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ANTIKE ERFINDEN – Martin von Wagner und Homers "Ilias"

Datum: 23.03.2023, 18:00 - 25.06.2023, 00:00 Uhr
Kategorie: Ausstellung
Ort: Residenzplatz 2 (Residenz), 2. Stockwerk
Veranstalter: Martin von Wagner Museum, Gemäldegalerie
Johann Martin von Wagner (1777–1858), Ausschnitt aus Rat der Griechen vor Troja, Öl auf Leinwand, um 1806/07, Gemäldegalerie des Martin von Wagner Museums der Universität Würzburg (Foto: André Mischke)

Homer neu erfunden – von einem Würzburger in Rom

Kein anderer Künstler hat sich jemals in ähnlich intensiver Weise mit Homers „Ilias“ auseinandergesetzt wie Martin von Wagner. Eine Ausstellung des Würzburger Universitätsmuseums geht seinem Verhältnis zu dem Epos nach. Wer ANTIKE ERFINDEN besucht, betritt einen Kosmos aus Bildern – und Bildung.

Kein Zweifel: Homers „Ilias“ gehört zu den Grundlagen der westlichen Kultur. Die Antwort auf die Frage, wer diesen Urtext der Weltliteratur eigentlich noch kennt, dürfte allerdings ernüchternd ausfallen. Wahr ist aber auch: Es ist ein zeitloser Stoff; darum lohnt es für jede Zeit von neuem, neue Wege zu Homer zu weisen.

Neue Wege zu Homer

Genau darum bemüht sich unsere neue Sonderausstellung. Wenn es stimmt, dass die Menschen sich heute eher von Bildern als von Texten ansprechen lassen, haben wir dabei vielleicht keine schlechten Karten – Bilder zur „Ilias“ besitzen wir vermutlich mehr als jede andere Sammlung. Unser Namensgeber selbst ist der Grund für diese Bilderflut: Martin von Wagner (1777–1858) hat die mit Abstand umfangreichsten Bilderfolge zu diesem Epos geschaffen. Über mehr als fünfzig Jahre hinweg widmete sich der aus Würzburg stammende Deutschrömer der „Ilias“, die er künstlerisch und gedanklich tief durchdrang.

Das Epos über die Schlussphase des Trojanischen Krieges ist selbst ein äußerst bildmächtiger Stoff, weshalb schon in der Antike zahlreiche Bilder nach Themen aus der „Ilias“ entstanden. Seit dem späten 18. Jahrhundert nahm das Homer-Interesse der Künstler noch einmal sprunghaft zu. Unter klassizistischen Vorzeichen wurden einzelne Episoden in Gemälden und Skulpturen dargestellt.

Wagners Fülle und Facetten

Dem epischen Charakter der „Ilias“ mit einem Zyklus zu entsprechen: Das wagten nur wenige Künstler. Einer von ihnen war Martin von Wagner. Er hat nicht weniger als 140 Szenen dargestellt – als ‚Zweitplatzierter‘ kommt der englische Zeichner und Bildhauer John Flaxman auf gerade einmal 39 Szenen.

Wagners bislang kaum beachteten Bildern zur „Ilias“ nähert sich die Ausstellung „ANTIKE ERFINDEN“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln. In sechs Kapiteln wird seinem Verhältnis zu Homer nachgegangen: als Leser, Kenner, Maler, Zeichner, Erfinder und Ästhet.

Der künstlerische und zeichnerische Nachlass Martin von Wagners wird seit 1858 bei uns aufbewahrt, doch wirklich gehoben wurde ist dieser Schatz bis heute nicht. Immerhin sind die rund 900 Zeichnungen, aus denen wir jetzt eine Auswahl zeigen, wohl das größte Kunstwerk des 19. Jahrhunderts in Würzburg – mit der Besonderheit, dass es in Rom entstanden ist. Durch die Wagner-Stiftung 1857 gelangten sie in den Besitz unseres Museums.

