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    Im Spannungsfeld zwischen Mafia und Diktatur

    14.05.2019

    Mit einem Festakt hat die neue DFG-Forschungsgruppe „Lokale Selbstregelungen im Kontext schwacher Staatlichkeit in Antike und Moderne“ ihre Arbeit offiziell aufgenommen. Festredner war der FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube.

    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Geschichte, Archäologie, Theologie, Politikwissenschaft, Ethnologie, Sinologie und Geographie sind in dem neuen Forschungsprojekt LoSAM vertreten. Am 9. Mai 2019 hatten sie zur offiziellen Eröffnung in den Toscanasaal geladen.
    Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Geschichte, Archäologie, Theologie, Politikwissenschaft, Ethnologie, Sinologie und Geographie sind in dem neuen Forschungsprojekt LoSAM vertreten. Am 9. Mai 2019 hatten sie zur offiziellen Eröffnung in den Toscanasaal geladen. (Bild: Gunnar Bartsch / Universität Würzburg)

    Man hätte es sich auch einfacher machen können – das gab sogar Rene Pfeilschifter zu. Und der ist nicht nur Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, sondern auch Sprecher der neuen DFG-Forschungsgruppe 2757, die vor kurzem ihre Arbeit aufgenommen hat. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Geschichte, Archäologie, Theologie, Politikwissenschaft, Ethnologie, Sinologie und Geographie sind in dem Projekt vertreten. Das macht die Koordination möglicherweise komplizierter. „Aber ohne die Beteiligung all dieser Fächer würde es sicherlich auch langweiliger“, so Pfeilschifter.

    Ende 2018 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die neue Forschungsgruppe an der Universität Würzburg genehmigt. Ihr Name: „Lokale Selbstregelungen im Kontext schwacher Staatlichkeit in Antike und Moderne“ – kurz: LoSAM. Am 9. Mai 2019 haben Pfeilschifter und seine Kollegen in den Toscanasaal eingeladen, um gemeinsam mit zahlreichen Gästen offiziell den Start der Forschungsgruppe zu feiern. Festredner war Jürgen Kaube, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

    Je schwächer der Staat, desto stärker die lokale Selbstorganisation

    Den Gegenstand ihrer Forschung beschrieb Pfeilschifter so: „Lokale Selbstorganisierung beginnt dort, wo sich Menschen in einer Gruppe gemeinsamer Probleme annehmen und für sie dauerhafte Lösungen finden, die vom Konsens der Gruppe getragen sind und die dezentral, also ohne Steuerung von außen, funktionieren“. Das finde im Sportverein statt, wo sich Gleichgesinnte organisieren und beispielsweise den Bau des neuen Sportheims in Angriff nehmen; das könne aber auch das Grillfest sein, zu dem die Anwohner einer Straße alljährlich einladen.

    „Je schwächer der Staat, desto stärker die lokale Selbstorganisierung“: So lautet eine These, der die Mitglieder der Forschungsgruppe in den kommenden drei Jahren nachgehen werden. Dazu wollen sie örtliche Gegebenheiten über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg untersuchen – von der Antike bis zur Moderne, von Europa bis zum Globalen Süden. Eine Art „unmittelbare Politikberatung“ sei von den Ergebnissen allerdings nicht zu erwarten, so Pfeilschifter. Vielmehr gehe es der Gruppe darum, „das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass der westeuropäische Sozialstaat nicht selbstverständlich ist und andere, schwächere Formen von Staatlichkeit keineswegs ‚automatisch‘ gleichzusetzen sind mit schlechteren Formen von gesellschaftlicher Ordnung, die defizitär seien und dringend der Überholung im europäischen Sinne bedürften.“

    Festvortrag im Zeichen der Mafia

    Die italienische Mafia als ein Beispiel einer lokalen Selbstorganisierung vor dem Hintergrund schwacher Staatlichkeit stellte Jürgen Kaube in den Mittelpunkt seines Festvortrags. Kaube ist seit 2015 einer von vier Herausgebern der FAZ. Nach seinem Studium der Philosophie, Germanistik, Kunstgeschichte sowie der Wirtschaftswissenschaften kam er zu Beginn der 1990er Jahre zur FAZ, bei der er seit 1999 Redaktionsmitglied ist. 2008 wurde er Ressortleiter für die „Geisteswissenschaften“; seit 2012 war er unter anderem auch stellvertretender Leiter des Feuilletons.

