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    Die Rationalitäten sind in Schieflage

    26.03.2020

    Wie beeinflusst die Corona-Pandemie den Welthandel? Was ist zu tun, damit sich die Folgen für die Wirtschaft zukünftig nicht wiederholen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich zur Zeit der Wirtschaftswissenschaftler Ronald Bogaschewsky.

    Die Corona-Pandemie trifft den Welthandel hart. Man hätte gewarnt sein können, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ronald Bogaschewsky.
    Die Corona-Pandemie trifft den Welthandel hart. Man hätte gewarnt sein können, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ronald Bogaschewsky. (Bild: OstapenkoOlena / iStock)

    Professor Ronald Bogaschewsky ist Inhaber des Lehrstuhls für BWL und Industriebetriebslehre an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit Wertschöpfungsprozessen von Unternehmen, mit dem Beschaffungsmanagement und mit Nachhaltigkeit. Im Interview schildert er, was die Corona-Pandemie für die Wirtschaft bedeutet und was getan werden muss, dass sich Vergleichbares in Zukunft nicht wiederholt.

    Herr Prof. Bogaschewsky, hätten Sie ein Szenario, wie wir es jetzt erleben, vor zwei, drei Monaten für möglich gehalten? Ich glaube, das hat wohl fast niemand. Allerdings muss man deutlich sagen, dass Gesundheitsexperten in der Vergangenheit vor solchen Szenarien gewarnt haben. So gesehen, war eine solche Krise wohl überfällig. Man könnte auch sagen, dass wir bisher einfach nur viel Glück gehabt haben, wenn man die Unbedarftheit betrachtet, mit der wir alle weltweit unterwegs sind, und sieht, wie wenig wir uns um diese Gefährdungen im Sinne einer bestmöglichen Prävention bisher gekümmert haben.

    Sie haben gerade an der SupplyTechs Digital Conference – dank der Corona-Pandemie „Deutschlands erster digitalen Konferenz rund um den Einkauf der Zukunft“ – teilgenommen. Hat sich denn dort schon gezeigt, dass die Corona-Pandemie den Einkauf der Zukunft verändern wird? Angesichts der sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen der Unternehmen, die die Referenten dort vertreten haben, gibt es natürlich verschiedene Sichtweisen des Problems und dessen langfristige Auswirkungen auf den Einkauf und die Wertschöpfungsketten. Ich glaube aber, dass bei allen Teilnehmern die Erkenntnis deutlich gewachsen ist, dass die Themen Risiko und Nachhaltigkeit sehr viel stärker in wirtschaftliche Entscheidungen – also auch bei der Auswahl von Lieferanten – einfließen müssen, als dies bisher der Fall war. Damit werden automatisch auch andere Prioritäten für oder gegen alternative Bezugsquellen einhergehen; die Lieferkette wird sich verändern. Das wird natürlich nicht von heute auf morgen in der Breite passieren, zumal es mehr als ein oder zwei Jahre dauern kann, bis neue Lieferanten benötigte Produkte in Serie zur Verfügung stellen können.

    Der Titel Ihres Vortrags lautete „Globale, widerstandsfähige und nachhaltige Versorgungsketten - Mission Impossible?“ Wie stark bedroht die Corona-Pandemie aktuell diese Versorgungsketten? Es ist eindeutig, dass sich die Art und Weise, wie wir im globalen Kontext wirtschaften, grundlegend ändern muss. Zudem müssen die Thema Versorgungssicherheit und Risikobeherrschung deutlich stärker gewichtet werden. In einigen Industrien, beispielsweise der Autobranche, wurde das kostensenkungsorientierte Effizienzprinzip deutlich überzogen. Hier wurde aus einem gesunden Schlanksein eine gefährliche Magersucht, die den „Patienten“ bereits bei einem kleineren Infekt lebensgefährlich bedrohen kann. Es verwundert daher nicht, dass in vielen Unternehmen aus solchen Branchen die Verzweiflung aktuell extrem hoch ist, da Lieferungen schlichtweg ausbleiben und es keine Pufferbestände gibt.

    Sehen das die Betroffenen auch so? Interessanter- und erfreulicherweise gibt es in einigen Bereichen einen Bewusstseins- und Verhaltenswandel in Richtung „Coopetition“, also einer Mischung aus Kooperation und Konkurrenz, bei der man versucht, ein gegenseitiges Geben und Nehmen zum Nutzen aller zu bewerkstelligen. Darauf allein sollte man sich aber heute noch nicht verlassen. Da die globale Krise von Osten nach Westen zieht, macht es Hoffnung, dass beispielsweise viele chinesische Unternehmen wieder die Produktion aufgenommen haben und Lieferungen ankündigen, wohingegen der Höhepunkt der Krise in Europa und den USA wohl noch vor uns liegt. Insofern gibt es auch berechtigte Hoffnung, dass einige Lieferengpässe durch ein aktives globales Management abgemildert werden können. Ohne erheblichen wirtschaftlichen Schaden wird die Krise aber nicht an uns vorbeiziehen.

