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    Krebsrisiko deutlich erhöht

    04.10.2021

    Kinder mit den seltenen Erbkrankheiten Fanconi-Anämie und Ataxia teleangiectatica haben ein stark erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken. Ein Forschungsteam hat dieses Risiko nun erstmals in Zahlen gefasst.

    Solider Tumor (Plattenepithelkarzinom) am Zungengrund eines Patienten mit Fanconi-Anämie.
    Solider Tumor (Plattenepithelkarzinom) am Zungengrund eines Patienten mit Fanconi-Anämie. (Bild: Makrofoto, Deutsche Fanconi-Anämie-Hilfe e.V.)

    Die Fanconi-Anämie (FA) und die Ataxia teleangiectatica (AT) sind seltene genetische Erkrankungen mit einem erhöhten Krebsrisiko. Die Ursachen beider Krankheiten liegen in Veränderungen der DNA (Mutationen), die zu einer fehlerhaften DNA-Reparatur und einer erhöhten genomischen Instabilität führen.

    Kennzeichnend für die Fanconi-Anämie ist ein erhöhtes Risiko für ein fortschreitendes Knochenmarksversagen, das bereits in jungen Jahren beginnt. Hinzu kommt oftmals die Entwicklung von Leukämien und soliden Tumoren. Die AT äußert sich im frühen Kindesalter durch neurologische Symptome mit einem zunehmenden Verlust der Muskelkontrolle und Gleichgewichtsstörungen sowie mit einem erhöhten Leukämie- und Lymphomrisiko.

    Bundesweite Kohortenstudie durchgeführt

    Forscherinnen und Forscher der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU), der Medizinischen Hochschule Hannover, der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Universitätsklinik Freiburg führten nun eine bundesweite registergestützte Kohortenstudie durch.

    Ziel war es, das Krebsrisiko bei Kindern mit FA und AT für Leukämien und solide Tumoren präzise zu bestimmen. Das Team beobachtete ein drastisch erhöhtes Risiko für Krebs bei den betroffenen Kindern im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Dabei konnte die altersbezogene Inzidenzrate berechnet werden.

    Daten von 581 Betroffenen analysiert

    Insgesamt wurden die Daten von 581 Betroffenen analysiert, die zwischen den Jahren 1973 und 2020 durch Referenzlabore für DNA-Reparaturstörungen in Würzburg (FA und AT) und Hannover (AT) diagnostiziert wurden.

    „Der Datensatz von funktionellen und molekulargenetischen Studien, die über mehrere Jahrzehnte in den gleichen Laboren durchgeführt wurden, ist einzigartig und machte diese Studie erst möglich“, erläutert Professor Detlev Schindler aus der Würzburger Humangenetik.

    Die Forscherinnen und Forscher identifizierten 421 Patientinnen und Patienten mit FA und 160 mit AT. Mit Hilfe eines Verschlüsselungsalgorithmus zur Pseudonymisierung der Daten war ein Abgleich mit dem Kinderkrebsregister in Mainz möglich – unter Wahrung der Anonymität. Im Mainzer Register werden seit 1980 nahezu alle Krebsfälle im Kindesalter in Deutschland gemeldet.

    Krebsrisiko drastisch erhöht

    Unter den 421 FA-Patienten erkrankten im Kindesalter 33 an Krebs, insbesondere an sogenannten myeloischen Neoplasien, also bösartigen Erkrankungen des Knochenmarks. Unter den 160 AT-Patienten entwickelten im Kindesalter 19 Personen Krebs, zumeist Non-Hodgkin- oder Hodgkin-Lymphome sowie Leukämien.

    „Diese Ergebnisse zeigen, dass das Risiko, vor dem 18. Lebensjahr an Krebs zu erkranken, bei Kindern mit FA bei elf Prozent und bei Kindern mit AT bei 14 Prozent liegt“, erläutert Dr. Isabell Popp aus der Würzburger Forschungsgruppe. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung entspricht das einem 39- bzw. einem 56-fach erhöhten Risiko.

    Grundlage für die Beratung betroffener Familien

    Durch den bevölkerungsbezogenen Ansatz liefert die Kohortenstudie einen umfassenden und robusten Datensatz für die Beratung und Betreuung von Familien mit FA und AT. Dies ist umso wichtiger, da Populationsstudien bei seltenen Erkrankungen kaum möglich sind.

    „Ohne die enge und vertrauensvolle Kollaboration von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus mehreren Instituten und mit unterschiedlichen Expertisen wären diese Ergebnisse nicht zustande gekommen“, lobt Arbeitsgruppenleiter Dr. Reinhard Kalb die gemeinsame Arbeit. Die Arbeitsgruppe für genomische Instabilität am Institut für Humangenetik wird seit vielen Jahren von der Deutschen Fanconi Anämie-Hilfe unterstützt.

    Publikation und Förderung

    Die Forschungsergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Journal of Clinical Oncology unter dem Titel „Cancer in Children With Fanconi Anemia and Ataxia-Telangiectasia – A Nationwide Register-Based Cohort Study in Germany“ veröffentlicht (https://ascopubs.org/doi/full/10.1200/JCO.21.01495).

    Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Deutsche Kinderkrebsstiftung (DKS), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Gerdes-Stiftung und den Schroeder-Kurth-Fonds unterstützt.

    Von Medizinische Hochschule Hannover / Robert Emmerich

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