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Kultur- und Wissenstransfer um 1600

15.02.2023

Gedruckte Bücher in allen Sprachen der Welt herauszugeben: Dieses ambitionierte Ziel hatte sich um 1600 ein Verlag in Rom gesetzt. Ein neues Buch spürt dem Geschäftsmodell nach.

Das neue Buch über den römischen Verlag Typographia Medicea. Rechts arabische Buchstabenpunzen aus dem Verlag.
Das neue Buch über den römischen Verlag Typographia Medicea. Rechts arabische Buchstabenpunzen aus dem Verlag. (Bild: André Mischke / Universität Würzburg)

Viel ist heute von der Notwendigkeit einer Überwindung eurozentristischer und kolonialistischer Denkmuster die Rede, von transkulturellen Perspektiven und „Global Culture“. In der historischen und kunsthistorischen Forschung liegen allerdings die Wege, auf denen das frühmoderne Europa sich mit anderen Teilen der Welt zu vernetzen begann, vielfach noch immer im Dunkeln.

Um das Jahr 1600 begann sich der Kultur- und Wissenstransfer rapide zu globalisieren. Wie genau funktionierte der Austausch von Wissen – Texten und Bildern – mit anderen Teilen der Welt, bevor durch die Gründung der großen Überseehandelsgesellschaften die Hauptphase des europäischen Kolonialismus begann? Zu dieser Frage fehlen nach wie vor Fallstudien.

Ein neues Buch verkleinert nun die Kenntnislücken über die frühneuzeitlichen Instanzen des globalen Kulturaustauschs. Herausgegeben wurde es von den Professoren Eckhard Leuschner, Leiter des Instituts für Kunstgeschichte der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), und Gerhard Wolf, Direktor am Kunsthistorischen Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Florenz. Das Buch ist aus einem Projekt entstanden, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde.

Ein innovatives Medienunternehmen der Frühen Neuzeit

“The Medici Oriental Press: Knowledge and Cultural Transfer around 1600“, so der Titel des englischsprachigen Buchs. Es versammelt Aufsätze und kommentierte Transkriptionen unbekannter Dokumente des Verlags Typographia Medicea aus Archiven in Rom und Florenz.

„Dieser Verlag war eines der innovativsten Medienunternehmen der Frühen Neuzeit“, sagt Eckhard Leuschner. „Er verfolgte den bis dahin ambitioniertesten Versuch, ein Institut zu etablieren, das gedruckte Bücher in prinzipiell allen Sprachen der Welt herzustellen vermochte.“

Die Typographia Medicea wurde 1584 in Rom gegründet, von Kardinal (ab 1587 Großherzog) Ferdinando de’ Medici (1549-1609) finanziert und vom Mathematiker, Universalgelehrten und Sprachgenie Giovanni Battista Raimondi (ca. 1536-1614) geleitet.

Eine für ihre Zeit einzigartige Qualität

Anfangs konzentrierte man sich auf Bücher in Arabisch, Syrisch und anderen „orientalischen“ Sprachen. Doch prinzipiell war der Verlag als Instrument einer frühmodernen Globalisierung von Wissensvermittlung angelegt. Bis zu seiner Schließung kurz nach dem Tod Raimondis produzierte er unter anderem eine arabische und arabisch-lateinische Edition der vier Evangelien, Grammatiken des Arabischen und Syrischen und klassische arabische Texte zur Philosophie, Geographie und Mathematik.

„Die Qualität der editorischen Vorarbeit, der Lettern, des Papiers und des Druckbildes war in ihrer Zeit einzigartig“, erklärt der JMU-Professor. Mit den Illustrationen wurden einige der renommiertesten Vorlagenzeichner und Kupferstecher der Epoche beauftragt, darunter Antonio Tempesta, Francesco Villamena und Leonardo Parasole.

Verlag stand vor Herausforderungen

Das neue Buch widmet sich auch den Schwierigkeiten, mit denen die Typographia Medicea bei der Umsetzung ihrer globalen Vision zu kämpfen hatte.

Von Anfang an bestand ein Zielkonflikt zwischen den missionarischen Absichten der katholischen Kirche in muslimisch geprägten Kulturräumen und den wissenschaftlich-philologischen Interessen Raimondis. Der finanzielle Zuschussbedarf war enorm, und die vatikanische Zensur sorgte für Verzögerungen. Zudem lief der Verkauf der auf Arabisch und Syrisch gedruckten Titel in den noch weitgehend von Handschriftlichkeit geprägten „Zielregionen“ nur mühsam an.

Auch der damals tobende Krieg zwischen Kaiser Rudolf II. und seinen Alliierten mit den Osmanen sorgte für Rückschläge. Dennoch darf die in einem der Bücher der Typographia Medicea enthaltene Verkaufserlaubnis des osmanischen Sultans in seinem Reich („Firman“) als erster auf Türkisch gedruckter Text überhaupt gelten.

Wichtiges Orient-Zentrum in Rom

Trotz dieser geschäftlichen und politischen Widrigkeiten war Raimondis Privat- und Verlagshaus in Rom ein bedeutendes Anlauf- und Nachrichtenzentrum für alle, die in Europa um 1600 mit dem „Orient“ zu tun hatten. Das im vorliegenden Buch erstmals publizierte Inventar der Besitztümer Raimondis verdeutlicht den im damaligen Italien einzigartigen Rang seiner Bibliothek arabischer, syrischer, türkischer, persischer und äthiopischer Manuskripte.

Raimondis nun transkribiertes römisches Tagebuch legt seine internationalen Netzwerke in Politik und Gelehrtenwelt offen. Auch zur Organisation der Typographia Medicea und ihrer internationalen Vertriebswege bieten die nun veröffentlichten Archivalien detaillierte Informationen, wie sie in solcher Ausführlichkeit für nur wenige andere Verlage der Epoche erhalten sind.

Publikation

The Medici Oriental Press: Knowledge and Cultural Transfer around 1600, hg. von Eckhard Leuschner und Gerhard Wolf, Florenz, Olschki, 2022 (Biblioteca di bibliografia. Documents and Studies in Book and Library History, Bd. 216), ISBN: 9788822267924

Kontakt

Prof. Dr. Eckhard Leuschner, Institut für Kunstgeschichte, Universität Würzburg, T +49 931 31-85385, eckhard.leuschner@uni-wuerzburg.de

Weitere Bilder

Von Robert Emmerich

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