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    Wesentliche Fragen, die die Republik bewegen

    12.11.2019

    Am 6. November ist im Welz-Haus die neue Reihe „Würzburger Gespräche“ gestartet. Veranstaltet vom Siebold-Collegium – Institute for Advanced Studies (SCIAS) der Universität diskutieren dort Wissenschaftler aktuelle Themen.

    Drei unterschiedliche Fachgebiete, ein gemeinsames Thema. Über „Künstliche Intelligenz“ diskutierten (v. l.): der Jurist Eric Hilgendorf, der Informatiker Andreas Hotho und der Philosoph Wolfgang M. Schröder.
    Drei unterschiedliche Fachgebiete, ein gemeinsames Thema. Über „Künstliche Intelligenz“ diskutierten (v. l.): der Jurist Eric Hilgendorf, der Informatiker Andreas Hotho und der Philosoph Wolfgang M. Schröder. (Bild: Joachim Fildhaut)

    „Künstliche Intelligenz: Nutzen und Risiken“: So hieß das Motto des ersten Abends in der neuen Reihe der „Würzburger Gespräche. Universitätspräsident Alfred Forchel begrüßte den mit gut 50 Besucherinnen und Besuchern vollen Hörsaal im Gästehaus der Universität: Das Interesse zeige, dass wir „dieses Thema nicht umgehen können. Es ist jetzt schon Alltag.“ Forchel erinnerte sich an die Zeit seiner Promotion Anfang der 1980er-Jahre, als man davon ausging: „Computer können keine Muster erkennen. Man war fest davon überzeugt, dass so etwas wie Gesichtserkennung völlig unmöglich sei.“ Und so führte er in das erste Würzburger Gespräch ein: „Andere Rechtsgebiete haben andere Regeln“, daher müsse man überlegen, inwieweit wir „einerseits unsere Werte unter geänderten Bedingungen fortschreiben und andererseits Techniken zum Wohl unseres Lebensnutzens entwickeln können“.

    Für dieses Spannungsfeld hatte SCIAS – das Siebold-Collegium – Institute for Advanced Studies (SCIAS) der Universität Würzburg – drei Würzburger Professoren als Podiumsgäste ausgesucht: den Informatiker Andreas Hotho, den Juristen Eric Hilgendorf und den Philosophen Wolfgang M. Schröder, letztere beide systematisch mit Konsequenzen der Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) befasst.

    Enorme Fortschritte in der Datenverarbeitung

    Relativ einfach führten die drei in ihre Sachgebiete ein. Andreas Hotho, Inhaber des Lehrstuhls für Informatik X (Data Science), erinnerte an den Begriff des Maschinellen Lernens, ein Teilgebiet der „schwammig definierten KI“. Das Maschinelle Lernen habe Aufgaben vergleichbar damit, einen Bücherstapel zu trennen in Fachbücher und Romane, unter den Fachbüchern anschließend in Mathematik- und Physikbücher: „In vielen Bereichen ist ein solches Lernen aus Beispielen wichtig. Und hier wurden in den letzten Jahren die enormen Fortschritte gemacht.“ Das liege an der Fähigkeit, enorme Datenmengen zu verarbeiten. Eine wichtige Scheidelinie sei hier die zwischen personalisierten, anonymisierten und nicht personenbezogenen Daten.

    „Viele verschiedene Blickwinkel sind an der Universität vertreten“, hatte SCIAS-Direktoriumsmitglied Professorin Ulrike Holzgrabe eingangs versprochen. Eric Hilgendorf, Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht und Strafprozessrecht, Informationsrecht und Rechtsinformatik, ging das Thema denn auch von ganz anderer Seite an. An ihn hatten sich die Robotiker der Julius-Maximilians-Universität gewandt mit der Frage, wie sie es schaffen könnten, eine städtische Genehmigung zu bekommen, um ihren mitdenkenden Rollstuhl im Straßenverkehr ausprobieren zu dürfen. Für Hilgendorf sind ein wesentlicher Aspekt an KI die Haftungsfragen, für die es bereits eine differenzierte Rechtssprechung gebe: „KI schreit nicht nach einem neuen Rechtssystem. Man muss die bestehenden Grenzlinien vor Gericht aushandeln, und dabei kommt man mit einer vorsichtigen Entwicklung des bestehenden Rechts zurecht.“

