Innovations-Scouting-Konzept
Einleitung
Der Weg von der Entstehung einer technischen Lösung bis hin zu ihrer forschungsnahen Umsetzung und Implementierung in einem Start-Up oder mit einem Industriepartner ist lang und mit Hindernissen verbunden. Erfindungen, Know-how und neue technische Lösungen aus der Wissenschaft können auf unterschiedliche Weise ihren Weg in die Anwendung finden. In einer globalisierten Welt, in der Innovationen zunehmend zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor und die Entwicklung nachhaltiger Strukturen immer wichtiger wird, müssen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ihre Rolle als Motoren für wirtschaftliches Wachstum und sozialen Fortschritt konsequent wahrnehmen. Insbesondere DeepTech-Innovationen, die zu 11,4 % aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen stammen (Startup Monitor 2024), werden als entscheidend für den globalen Markt angesehen.
Das hier vorgestellte Innovationsscouting-Konzept zielt darauf ab, an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) entstandene wissenschaftliche Erkenntnisse, technologisches Know-how und Innovationen frühzeitig zu identifizieren, zu bewerten und gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Erfinderinnen und Erfindern Möglichkeiten der gesellschaftlichen Nutzung zu vermitteln und zu fördern.
An der JMU steht seit Januar 2024 ein Team von Innovationsscouts mit Expertise in den Bereichen Life Sciences, technische Wissenschaften, Künstliche Intelligenz und Datenmanagement zur Verfügung. Sie werden unsere Hochschulangehörigen dabei unterstützen, Verwertungswege zu identifizieren und hierzu individuelle Bedürfnisse ermitteln und Möglichkeiten aufzeigen. Mithilfe gezielter Projektförderung und der frühzeitigen Einbindung in regionale, europäische und internationale Gründungsökosysteme sollen diese Innovationen dann optimal gefördert werden. Durch des Zusammenspiels von Scouting, Bewertung, Sicherung geistigen Eigentums (IP) und gezielter Unternehmensentwicklung soll insgesamt dazu beigetragen werden, die Innovationskraft der JMU nachhaltig zu stärken, den Transfer aus der universitären Forschung hervorgehender Innovationen in Gesellschaft und Wirtschaft allgemein zu unterstützen und insbesondere erfolgreiche Unternehmensgründungen zu fördern.
Der Mehrwert für unsere Hochschulangehörigen
Förderung der Wissensverbreitung in die Industrie:
Mithilfe des Innovationsscouting können Forschungsergebnisse in den Wirtschaftssektor einfließen. Durch eine abgestimmte Verwertungsstrategie wird von Beginn an sichergestellt, dass der Technologietransfer den Vorstellungen des Innovationsgebers entspricht.
Identifikation von Schlüsseltechnologien und Förderung des Technologietransfers:
Durch das Scouting unterstützen wir die Identifikation breit anwendbarer Plattform- und Schlüsseltechnologien, die signifikante Auswirkungen auf die Industrie und die Gesellschaft haben können. Im Anschluss unterstützen unsere Scouts bei der Übertragung dieser in marktfähige Produkte und Dienstleistungen.
Intensivierung von Partnerschaften:
Das Innovationsscouting eröffnet strategische Partnerschaften mit Unternehmen, Investoren und anderen Forschungseinrichtungen. Durch eine online Innovations-Plattform werden die Forschungsideen der JMU digital erfasst, bewertet und international vorgestellt. Dies wird die Kommerzialisierung von wissenschaftlichen Innovationen fördern und den Technologietransfer beschleunigen.
Unterstützung bei Unternehmensgründungen:
Der Technologietransfer der Forscherinnen und Forschern zur Gründung von Startups oder Spin-Offs wird auf dem gesamten Weg durch unsere Scouts intensiv unterstützt und dadurch weiter erleichtert.
Technologiemarketing
Durch Newsletter und Blog-Einträge informieren unsere Scouts in regelmäßigen Abständen über Technologien, Veranstaltungen, Projekte und Events rund um den Technologietransfer an der JMU. Unsere Forscherinnen und Forscher erhalten so einen Einblick in bestehende Projekte und Erfolge sowie aktuelle Kooperationsbeispiele, die als neue Impulse für den eigenen Transfer verwendet werden können.
Förderung von Interdisziplinarität & Internationalität:
Der Austausch zwischen verschiedenen Fachbereichen und Instituten auf nationaler und internationaler Ebene wird durch unsere Scouts durch unterschiedliche Veranstaltungsformate mit dem Ziel gefördert, innovative und interdisziplinäre Projekte mit hohem Potenzial für den Technologietransfer zu initiieren.
Der Ablauf des Scouting
Zu Beginn jedes Scoutingprozesses steht ein vertrauliches Gespräch zwischen Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftler und Innovationsscout. Dort werden verschiedene Themen besprochen, die Einfluss auf die Verwertungschancen haben. Je besser sich die anfragende Wissenschaftlerin bzw. der anfragende Wissenschaftler auf das Treffen mit dem Innovationsscout vorbereitet und im Vorfeld Eckdaten zusammenträgt, desto effizienter können im vertraulichen Gespräch Fragen geklärt werden. Darauf aufbauend lässt sich dann gemeinsam eine gezielte Verwertungsstrategie ableiten.
