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  • Studierende vor einem Gebäude der Universität Würzburg.

Zwei neue Augustinus-Predigten entdeckt

02.06.2026

In einer lateinischen Handschrift aus einem Kloster in Polen hat ein Würzburger Latinist zwei neue Predigten des Kirchenlehrers Augustinus gefunden. Momentan arbeitet er mit einem Editionsunternehmen an der Erstausgabe.

Augustinus gilt als einer der wichtigsten christlichen Kirchenlehrer. Er hinterließ ein umfangreiches Schriftwerk, das Forschende heute noch beschäftigt.
Augustinus gilt als einer der wichtigsten christlichen Kirchenlehrer. Er hinterließ ein umfangreiches Schriftwerk, das Forschende heute noch beschäftigt. (Bild: Renáta Sedmáková / Adobe Stock)

An einem Tag im Jahr 2024 klingelt das Telefon von Professor Christian Tornau, Latinist an der Universität Würzburg: Ein Mitarbeiter des Klostervereins Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern bittet ihn, eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert zu entziffern, die ursprünglich der Abtei Bad Doberan gehörte, heute aber in deren Tochterkloster Pelplin in Polen aufbewahrt wird. In der Handschrift enthalten: sechs Predigten des christlichen Kirchenlehrers Augustinus von Hippo (354-430).

Was zunächst wie ein normaler philologischer Arbeitsauftrag abläuft, wird zu einer Entdeckung: „Bei zwei von den sechs Predigten handelt es sich um bisher unentdeckte Augustinus-Schriften“, freut sich Professor Tornau über den unerwarteten Fund. Aktuell arbeitet er mit Professorin Dorothea Weber und Dr. Clemens Weidmann vom Editionsunternehmen CSEL (Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum) an einer Edition der beiden lateinischen Predigten.

Augustinus war Bischof von Hippo Regius im heutigen Algerien und gilt als einer der wichtigsten Kirchenväter. Als philosophisch und theologisch einflussreichster Denker des lateinischen Christentums prägte er die abendländische Philosophie, die Gnadenlehre sowie das Verständnis von Kirche und Glauben maßgeblich.

Eine Hexe, eine Beschwörung und Gott

Die neuentdeckten Predigten handeln von der alttestamentlichen Geschichte der Hexe von Endor aus dem ersten Buch Samuel. „Saul glaubt sich kurz vor einer Schlacht gegen die Philister in einer aussichtslosen Lage. Gott hört nicht auf seine Gebete. Er wendet sich an eine Hexe“, erklärt Tornau. Diese beschwört auf Bitten Sauls den vermeintlichen Geist des verstorbenen Propheten Samuel, der ihm den Tod in der Schlacht vorhersagt.

Die Geschichte wirft eine theologische Frage auf: „Warum kann eine Totenbeschwörerin den Geist eines Propheten rufen? Das eröffnet wiederum das Theodizee-Problem: Wie kann ein allmächtiger Gott das zulassen oder ist er gar nicht wirklich allmächtig?“, so der Latinist. In der Theologie gebe es zwei Auslegungen: Entweder müsse es sich um eine Täuschung der Hexe handeln, oder Gott habe die Beschwörung zugelassen, um Saul vor dem sicheren Tod zu warnen.

Mit diesen Lesarten spielen die Predigten. „Die erste wurde im Sonntagsgottesdienst gehalten und endet mit der Theodizee-Frage und den Auslegungen. Erst die zweite Predigt am darauffolgenden Mittwoch wog die Optionen ab“, so Tornau. Das Kirchenpublikum erhielt also eine gewisse Freiheit, sich eigene Gedanken zur Bibelstelle zu machen.

Typisch Augustinus

Laut dem Würzburger Wissenschaftler ist diese Didaktik und Rhetorik typisch für Augustinus: Auslegungsoptionen darlegen, ein finales Urteil auslassen und das Publikum selbst nachdenken lassen. „Auch Stil, Witz und Inhalt weisen deutlich darauf hin, dass die Predigten in den Handschriften tatsächlich von Augustinus stammen“, sagt Tornau.

Es gab bereits Fälle, in denen sich vermeintliche Augustinus-Schriften als Fälschungen erwiesen. Deshalb ging der Latinistik-Professor behutsam vor: Er analysierte den Text zusammen mit dem Experten Clemens Weidmann, recherchierte akribisch und veranstaltete im Herbst 2025 eine Sommerschule in Wien. Dorthin kamen 20 weitere Latinistinnen und Latinisten, um gemeinsam die Echtheit zu diskutieren und zu verifizieren. Am Ende waren sich alle einig: Die Predigten sind echt.

Zwei Predigten ergänzen umfangreiches Schriftwerk

Die Überlieferungsgeschichte der Predigten zu rekonstruieren, erwies sich als Herausforderung. „Zunächst ist die Entstehung einer solchen Handschrift im 12. Jahrhundert ungewöhnlich. Typischer wäre eine Abschrift Anfang des 8. oder 9. Jahrhunderts“, so Latinist Tornau. Dass die Handschrift auf eine Vorgängerversion aus dem niedersächsischen Kloster Amelungsborn basiert, hält er deshalb für sehr wahrscheinlich.

„Ein alter Katalog aus dem Kloster erwähnt einen Text, der die gleichen Überschriften trägt und die gleiche Inhaltsabfolge wie unsere Handschrift aufweist. Er könnte als Vorlage gedient haben“, erklärt der Forscher. Hundertprozentig bestätigen kann Tornau die Vermutung nicht, da der gesamte Bibliotheksbestand des Klosters Amelungsborn während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) verbrannt ist.

Die Erstedition wird auf die Überlieferung eingehen und Inhalt sowie Echtheit der Predigten einordnen. „Hier haben wir nicht einen Sensationsfund wie die 30 Augustinus-Schriften, die 1990 in Mainz entdeckt wurden. Aber wir ergänzen das umfangreiche Schriftwerk von Augustinus mit zwei weiteren spannenden Texten in einer kritischen Ausgabe“, resümiert Tornau. Die Edition erscheint voraussichtlich Ende 2026 bei CSEL.

Kontakt

Prof. Dr. Christian Tornau, Professur für Klassische Philologie, T +49 931 31-88419, christian.tornau@uni-wuerzburg.de

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Von Martin Brandstätter

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