    Hätten sich mit der entsprechenden Vorbereitung die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie vermeiden oder verringern lassen? Ein aus meiner Sicht systematischer Fehler besteht darin, dass Risiken nicht in ausreichender Weise bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden. Unternehmen machen zumeist eine sogenannte Total Cost of Ownership-Analyse, wo neben den erwarteten Einstandspreisen Faktoren einfließen wie Logistikkosten. Damit hört es dann aber bei der Entscheidung für oder gegen einen Lieferanten meist auf. Es wird in naiver Weise angenommen, dass ein noch eher unerfahrener Anbieter fern der Heimat hinsichtlich aller anderen Aspekte quasi identisch ist zu dem etablierten Lieferanten um die Ecke. Die Kosten für die zumeist erforderliche engere Steuerung, Kontrolle und für die aufwendigere Kommunikation soll über einen Fixkostenblock „Global Sourcing“ pauschal abgedeckt werden. Und wenn es hakt, muss halt Krisenmanagement erfolgen.

    Man hätte die Folgen, die jetzt zu sehen sind, also vermeiden können? Eine vollständige Vermeidung des Risikos ist wenig realistisch. Gut beraten ist jedoch jeder, der zunächst die Beschaffungsmärkte gründlich nach alternativen Lieferanten durchsucht. Hierfür gibt es von unserem Würzburger Vorzeige-Start-up scoutbee eine tolle KI-basierte Lösung. Basierend auf einer hohen Markttransparenz kann man dann Risikoprofile für die Lieferanten und die Regionen, in denen diese angesiedelt sind, generieren. Dies alles sollte in eine fundierte Beschaffungsentscheidung unter Berücksichtigung von Kosten, Leistung und Risiken einfließen. Diese sollte auch potentielle Zweit- und Ersatzlieferanten beinhalten. Leider ist man in der Praxis hier nicht überall so weit.

    In der Süddeutschen Zeitung schreibt die Soziologin Eva Illouz: „Die jetzige Krise ist der Preis, den wir für die mangelnde Aufmerksamkeit der Politiker zahlen: Unsere Gesellschaften waren zu sehr damit beschäftigt, nach Gewinn zu streben, Land und Arbeit auszubeuten, wo immer sie konnten“. Sehen Sie das auch so? Wir haben in globaler Perspektive ein Grundproblem: Hier herrscht letztlich in weiten Teilen Raubtierkapitalismus. Die relativ hohen rechtlichen und ethischen Normen, die wir innerhalb der EU haben, sind dort vielfach außer Kraft gesetzt. Die Welthandelsorganisation WTO ist leider oft ein zahnloser Tiger, so dass Protektionismus, Handelsbeschränkungen, staatlich gestütztes Dumping und auch politisch gesteuerte globale Expansion blühen. Vor dem Hintergrund einer in einigen Bereichen kritisch werdenden Knappheit wichtiger natürlicher Ressourcen sichern sich einige Staaten den Zugriff hierauf. Wenn es dann wirklich eng wird, ist es vorbei mit dem „freien Weltmarkt“, und man bedient sich natürlich erst einmal selbst. Wenn man nun noch berücksichtigt, dass negative externe Effekte wie Klimaschäden oder Sozialdumping in der Regel nicht eingepreist werden und spekulative Geschäfte Börsenkurse für Rohstoffe im Ernstfall um ein Vielfaches stärker beeinflussen als reale Nachfrage und Angebot, dann fragt man sich, wie wir das eigentlich regeln beziehungsweise ob es da überhaupt eine Regelung gibt.

    Aber von der Wirtschaft wird doch eher über eine zu ausgeprägte Regelungswut geklagt. Ich habe daran für einige Bereiche so meine Zweifel. Auch wir als EU haben massiv dazu beigetragen, die Meere vor den afrikanischen Küsten leer zu fischen und die Märkte mit massiv subventionierten Agrarprodukten zu überschwemmen. Die um ihre Existenz gebrachten Fischer und Bauern werden erst Sozialhilfeempfänger, Bettler oder kriminell und machen sich dann auf zu uns ins „gelobte“ Europa. Diese Entwicklung war seit vielen Jahren absehbar, und jetzt bekommen wir diese Tragödie für die Flüchtlinge nicht geregelt, da unter anderem die erforderliche Solidarität in der EU fehlt, Flüchtlinge aufzunehmen. Man kann sich gar nicht genug schämen, angesichts der Ertrinkenden und in Lagern Dahinvegetierenden.

    Also hat Frau Illouz mit ihrer Analyse recht? Ja, das hat sie wohl. Und in der Tat liegt hier Politikversagen vor. Bitte nicht immer die Unternehmen für alles verantwortlich machen. Die müssen im oftmals sehr harten Konkurrenzkampf ums Überleben und damit auch für den Erhalt von Arbeitsplätzen kämpfen. Auch mit einer gelebten unternehmerischen Nachhaltigkeitsagenda wird sich global die Art und Weise, wie wir wirtschaften, nicht grundlegend systemisch ändern. Dazu bedarf es der Neudefinition der Rahmenbedingungen und dazu gehört eben vor allem die Internalisierung externer Effekte, beispielsweise die wirksame Bepreisung umweltschädlicher Emissionen – egal, ob nun per Steuer oder über einen Zertifikatehandel, der auch wirklich funktioniert.

