.

    254 Studierende können in der Posthalle gleichzeitig Prüfungen schreiben.
    254 Studierende können in der Posthalle gleichzeitig Prüfungen schreiben. (Bild: Gunnar Bartsch / Universität Würzburg)

    Seltsam ist es schon: Wo sonst knallharte Bässe das Zwerchfell erschüttern, bis zu 3.000 Fans ihre Lieblingslieder mitgrölen und die ein oder andere Bierdusche über die Menge niedergeht, hört man jetzt nur noch leises Papierrascheln, ab und zu ein Seufzen und das Glucksen eines Schlucks aus Wasserflasche. Vom 12. bis zum 19. Juni 2020 hatte die Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) die Würzburger Posthalle gemietet. Statt Rock und Pop waren dort Prüfungen angesagt – eine Folge der Corona-Pandemie.

    1,5 Meter Sicherheitsabstand nach vorne, nach hinten, nach rechts und nach links: Diese Mindestdistanzen sieht das aktuelle „Sicherheitskonzept für die Durchführung von Präsenzprüfungen im Sommersemester 2020 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg“ vor. Wenn dann mehrere hundert Studierende an einer Prüfung teilnehmen wollen, stößt die JMU räumlich sehr schnell an ihre Grenzen. Aus diesem Grund haben sich die Verantwortlichen der Verwaltung frühzeitig auf die Suche nach Ausweichmöglichkeiten im Würzburger Stadtgebiet gemacht, erklärt Christian Burdack, Leiter des Prüfungsamts der Zentralverwaltung. Bei der Posthalle sei man fündig geworden.

    Platz für 254 Studierende

    Gut 3.000 Quadratmeter stehen in der Halle neben dem Würzburger Hauptbahnhof zur Verfügung, schildert Christian Rupp, Projektmanager im Team der Posthalle und in diesen Tagen Veranstaltungsleiter für die Uniprüfungen. Maximal 254 Studierende können dort gleichzeitig ihre Prüfungen schreiben. Statt einer Konzertbühne nun lange Reihen von Tischen und Stühlen aufzubauen, sei kein Problem gewesen. „Wir hatten schon immer auch bestuhlte Veranstaltungen wie etwa Firmenfeiern oder Vorträge“, sagt er. Lichterketten über den Tischreihen, die sonst bei Bällen zum Einsatz kommen, zusätzliche 35 Scheinwerfer für gutes Licht, eine Videotechnik, die eine von überall gut sichtbare Uhr an die Stirnseite der Halle beamt – das alles sei vorhanden gewesen.

    Informatik, Biologie, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften: Aus diesen Fachbereichen kamen die ersten universitären Prüfungen der JMU in der Posthalle. Teils waren dies aktuelle Prüfungen zu laufenden Veranstaltungen in diesem Sommersemester, teils Nachholprüfungen vom vergangenen Wintersemester, die eigentlich schon im April hätten stattfinden sollen, da aber wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden mussten. Sie alle folgen einer strikten Choreographie.

    Vorgeschriebene Wege, feste Zeitvorgaben

    „Wir haben, beginnend eine Stunde vor Beginn der Prüfung und dann im Abstand von jeweils 20 Minuten, Gruppen von 80 Studierenden einbestellt“, erklärt Hans-Christian Schmitt. Der Mitarbeiter aus der Physikalischen Chemie beaufsichtigt am Freitag, 19. Juni, die letzte Prüfung in dieser Woche. Es geht um thermodynamische Kinetik und Elektrochemie; daran teilnehmen Studierende der Biologie, der Lebensmittelchemie, der Pharmazie und entsprechender Fächer in den Lehramtsstudiengängen.

    Noch vor dem Betreten der Halle nimmt das Personal der Posthalle die Studierenden in Empfang. Wer versäumt hat, seine Selbstauskunft auszudrucken, zu unterschreiben und mitzubringen, kann dies an dem kleinen Stehtisch nachholen. In dem Papier bestätigen die Prüfungsteilnehmer, dass sie keine Krankheitssymptome aufweisen, die für eine Infektion mit dem Coronavirus sprechen, dass sie nicht unter behördlich angeordneter häuslicher Quarantäne stehen und auch nicht in den vergangenen 14 Tagen aus einem Risikogebiet nach Bayern eingereist sind.

