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Germanistik in Würzburg: Mehr als nur im Bücherregal wälzen

15.07.2026

Goethe, Schiller und ein Bücherregal, das aus allen Nähten platzt: Das Germanistik-Studium an der Uni Würzburg ist mehr als nur Lesemarathon. Svea räumt mit Klischees rund um den Studiengang auf.

Auf welche der drei Säulen der Germanistik sich Svea fokussiert, erfährst du im Blog.
Auf welche der drei Säulen der Germanistik sich Svea fokussiert, erfährst du im Blog. (Bild: Martin Brandstätter)

Was ist das das Erste, woran du denkst, wenn du „Germanistik“ hörst? Goethe? Schiller? Ein überfülltes Bücherregal? Dann bist du vermutlich nicht allein. Ehrlich gesagt, hatte ich vor meinem Studium auch ein ähnliches Bild im Kopf – geprägt von dicken Klassikern und endlosen Textanalysen. Dass ich mich einmal intensiv mit mittelhochdeutschen Texten, mittelalterlichen Handschriften und den Denk- und Lebenswelten des Mittelalters beschäftigen würde, hätte ich damals wohl kaum erwartet. Doch wie sieht ein Germanistikstudium eigentlich aus, wenn man die Klischees einmal hinter sich lässt?

Zunächst einmal ist ein Germanistikstudium kein Solo-Projekt. Es ist im Bachelor verpflichtend, Germanistik mit einem zweiten Fach zu kombinieren – in meinem Fall ist das die Kunstgeschichte. Das bedeutet, ich pendle ständig zwischen verschiedenen Instituten und Denkweisen, was den Blick auf beide Disziplinen unglaublich bereichert.

Der Uni-Alltag selbst ist dabei in unterschiedliche Veranstaltungsformate gegliedert. In den Vorlesungen sitzt du gemeinsam mit anderen Studierenden im Hörsaal und bekommst einen breiten Überblick über ganze Epochen, literarische Strömungen oder grammatikalische Theorien. Richtig ans Eingemachte geht es dann in den Seminaren. In kleineren Gruppen diskutierst und analysierst du intensiv und streitest dich auch mal leidenschaftlich über Interpretationen.

Gerade am Anfang gibt es zudem Tutorien – kleine Übungsgruppen, in denen du dich beispielsweise gemeinsam durch die ersten Übersetzungsversuche im Mittelhochdeutschen beißt. Inhaltlich lässt sich das Studium dabei in drei große Bereiche gliedern, die jeweils einen ganz eigenen Blick auf Sprache und Literatur eröffnen.

Die drei Säulen der Germanistik

Im Laufe des Studiums begegnen dir dabei die Neuere deutsche Literaturwissenschaft (NdL), die Sprachwissenschaft und die Ältere deutsche Literaturwissenschaft (ÄdL).

In der NdL beschäftigst du dich mit Texten vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei geht es keineswegs nur um die berühmten Werke der Weimarer Klassik. Dass du dich im Studium mit unterschiedlichen Textformen und Gattungen auseinandersetzt und dabei immer wieder neue erzählerische Strukturen entdeckst, zeigt, wie modern und nahbar das Fach sein kann.

Die Sprachwissenschaft untersucht Sprache hingegen aus den unterschiedlichsten Perspektiven, und zwar oft systematisch. Das strukturierte Herleiten, das Erkennen von Mustern und das Aufstellen von sprachlichen Regeln – etwa bei der Analyse historischer Lautverschiebungen – erfordert präzises, analytisches Denken. Es ist faszinierend zu sehen, wie unsere Kommunikation im Grunde wie ein gigantischer, logischer Code funktioniert.

Doch so spannend es ist, Sprache in ihre kleinsten Einzelteile zu zerlegen, zieht es mich inhaltlich doch immer wieder in die Tiefe. Es ist dieser Moment, wenn eine Textstelle, die man beim zehnten Mal Lesen immer noch nicht ganz greifen kann, plötzlich durch eine historische Parallele oder ein bildliches Detail – etwa aus der Kunstgeschichte – einen Sinn ergibt. Das ist für mich der Moment, in dem aus Theorie echtes Wissen wird.