Um eine erste Orientierung zur Vorbereitung auf das Vertrauensgespräch zu bieten, wurden die folgenden Fragen als Checkliste über die Kernthemen verfasst:
1. Technologie
- Welches bestehende Problem löst die Technologie? Wie funktioniert sie?
- Was ist neu im Vergleich zu bestehenden technischen Lösungen?
- Konnten bereits ein oder mehrere potenzielle Anwendungsfelder identifiziert werden?
- Welchen Nutzen bietet die Technologie? Welchen Mehrwert können Anwender erwarten?
- Trifft die Technologie einen Trend? Wenn ja, welchen?
2. Entwicklungsstand
- Wie weit ist die Technologie entwickelt? Gibt es bereits Prototypen?
- Wie viel Entwicklungsarbeit und Zeit sind noch nötig, bis das Produkt marktreif ist?
- Was müsste ein Industriepartner einbringen, um die Technologie zu nutzen oder voranzutreiben?
- Welche weiteren Entwicklungsschritte sind als ein mögliches Förderprojekt geplant?
3. Geistiges Eigentum (IP)
- Was genau wird durch die IP geschützt?
- Hat die Erfindung Bezug zu bereits patentierten Produkten oder Verfahren? Wenn ja, worin besteht der Unterschied zu dem bereits bestehenden Produkt oder Verfahren?
- Welche ähnlichen Technologien aus Forschung und Industrie sind bekannt?
4. Marktpotenzial
- Welcher Anwendungsbereich, welches Marktsegment soll bei der Erschließung zuerst anvisiert werden? Wie groß ist die geschätzte Marktgröße (Massenmarkt vs. Nischenmarkt)?
- Gibt es bereits Industriekontakte, etwa aus gemeinsamen (Förder-)Projekten oder durch Konferenzen, die Interesse an der Entwicklung bekundet haben?
- Wie intensiv ist die Wettbewerbs- und Konkurrenzsituation? Wer sind die Hauptkonkurrenten auf dem Gebiet?
5. Situation an der JMU
- Geht die Technologie aktuell aus einem zentralen(?) Forschungsthema Ihrer Fakultät hervor oder ist abzusehen, dass durch die Technologie ein neues Forschungsfeld eröffnet wird?
- Gibt es ein Forschungsteam, das sich längerfristig mit dem Thema befassen kann/will?
- Kann man sich eine Weiterentwicklung in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen vorstellen?
- Welche Form des Technologietransfers wird angestrebt? Beispiele: Ausgründung, Lizenzierung, Forschungsförderung, Transferpreis etc.
Auf Basis der Antworten werden die Scouts eine Verwertungsstrategie ableiten und diese in einem vertraulichen und informellen Gespräch mit den Erfinderinnen und Erfindern bezüglich möglicher Verwertungsstrategie diskutieren.
Kommunikation und Marketing
Die Erfindungen können — die Zustimmung der Erfinderinnen oder Erfinder vorausgesetzt — zu einem geeigneten Zeitpunkt durch die Innovationsscouts mithilfe individueller Marketinginstrumente nach außerhalb der Universität kommuniziert werden. Hierbei kommen für die jeweils identifizierten Marktsegmente geeigneten Marketingaktivitäten und Ansprechpartner zum Einsatz. Zusätzlich werden fortgeschrittene Forschungsideen auf der Innovations-Online-Plattform an der JMU digital erfasst, beschrieben und international vorgestellt.
Die Darstellung der Forschungsidee soll auf der Plattform die folgenden Informationen enthalten, ohne dabei etwaige IP zu verletzen: Angebotsnummer, Name der Forschungsidee, Kategorie, potenzielle Anwendungsbereiche, bisheriger Stand der Technik, kurze Beschreibung der Forschungsidee, Vorteile der neuen Technologie, Optionen für Industriepartner (z.B. Kooperationspartner, Lizenz etc.), Name des Scouts als Ansprechpartner. Zusätzlich sollen auch Bilder und Videos eine Veranschaulichung der Forschungsidee eingestellt werden.
Weitere Angebote
Neben vertraulichen Gesprächen, der Entwicklung einer gezielten Verwertungsstrategie und einem Maßnahmenplan sowie der Innovations-Online-Plattform an der JMU, können auch „Rahmenangebote“ unserer Scouts von unseren Hochschulangehörigen in Anspruch genommen werden.
Organisation von Veranstaltungen, Workshops und Seminaren:
Unser Team von Innovationsscouts organisiert interaktive Veranstaltungen wie Workshops und Seminare, um den Technologietransfer aktiv zu fördern. Formate des Challenge-based Learning unterstützen die Identifizierung von Forschungsergebnissen mit Kommerzialisierungspotenzial. Begleitend werden Pitching-Events und Mentoring-Programme angeboten, die Forscherinnen und Forschern in den Bereichen Leadership und Management schulen und den Übergang von der Idee zum marktfähigen Produkt unterstützen.
Einsatz von Marktanalysen:
Mithilfe von KI-gestützten Tools werden Marktanalysen durchgeführt, um Anwendungsbereiche für neue Technologien zu erkennen und aktuelle Trends auf dem globalen Markt zu identifizieren. Durch Kooperationen mit Unternehmen sollen Forschungsaktivitäten an diese Trends angepasst und durch Verbundprojekte weiterentwickelt werden.