    Manche Wissenschaftler rechnen damit, dass die Herstellung strategisch wichtiger Produkte künftig mehr im Inland stattfinden wird und Unternehmen ihre Lieferketten weniger global aufstellen werden. Teilen Sie diese Ansicht? Es fragt sich, wie man „strategisch wichtig“ definiert. Wir kommen aus der internationalen und auch weltweiten Arbeitsteilung nicht mehr raus. Das ist auch gut so, denn jedes Land soll seine komparativen Wettbewerbsvorteile nutzen und so für materiellen Wohlstand im eigenen Land sorgen dürfen. Ich frage mich aber schon, warum man aus meiner Sicht strategisch sehr wichtige Produktionen solch großen Risiken aussetzt.

    Welche Produktionen meinen Sie konkret? Wir beziehen zum Beispiel sehr viele Grundstoffe für die Chemie- und Pharmaindustrie aus China oder aus Indien. In Indien gibt es eine große Produktionsstätte für Antibiotika, die angesichts der schlechten technischen Bedingungen das Umland mit multiresistenten Keimen vergiftet. Wir sparen ein paar Cent je Packung, machen uns aber in unverantwortlicher Weise abhängig und sorgen für massive Umweltschäden und Gefährdungen.

    Dabei geht es nur um Geld? Nicht nur. Niemand will schmutzige oder gefährliche Produktionen in seiner Umgebung – also sollen es die anderen machen. Wir fahren sauber elektrisch, vergiften dafür aber die Welt an anderer Stelle. Die Rationalitäten in den Industrieländern sind in Schieflage, manchmal sogar in obszönem Ausmaß. Auch hier haben keinesfalls allein die Unternehmen Schuld, sondern letztlich unsere Werte und damit unsere Gesellschaft und deren politische Vertreter. Sicherlich nicht unbedenklich und strategisch unklug ist auf jeden Fall, dass wir abhängig sind von elektronischen Produkten, die meist in den USA maßgeblich entwickelt und in Südostasien produziert werden. Aktuell soll es keine Laptops auf dem freien Markt geben. Wir können eine Zeitlang ohne Klopapier leben. Ohne Computer sind wir ruckzuck wettbewerbsmäßig am Ende und damit in einer noch dickeren Krise.

    Was sollte man dagegen tun? Wir müssen wieder unsere nach wie vor exzellenten Erfindungen selbst in Produktionen umsetzen und dies möglichst hier vor Ort. Wenn wir uns zudem rückbesinnen und wieder mehr die wirklich wesentlichen Werte in den Vordergrund stellen und nachhaltiger agieren, wird die globale Wirtschaft nicht zum Erliegen kommen. Sie wird sich aber hoffentlich darauf konzentrieren, dass nur das, was sinnvoll und zum Wohle möglichst aller auf globaler Ebene an Gütern ausgetauscht werden sollte, auch global gehandelt wird. Niemand will bei uns in Nähereien T-Shirts für drei Euro produzieren. Wir wollen auch keine sklavenähnliche Arbeit „importierter“ Billiglöhner, wie es ja leider in einigen EU-Ländern passiert. Die meisten hochwertigen Produkte können problemlos auch in Hochlohnländern produziert werden. Wenn wir weniger Billigware konsumieren und uns von „Geiz ist geil“ verabschieden, stärken wir automatisch die heimatnahe Produktion. Wenn wir die Umweltkosten einpreisen, essen wir automatisch weniger Fleisch aus Massentierhaltung und mehr biologische sowie lokal erzeugte Produkte.

    Was glauben Sie: Werden die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft die Lehren aus dieser Krise ziehen? Oder wird die Welt zu „Business as usual“ zurückkehren, wenn die Infektionswelle durch ist? Ich fürchte, dass Letzteres der Fall sein wird. Wir lernen zu selten und zu schlecht aus der Geschichte. Allerdings habe ich auch Hoffnung. Man hört heute Wissenschaftlern häufiger und besser zu als noch vor kurzem. Viele kritische und zukunftsgerichtete Denker wurden noch vor wenigen Jahren als Spinner abgetan. Heute hört man ihnen eher zu. Pandemien wie die Corana-Krise, der Klimawandel, die Belastung unserer Ozeane, die Flüchtlingskrise und deren Ursachen, die zunehmend kritische Ressourcenlage auf unserem Planeten: Um all diesen und den weiteren großen Herausforderungen unserer Zeit wirklich Rechnung zu tragen, bedarf es nicht nur neuer Konzepte, sondern vor allem politischen Mut, Willen und Durchsetzungskraft, die daraus zu entwickelnden Maßnahmen umzusetzen. Davon scheinen wir leider noch recht weit entfernt zu sein. Nicht damit anzufangen, ist aber keine Option.

    Vielen Dank für das Gespräch.

    Kontakt

    Prof. Dr. Ronald Bogaschewsky, Telefon: +49 931 31 82936, E-Mail: boga@uni-wuerzburg.de

    Weitere Bilder

    Von Gunnar Bartsch

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