Meine Leidenschaft: Die Mediävistik

Genau hier schlägt mein akademisches Herz: in der ÄdL, der Mediävistik. Sie führt dich mehrere Jahrhunderte zurück. Besonders spannend finde ich, dass mittelalterliche Literatur weit mehr ist als alte Texte. Sie eröffnet einen Zugang zu den Denk-, Lebens- und Vorstellungswelten einer vergangenen Epoche. Plötzlich beschäftigst du dich nicht mehr nur mit Literatur, sondern gleichzeitig mit Geschichte, Kunst, Religion oder gesellschaftlichen Normen. Genau diese Verbindung verschiedener Disziplinen macht den Bereich für mich so spannend.

Gerade hier entfaltet die Kombination meines Studiums mit der Kunstgeschichte ihr volles Potenzial, wenn es um die sogenannte Intermedialität geht. Aktuell arbeite ich mich beispielsweise in die Narratologie und das Zusammenspiel von Text und Bild in spätmittelalterlichen Handschriften ein. Dabei zu beobachten, wie Text und Bild zusammenwirken und sich gegenseitig Bedeutung verleihen, eröffnet immer wieder neue Perspektiven auf die damalige Zeit. Genauso faszinierend ist die Untersuchung historischer Holzschnitte, die uns unschätzbare Einblicke in das damalige Weltbild gewähren.

Natürlich gibt es auch Herausforderungen: Wissenschaftliches Arbeiten, das Schreiben von Hausarbeiten oder das Halten von Referaten – das sind Fähigkeiten, die du Schritt für Schritt erarbeitest. Eine Hausarbeit bedeutet oft wochenlange Recherche: Du durchforstest Datenbanken, wälzt durch Primärquellen, ordnest Forschungsmeinungen und feilst tagelang an der eigenen Argumentation. Das kann mitunter anstrengend sein. Rückblickend gehören genau diese Herausforderungen aber zu den Dingen, an denen ich persönlich am meisten gewachsen bin.

Umso wichtiger ist es, sich einen Ausgleich zur strengen wissenschaftlichen Arbeit zu schaffen. Auch wenn der Zeitplan im Semester oft eng getaktet ist: Für mein kleines Ritual schlage ich mir die Zeit fast immer heraus. Wenn meine Hausarbeit inhaltlich steht, fahre ich den Laptop herunter, greife zum Bleistift und zeichne das Deckblatt für meine Arbeit. Diese ruhigen Stunden, in denen ich das Thema noch einmal gestalterisch und kreativ aufgreife, sind mein bewusster Anker, um nach der rein analytischen Arbeit wieder bei mir selbst anzukommen.

Was du später mit dem Germanistik-Studium machen kannst

Wenn ich erzähle, dass ich Germanistik studiere, kommt früher oder später fast immer dieselbe Frage: „Und was macht man später damit?“ Lehramt ist nur eine Möglichkeit. Die beruflichen Wege sind enorm vielfältig und führen in Verlage, Kulturinstitutionen, Bibliotheken, Archive, in die Wissenschaft, den Journalismus oder die Öffentlichkeitsarbeit.

Mich persönlich zieht es besonders in die Forschung. Jetzt, im fünften Semester, merke ich im Studium immer wieder, wie viel Freude mir das wissenschaftliche Arbeiten macht. Eigene Fragestellungen zu entwickeln, Quellen auszuwerten und Zusammenhänge zu erschließen, begeistert mich jedes Mal aufs Neue. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, später einmal selbst an der Universität zu forschen.

Wenn du also bei Germanistik immer noch zuerst an Goethe, Schiller und meterhohe Bücherstapel denkst, hoffe ich, dass ich dein Bild ein wenig erweitern konnte. Für mich ist dieses Studium vor allem eines: unglaublich vielseitig. Es verbindet Sprache, Literatur, Geschichte und Kultur – und hat mich in Bereichen begeistert, mit denen ich zu Beginn nie gerechnet hätte.

Von Svea Täubert

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