    Die Bevölkerung wird nicht aufgeklärt

    Dem widersprach Wolfgang M. Schröder, der am Institut für Systematische Theologie der JMU die Professur für Philosophie inne hat: Dieser Tage finde alles andere als eine vorsichtige Entwicklung statt. Vielmehr befinde der Bundestag darüber, ob die gesamten Krankenkassendaten aller Versicherten mit Hilfe von KI ausgewertet werden dürfen und inwieweit der einzelne Versicherte hier ein Entscheidungsrecht eingeräumt bekomme. Und vor allem: „Man klärt die Bevölkerung nicht darüber auf!“ Das sei aber nötig, um KI „an richtiger Stelle einzusetzen“, bekannte der Berater mehrerer bundesweiter High-Tech-Gremien.

    Wolfgang M. Schröder versuchte eine grundsätzliche Differenz in die Debatte zu bringen: Damit KI die Menschenrechte und die Menschenwürde achte, sollten Daten nie als Waren behandelt werden. Unabhängig von Hothos technischem Bedenken, man könne „Daten erst anonymisieren, wenn man sie vorher gewonnen hat“, kam das Podium in einem ersten Punkt – von zweien – überein: Es fehlt eine Instanz, die Entscheidungen über den Umgang mit Daten legitimiert treffen kann. In vielen Fällen möge eine solche Instanz der einzelne Bürger sein. Dennoch verlaufen vor einer solchen Partizipation einige derzeit ungeklärte Grenzlinien. Hier brachte Professor Hotho, sonst eher Spezialist fürs Technische, das „Modell“ ein: „Jeder Bürger gibt ein bisschen Datenschutz ab, kann dafür aber mitentscheiden.“ Zu solchen „wesentlichen Fragen, die die Republik bewegen“, müssten „Gespräche kultiviert werden“, wies der Philosoph Schröder die Richtung und forderte mehr Engagement von Kollegen in Komitees und Ausschüssen.

    Asien und die USA haben einen gewaltigen Vorsprung

    Zweitens herrschte Einheit unter den Dreien: Europäische Wissenschaftler können den technischen Vorsprung der Digitalwirtschaft in den USA und in etlichen asiatischen Ländern nicht mehr aufholen. Dort verfügten Firmen über riesige Datenmengen und über avancierteste Technologie, diese Big Data auch auszuwerten. Für Hotho ist es bezeichnend, dass der Digitalkonzern Google „Prozessoren entwickelt, ohne damit auf den Markt zu gehen“. Aber, so Hilgendorf: „Im Juristischen sind Europäer und gerade die Deutschen ganz vorne dran. Wir werden weltweit auch tatsächlich zur Kenntnis genommen“. Nur, was ‚die Chinesen’ daraus machten, das sei natürlich eine andere Frage.

    Auch wenn die europäische Digitalwirtschaft von der ganz großen Entwicklung abgekoppelt ist, wies Andreas Hotho auf eine Chance: Man könne sinnvoll und avanciert mit KI „in Spezialbereichen arbeiten, die nicht im Fokus der großen Firmen stehen“. Schröder blieb der skeptischste im ersten Würzburger Gespräch, gerade im Hinblick auf Suchmaschinen und Soziale Netzwerke: „Wie haben es die großen Firmen geschafft, die Bürger so ganz aus dem Dialog rauszuhalten?“

    Weitere Gespräche folgen

    Die Würzburger Gespräche werden am 22. Januar voraussichtlich um 18.30 Uhr in der Klinikstraße 6 fortgesetzt mit „Big Data in der Medizin“, blickte Professorin Ulrike Holzgrabe voraus. Es folgen im Frühjahr ein Podium zur Digitalen Schule und zur philologischen Textverarbeitung: Brauchen wir noch eine philosophische Fakultät?

    Von Joachim Fildhaut

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