    Aristokratische Strukturen lösen sich auf, der Landverkauf wird möglich, die Zahl der Landbesitzer steigt dramatisch an: All dies geschah zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Italien, zu einer Zeit, als der Staat noch im Entstehen war. Dieser Wandel sei der Ursprung der Mafia gewesen, so Kaube. Den Weg dorthin zeichnete er so: „Immer mehr kleine Bauern müssen ihr Getreide zur nächstgelegenen Mühle transportieren. Das allerdings ist gefährlich, deshalb benötigen sie Begleitschutz.“

    Privater Schutz als Geschäftsmodell

    Weil staatliche Organe fehlten, übernehmen lokale Organisationen diese Aufgabe – die Geburtsstunde der Mafia. Später transportierten ihre Mitglieder das Getreide gleich selbst gegen Bezahlung und nahmen in der Folge weitere „Serviceangebote“ in ihr Geschäftsmodell auf. Wer diese Angebote nicht wahrnehmen wollte, musste erleben, wie ihm die Notwendigkeit „mit einem gewissen Nachdruck“ nahe gelegt wurde. „Privater Schutz ist das Geschäftsfeld der Mafia; die Mafia handelt mit Vertrauen“, so Kaube. Und sie entwickelte ihre Strukturen, lange bevor der italienische Staat 1861 gegründet wurde.

    Mittlerweile sei der „Handel mit IIlegalität“ das Prinzip der Mafia – und natürlich handele es sich um eine verbrecherische Organisation, die sich gleichsam eine eigene Zweitlegalität mit eigenen Gerichtsstrukturen neben den staatlichen Strukturen zugelegt habe. In ihrer Existenz bedroht sei sie in Italien nur in einer kurzen Zeitspanne gewesen: als die Faschisten an der Macht waren.

    Diktatoren sind verlässliche Mafiafeinde

    In dieser Zeit seien viele Mafiosi in die USA ausgewandert, so Kaube. Dort konnten sie mit ihrem Geschäftsmodell eine Lücke füllen, die sich aufgetan hatte, nachdem die amerikanische Regierung korrupte Strukturen in der Polizei rigoros beseitigt hatte. Ohne den Druck der italienischen Faschisten hätte sich die Mafia vermutlich nicht „internationalisiert“. „Die Mafia bleibt lieber lokal. Sie wird nur dann global, wenn sie vertrieben wird“, sagte Kaube. Oder, in den Worten Alexis de Tocquevilles: „Glückliche und mächtige Menschen gehen nicht ins Exil.“

    Schwach sei die Mafia nur dort, wo der Staat stark ist, lautete demnach Kaubes Schlussfolgerung. Das sei in der Vergangenheit unter Mussolini so gewesen, und das sei auch heute unter Putin so. „Diktaturen sind relativ verlässlich Mafiafeinde“, so der Festredner. Einer Diktatur den Vorzug geben, um die Mafia zu bekämpfen? Das sei allerdings ein hoher – vermutlich zu hoher – Preis.

    Grußworte sprachen bei der Festveranstaltung Vizepräsidentin Barbara Sponholz für die Universitätsleitung und Dekan Roland Baumhauer für die Philosophische Fakultät. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Trio Clarino.

    Weitere Informationen zur Forschungsgruppe

    Kontakt

    Prof. Dr. Rene Pfeilschifter, Lehrstuhl für Alte Geschichte, T: +49 931 31-89120, rene.pfeilschifter@uni-wuerzburg.de

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