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    Weg vom Objekt, hin zum Menschen

    21.06.2022

    Dr. Nevine Zakaria ist Beamtin im ägyptischen Ministerium für Tourismus und Altertümer. Als Humboldt-Stipendiatin an der Uni Würzburg erforscht sie jetzt deutsche Museumskultur. Ihr Blick gilt dabei vor allem der Barrierefreiheit.

    Nevine Zakaria ist seit November 2021 für zwei Jahre zu Gast an der Universität Würzburg. In dieser Zeit will sie eine neue strategische Vision für ägyptische Museen entwickeln.
    Nevine Zakaria ist seit November 2021 für zwei Jahre zu Gast an der Universität Würzburg. In dieser Zeit will sie eine neue strategische Vision für ägyptische Museen entwickeln. (Bild: Gunnar Bartsch / Universität Würzburg)

    Was sie am meisten vermisst hier in Würzburg? Natürlich ihre Familie, die mit Ausnahme ihres Sohnes in Kairo geblieben ist. Knapp dahinter folgt aber ein ganz anderer Punkt: „Meine Projekte!“, sagt Dr. Nevine Nizar Zakaria. „Ich habe hier so viele Anregungen erhalten und Ideen entwickelt, dass ich es kaum abwarten kann, diese endlich in die Tat umzusetzen.“

    Man muss sich nur wenige Minuten unterhalten mit „Dr. Nevine“, wie man in Ägypten sagt, um von dieser Aussage überzeugt zu sein. Die Museumsexpertin sprüht vor Begeisterung, wenn sie von ihren Plänen für Ausstellungen und Museen in ihrer Heimat spricht – ganz besonders, wenn es dabei um ihr Herzensanliegen geht: die Barrierefreiheit.

    „Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen haben in Ägyptens Museen noch keine Priorität“, sagt sie. Und wenn doch einmal an diese Gruppe gedacht werde, orientieren sich die Angebote in erster Linie an den Bedürfnissen von Menschen mit körperlichen Defiziten; andere Einschränkungen würden so gut wie gar nicht berücksichtigt.

    Führungen für Menschen mit Demenz und Autismus

    Das hat Nevine Zakaria in Deutschland ganz anders erlebt. Ihr Lieblingsmuseum ist deshalb das Staatliche Museum Ägyptischer Kunst in München. „Dort gibt es eine Rampe vor dem Gebäude für Rollstuhlfahrer, Audioguides und spezielle Angebote für Blinde und Sehbehinderte“, schwärmt sie. Was sie jedoch viel mehr fasziniert: Das Museum bietet Führungen für Menschen mit Demenz oder Autismus an. „Hier hat sich ein deutlicher Wandel vollzogen: Das Museum ist nicht mehr der Ort, an dem Objekte im Mittelpunkt stehen, sondern eine Einrichtung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt – und zwar alle Menschen“, sagt sie.

    Nevine Zakaria ist seit November 2021 für zwei Jahre zu Gast an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) – ausgestattet mit einem Forschungsstipendium für Postdocs der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Ihr Gastgeber ist Guido Fackler, Inhaber der Professur für Museologie. „Ich kenne Professor Fackler durch die Kooperation der Universität Würzburg mit der Helwan University in Kairo, an der ich Vorlesungen halte“, sagt sie.

    Fackler sei der ideale Gastgeber für sie: „Er ist sehr kooperativ und engagiert, hat viele neue Ideen und ist extrem gut vernetzt in der deutschen Museumslandschaft.“ Dank seiner Kontakte und Anregungen habe sie einen ausgefeilten Plan erstellen können mit Besuchen von Museen und Ausstellungen in Deutschland, die zu ihrem Forschungsthema passen. Dortmund, Karlsruhe, Köln, Mannheim und natürlich auch das Martin von der Wagner Museum der Universität sind ein paar der Stationen auf ihrer Agenda.

    Beamtin und Dozentin

    Nevine Zakaria hat in Kairo Ägyptologie und Archäologie studiert und darin promoviert. Mittlerweile arbeitet sie als hohe Beamtin im ägyptischen Ministerium für Tourismus und Altertümer; dort ist sie unter anderem für „Museums- und Ausstellungsangelegenheiten“ zuständig sowie für die Entwicklung von Besucherdiensten in den Museen und archäologischen Stätten des Ministeriums.

