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Stimmen aus dem Krieg: Was Tweets über Fluchterfahrung verraten

07.09.2023

Was beschäftigt Menschen, die auf der Flucht vor dem Ukrainekrieg sind? Eine interdisziplinäre Studie der Uni Würzburg liefert dazu neue Perspektiven. Vorgestellt wird sie am 26. September bei einer öffentlichen Tagung.

Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer haben ihre Heimat seit Beginn des Krieges verlassen. Welche Fluchterfahrungen sie dabei gemacht haben, darüber gibt eine neue Studie der JMU Aufschluss.
Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer haben ihre Heimat seit Beginn des Krieges verlassen. Welche Fluchterfahrungen sie dabei gemacht haben, darüber gibt eine neue Studie der JMU Aufschluss. (Bild: 232319 / Colourbox)

Welche Sorgen, welche Ängste haben Menschen, die aus Kriegsgebieten in der Ukraine fliehen? Worüber sprechen sie in den sozialen Netzwerken? Und: Welche Themen beschäftigen sie nach ihrer Flucht? Die Lehrstühle für Englische Sprachwissenschaft und Globale Urbanisierung und Fernerkundung der Uni Würzburg haben dazu jetzt an einer neuen Studie gearbeitet. Darin werteten Forschende um die Lehrstuhlinhaber Prof. Carolin Biewer und Prof. Hannes Taubenböck Tweets von Flüchtenden aus und analysierten diese bezüglich des Inhalts, des Zeitpunkts und des Orts ihrer Entstehung. Dadurch konnten sie ermitteln, in welcher Phase des Kriegsgeschehens Postings abgesetzt wurden und ob ihre Verfasserinnen und Verfasser noch in der Ukraine waren oder bereits in anderen Ländern.

Herausgekommen ist eine Übersicht verschiedener Themencluster, die zeigt, was Migrantinnen und Migranten während unterschiedlicher Zeitpunkte ihrer Flucht umtreibt. „Wir können damit verdeutlichen, wie der Krieg das Leben der Menschen ganz konkret beeinflusst“, erklärt Hannes Taubenböck. „Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer aus Kriegsgebieten posten zum Beispiel vor allem zu humanitärer Hilfe, nuklearer Bedrohung, militärischen Angriffen und Kriegsjournalismus. Nach der Ausreise diskutieren sie am häufigsten über Lebensmittel, Transport, Finanzen und Kunst“, ergänzt Projektmitarbeiter Dr. Richard Lemoine Rodríguez.

Studie beleuchtet Fluchtgeschehen aus neuen Blickwinkeln

Zur Auswertung der Studie haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Linguistik, der Geografie, der Fernerkundung und der Informatik zusammengearbeitet. Ihr Ziel: einen persönlichen Einblick in die Folgen des Krieges bieten, um so die Bedürfnisse Geflüchteter besser verstehen zu können. Diese Informationen sollen dabei helfen, offizielle Quellen zu ergänzen, indem sie die Perspektive von Migrantinnen und Migranten aus erster Hand und in Echtzeit einbeziehen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Verknüpfung von räumlicher und sprachwissenschaftlicher Analyse zur Auswertung von Social-Media-Daten vielversprechend ist“, unterstreicht Carolin Biewer. „Dadurch bekommen wir Informationen darüber, mit welchen Herausforderungen die Menschen bei ihrer Flucht konfrontiert sind.“ In einem nächsten Schritt wollen die Forschenden die Twitterdaten noch tiefergehend linguistisch auswerten, um so neben Themen auch Emotionen und Meinungen Flüchtender zu identifizieren und kategorisieren.

Präsentation der Studie mit persönlichem Bericht eines Geflüchteten

Vorgestellt wird die Studie am 26. September 2023 am Zentrum für Philologie und Digitalität (ZPD) im Rahmen des Workshops „Geolingual Studies – A New Research Direction. “ Die Konferenz wird von Universitätspräsident Prof. Paul Pauli um 14 Uhr eröffnet. Nach einer Keynote von Dr. Philipp Rode von der London School of Economics zu Prozessen der globalen Urbanisierung findet eine Session ab 16:30 Uhr statt zum Thema „Migration und Mobilität“ mit Beiträgen zur Migration in Westafrika und der Ukraine.

Ab 17:30 Uhr wird dann die Ukraine-Studie vorgestellt. Mit dabei sein wird auch Kyryl Hrinchenko, ein ukrainischer Geflüchteter, der von seiner eigenen Fluchterfahrung berichtet. Er und seine Frau flüchteten zu Beginn des Krieges mit ihrer Tochter aus Charkiv. „Kyryls Vortrag hilft, unsere wissenschaftlichen Ergebnisse mit einem realen Erfahrungsbericht zu reflektieren“, sagt Hannes Taubenböck. „Dadurch wird noch einmal ganz besonders deutlich, was eine Flucht für Familien bedeutet.“

Der Vortrag findet auf Englisch statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Interessierte werden um Anmeldung gebeten – per Mail an geolingualstudies@uni-wuerzburg.de. Die Studie wurde gefördert durch das Momentum-Programm der Volkswagenstiftung.

Lehrstuhl für Globale Urbanisierung und Fernerkundung

Der Lehrstuhl für Globale Urbanisierung und Fernerkundung ist ein Kooperationslehrstuhl mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) nach dem Jülicher Modell. Diese Konstellation ermöglicht synergistische Forschung zwischen der Universität und dem Großforschungszentrum. Lehrstuhlleiter Professor Hannes Taubenböck ist zugleich Leiter der Abteilung „Georisiken und zivile Sicherheit“ am Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum (DFD) des DLR.

Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft

Der Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft vertritt in Forschung und Lehre unter anderem die Bereiche World Englishes, Soziolinguistik, urbane Linguistik und digitale Linguistik – zudem strebt er eine enge Kooperation an mit der geographischen Fernerkundung, der Computerphilologie und der Informatik. Ziel ist die gemeinsame Erforschung der Verbindung von Sprache und Raum. Diese Neuausrichtung wird von der Volkswagenstiftung im Rahmen des Momentum-Programms gefördert.

Weitere Info zur Veranstaltung

Die Vorträge zur Ukraine finden statt am 26. September um 17:30 Uhr am Zentrum für Philologie und Digitalität (ZPD) im Emil-Hilb-Weg 23 in 97074 Würzburg.

Weitere Infos zum Programm gibt es hier:

https://www.phil.uni-wuerzburg.de/gls/news/single/news/workshop-announcement-september-26-28-geolingual-studies-gls-a-new-research-direction/

Kontakt

Prof. Dr. Carolin Biewer, Lehrstuhlinhaberin am Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft, Tel.: +49 931 31-80224, Mail: carolin.biewer@uni-wuerzburg.de.

Prof. Dr. Hannes Taubenböck, Lehrstuhlinhaber am Lehrstuhl für Globale Urbanisierung und Fernerkundung, Tel.: +49 8153 28-2480, Mail: hannes.taubenboeck@dlr.de

Von Sebastian Hofmann

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