Forschendes Museum

Als Gastkuratorin hat das Martin von Wagner Museum die Nachwuchswissenschaftlerin Carolin Goll gewinnen können. Sie promoviert über das Antikenbild Martin von Wagners und ist die beste Kennerin seiner Kunst. „Anhand seiner ‚Ilias‘-Zeichnungen lassen sich über einen ungewöhnlich langen Zeitraum hinweg komplexe Werkprozesse ebenso ablesen wie stilistische Wandlungen. Dabei wird neben einem klassizistischen Grundtenor auch Romantisches gestreift“, hebt Goll den Wert von Wagners Homer-Projekt hervor.

Fast idealtypisch werde außerdem der Umgang des Deutsch-Römers mit antiken Vorbildern und Schriftquellen fassbar. „In der Vielfalt der Perspektiven, die auf dieses Konvolut gerichtet werden können, liegt eine große Herausforderung an die Forschung, aber auch ein einzigartiges Potenzial“, schwärmt die Kunsthistorikerin.

In kaum eine Ausstellung des Martin von Wagner Museums ist jemals soviel Forschung geflossen wie in „ANTIKE ERFINDEN“. Der ästhetisch überaus ansprechende, reich bebilderte Katalog versammelt denn auch ganz überwiegend Kunstwerke, die noch nie veröffentlicht wurden. Mitgeschrieben haben auch die Direktoren von Neuerer Abteilung und Antikensammlung, die auch an der Konzeption der Ausstellung beteiligt waren. Somit tritt das Universitätsmuseum in seiner ganzen fachlichen Breite in Erscheinung.

Homers Universalität

Ein Mehrwert der Ausstellung ist es sicherlich, dass Wagners Zeichnungen die „Ilias“ für ein Kunstpublikum neu aufschließen. Es ist ein im besten Sinne humanistischer Nutzen, der sich bei der Re-Lektüre von Homers Epos einstellt, gerade vor dem Hintergrund eines Krieges, der uns seit einem Jahr aus der Ferne, aber unablässig begleitet. Die „Ilias“ behandelt freilich viel mehr als den Kampf um Troja: das Verhalten des Menschen in archetypischen Situationen; die universale Ohnmacht gegenüber einem willkürlichen Schicksal und das individuelle Aufbegehren dagegen; die Frage nach einem höheren Sinn angesichts enthemmter Grausamkeit.

Es geht Homer um das Menschliche an und für sich; und wie es scheint, war darauf auch Wagners Aufmerksamkeit gerichtet. Davon können sich Besucherinnen und Besucher der Ausstellung überzeugen, in der neben den „Ilias“-Zeichnungen auch Antikenstudien und archivalische Quellen zu sehen sind. Außerdem können sie den Werkprozess von Wagners einzigem Monumentalgemälde mitverfolgen: Die Entstehungsgeschichte des 3 x 4,5 Meter großen, soeben gereinigten „Rates der Griechen vor Troja“ wird von einer weiteren Doktorandin nachgezeichnet: Maria Schabel hat in ihrer Masterarbeit ganz neue Erkenntnisse zu dem Bild gewonnen; deshalb hat sie das Kapitel dazu kuratiert.

Die Ausstellung erkundet Wagners Vorgehensweise als Künstler und Forscher. Sein immenses Wissen über die Bild- und Sachkultur der Antike befähigte ihn, die „Ilias“ nicht nur zu illustrieren, sondern bis zu einem gewissen Grad neu zu erfinden. Insofern sind seine Bilder zu Homer auch ein Appell, das antike Erbe Europas nicht nur museal zu bewahren, sondern immer wieder schöpferisch mit ihm umzugehen – vor zweihundert Jahren war die Antike genauso modern wie heute.

Wagners Weg zu Homer verlief zwischen Aneignung und Neuerfindung. Die Ausstellung ist eine opulente Einladung, ihn dabei zu begleiten!

Eintritt: 8€, ermäßigt 5€, Schulklassen 3€ pro Person
Katalog (312 Seiten, 241 farbige Abbildungen, Harrassowitz Verlag): 39€

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