    In dieser Funktion war sie unter anderem an der Planung und Konzeption des Grand Egyptian Museum beteiligt, das voraussichtlich in diesem Jahr eröffnet werden soll. Aber auch andere Museen, wie beispielsweise das National Museum of Egyptian Civilization, Egypt's Capital Museum oder das Gayer-Anderson Museum gehörten in ihren Zuständigkeitsbereich.

    Darüber hinaus ist sie seit 2015 an der Helwan University als Dozentin für Museologie tätig und prüft und betreut Master- und Doktorarbeiten im Rahmen der Joint-Master-Programme und des PhD-Programms mit der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

    Kaum Engagement in Sachen Inklusion

    „Museen übernehmen heutzutage eine wichtige Rolle im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung“, sagt die Wissenschaftlerin. Als Akteure des sozialen Wandels hätten Museen die Möglichkeit, Vorurteile zu bekämpfen und allen gesellschaftlichen Gruppen, einschließlich Menschen mit Behinderungen, die Teilhabe zu ermöglichen. „Allerdings hat der ägyptische Museumssektor bislang nur wenig Engagement gezeigt, wenn es um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen oder älteren Erwachsenen geht“, sagt Zakaria. Und das, obwohl das ägyptische Gesetz vorschreibt, dass Menschen mit Behinderungen gleichberechtigten Zugang zur Teilnahme am kulturellen Leben haben müssen.

    Deshalb plant Zakaria, im Rahmen ihres Humboldt-Stipendiums eine neue strategische Vision für ägyptische Museen zu entwickeln mit dem Ziel, Praktiken der Inklusion zu beschleunigen und einen Wandel der sozialen Normen zu fördern. Dafür wird sie zum einen untersuchen, wie deutsche Museen auf dem Gebiet der Inklusion aktiv sind. Zum anderen wird sie den Stand der Inklusionsmaßnahmen in ägyptischen Museen analysieren und kritisch hinterfragen, an welchen Punkten sich die Gesellschaft als Bremser erweist, wenn es darum geht, den Zugang für Menschen mit Behinderungen zu verbessern.

    Die Lehre wird davon profitieren

    Davon profitieren sollen auch ihre Studentinnen und Studenten an der Helwan University. „Als Museologie-Dozentin ist es mir ein Anliegen, in dieser Phase, in der die Beschäftigung der ägyptischen Museologie mit dem ‚Thema ‚Inklusion‘ noch ganz am Anfang steht, eine solide Grundlage für die Ausbildung in dieser Disziplin zu schaffen“, sagt sie. Ihre im Rahmen dieses Forschungsprojekts gewonnenen Erkenntnisse sollen daher „eine wichtige Ressource für die Unterweisung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in bewährten Praktiken der Zugänglichkeit und sozialen Gleichstellung“ darstellen.

    Aber natürlich werden nicht nur ihre Studierenden von dem Stipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung profitieren. Auch sie selbst werde damit deutliche Fortschritte machen: „Das Stipendium wird mein pädagogisches Fachwissen und meine Fähigkeiten verbessern, junge Forscher zu ermutigen, übersehene, aber wichtige Forschungsthemen zu erforschen“, sagt sie. Darüber hinaus werde es sie dazu befähigen, eine neue akademische Teildisziplin einzuführen, die zum ersten Mal in Ägypten Soziologie, Pädagogik, Kulturwissenschaften und Museumskultur miteinander verbindet.

    Und Ägyptens Museen können sich schon jetzt darauf einstellen: Wenn Nevine Zakaria im November 2023 nach Kairo zurückkommt, wird sie einen Koffer voll mit Ideen und Projektplänen dabeihaben, mit denen die Museumslandschaft deutlich inklusiver werden könnte, als sie es momentan ist.

    Kontakt

    Dr. Nevine Nizar Zakaria, Professur für Museologie, nevine.zakaria@uni-wuerzburg.de  

    Von Gunnar Bartsch

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