    Kontrolle hinter Schutzscheiben

    Anschließend geht es – mit Mund- und Nasenmaske – zum Halleneingang, wo weitere Security-Mitarbeiter darauf achten, dass sich keine langen Schlangen bilden und jeder vor dem Betreten der Halle seine Hände an einem der dort aufgestellten Spender desinfiziert. Die nächste Kontrolle übernehmen dann vier Studierende, die als Prüfungsaufsicht eingeteilt sind – auch sie tragen Masken und sitzen hinter großflächigen Tröpfchenschutzscheiben. Sie lassen sich Ausweise vorzeigen und haken die Namen auf einer Liste mit allen zur Prüfung Angemeldeten ab. Erst wenn dies alles ordnungsgemäß erledigt ist, dürfen die Prüflinge die Halle betreten, wo sie auf vorgegebenen Wegen zu ihren Sitzplätzen begleitet werden.

    Geregelt ist auch das Prüfungsende. Einfach die Unterlagen abgeben und nach draußen gehen, ist nicht gestattet. Auch jetzt werden die Studierenden einzeln und mit dem vorgeschriebenen Abstand zu einer der drei Türen geführt, durch die es ins Freie geht. Ob sie sich dann treffen, eng beieinander stehend ihre Antworten diskutieren oder sich zum Feiern im Ringpark versammeln – darauf haben Hans-Christian Schmitt und die Mitarbeiter der Posthalle keinen Einfluss mehr. Schmitt hofft allerdings, dass sie sich auch dann noch verantwortungsvoll verhalten.

    Full Service für die Uni

    Der zeitliche Aufwand für eine Prüfung von 45 oder 60 Minuten ist wegen dieser Sicherheitsmaßnahmen hoch; dementsprechend sind nur drei Prüfungen am Tag möglich. Zwischendrin wird die Halle für eine Stunde gelüftet. Dann öffnet die Security alle Türen und schaltet die Abluftanlage an, wie Christian Rupp erklärt. Das passiert übrigens auch bei Prüfungen, die länger als eine Stunde dauern, nach 60 Minuten – dann aber nur für fünf Minuten. Täglich werden überdies sämtliche Tische, Armlehnen sowie die sanitären Anlagen gereinigt und desinfiziert. „Wir bieten unseren Kunden eine Full Service“, sagt Rupp. Dazu gehört übrigens auch die Bereitstellung einer gewissen Zahl von Parkplätzen vor dem Haus.

    Ein „Probelauf“ sei die erste Prüfungswoche der JMU in den Posthallen Mitte Juni gewesen, erklärt Christian Burdack. Denn schon jetzt steht fest: Richtig ernst wird die Situation ab dem 20. Juli, wenn der allgemeine Prüfungszeitraum zum Sommersemester 2020 beginnt, der offiziell am 14. August endet, im Bedarfsfall aber auch bis zum 29. August verlängert werden kann. 75.000 Anmeldungen für Prüfungen in diesem Zeitraum liegen aktuell vor, sagt Burdack. Zum Vergleich: Für die jetzt angesetzten Prüfungen waren es 11.000.

    Fortsetzung folgt mit Sicherheit

    Natürlich: Nicht jeder, der sich für eine Prüfung anmeldet, nimmt auch daran teil, und nicht jede Prüfung wird von mehreren hundert Studierenden geschrieben. Für viele reichen deshalb auch die Hörsäle der Universität. Für viele andere aber nicht. Und deshalb wird die JMU im Juli und August möglicherweise weitere große Hallen im Stadtgebiet von Würzburg anmieten und für ihre Zwecke nutzen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass auch dann in der Posthalle keine Bässe dröhnen, sondern wieder nur Papier raschelt.

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    Von Gunnar Bartsch

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