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    Von Kreativität und Freude am Singen

    04.09.2018

    Juniper Hill ist neue Inhaberin des Lehrstuhls für Ethnomusikologie. Sie interessiert sich unter anderem dafür, wie Musiker kreativ werden, und will Menschen in ihrer neuen Heimat zum Singen bringen.

    Die Ethnomusikologin Juniper Hill
    Die Ethnomusikologin Juniper Hill untersucht unter anderem, wie soziale und kulturelle Faktoren Kreativität in der Musik ermöglichen oder hemmen. (Foto: Gunnar Bartsch)

    Wenn sich heutzutage überall in Irland Menschen zu einer besonderen Form des gemeinsamen Singens treffen, ist Juniper Hill dafür verantwortlich. Als sie 2009 an die Universität in Cork kam, rief sie dort einen Kurs im sogenannten „Shape Note Singing“ ins Leben. Aus ersten wöchentlichen Treffen in Cork entwickelte sich eine lebhafte Szene, die sich nach und nach über das ganze Land ausbreitete. „Heute ist die Szene groß; und ich habe den Samen dafür gelegt“, sagt die Musikwissenschaftlerin stolz.

    Seit Sommersemester 2018 ist Juniper Hill Professorin an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Die gebürtige Kalifornierin hat hier den Lehrstuhl für Ethnomusikologie inne und betreut in Zukunft den dazugehörigen Studiengang. Ihre Forschungsinteressen sind breit gestreut – sie reichen von traditioneller Musik in den Anden, in Finnland und Südafrika über interkulturelle Beziehungen und Pädagogik bis hin zu Überlegungen zum kreativen Prozess beim Musizieren. Dem „Shape Note Singing“ gilt ihre musikalische und pädagogische Leidenschaft.

    Eine demokratische Form des Singens

    „Shape Notes“ sind – vereinfacht ausgedrückt – eine andere Form der Notenschreibweise. Anders als in der westlichen Musiknotation sind hier die Notenköpfe in unterschiedlichen Formen dargestellt. Sie repräsentieren damit Tonhöhen, wie sie aus dem Do – Re – Mi – Fa – So – La – Si – Do-System bekannt sind. „Es macht das gemeinsame Singen einfacher für Menschen, die nicht darin trainiert sind, vom Blatt zu singen“, erklärt Hill die Vorteile dieses Systems.

    Amerikanische Kirchenmusik bildete den Ausgangspunkt des „Shape Note Singings“. Von dort wechselte die Technik in die Folk Music, vor allem im Süden der USA. „Die Menschen kommen zusammen, sitzen im Viereck, und reihum wechseln sich die Leiter der jeweiligen Lieder ab“, erklärt die Ethnomusikologin. Es sei eine „sehr demokratische Form des gemeinsamen Singens“, bei der der Freude am Musizieren im Vordergrund stehe; Perfektion sei nicht das Ziel, weshalb es auch keine Proben gebe, sondern nur regelmäßige Treffen.

    Im Oktober dieses Jahres will Juniper Hill auch in Würzburg das Shape-Note-Singen starten. In ihrem Kurs sind dann nicht nur Mitglieder der Uni willkommen; das Angebot stehe allen Interessierten offen. Einzige Bedingungen: Die Teilnehmer sollten Spaß am Singen haben und regelmäßig an den Treffen teilnehmen. Ob sie glaubt, damit den Startschuss für eine Entwicklung zu geben, vergleichbar mit der in Irland? Sie sei selbst gespannt, sagt Juniper Hill; ein vorrangiges Ziel sie dies allerdings nicht.

    Wie Ethnomusikologen arbeiten

    „Ethnomusikologie unterscheidet sich durch ihre Methoden und Zugänge von anderen Bereichen der musikalischen Forschung“, erklärt Juniper Hill, wenn man sie nach ihrer Arbeit fragt. Ethnomusikologen betrachten nach Hills Worten die Rolle der Musik in der Kultur und der Gesellschaft und den Einfluss von Kultur und Gesellschaft auf die Produktion von Musik. Sie erforschen den gesamten musikalischen Prozess und beobachten den Menschen bei der Musikproduktion. „Man kann also sagen, dass wir einen eher anthropologisch und soziologisch orientierten Ansatz verfolgen“, sagt Hill. Dementsprechend sind Studien vor Ort, Interviews und teilnehmende Beobachtungen fester Bestandteil ihrer Arbeit – mit dem Ziel zu verstehen, wie und warum Menschen Musik machen.

    Die Lust zum Reisen und das Interesse an fremden Menschen sind deshalb wichtige Eigenschaften, über die ein Ethnomusikologe verfügen sollte. Juniper Hill hat im Laufe ihrer wissenschaftlichen Karriere viel Zeit in Ecuador verbracht und dort die Musik der Anden studiert. Es folgten lange Aufenthalte in Südafrika und in Finnland, wo sie sogar Finnisch lernte – eine Sprache, die nicht allein wegen ihrer 15 Fälle westliche Muttersprachler vor hohe Hürden stellt. Man müsse als Ethnomusikologe allerdings nicht unbedingt immer so weit reisen. So erforsche beispielsweise der Doktorand Fabio Dick an ihrem Lehrstuhl aktuell den Begriff „Heimat“ in der bayerischen Popularmusik.

    Forschung zu Kreativität

    Kreativität bildet einen weiteren Schwerpunkt in der Forschung von Juniper Hill. Das Ergebnis ihrer langjährigen Arbeit liegt seit kurzem vor: ein 272 Seiten starkes Buch mit dem Titel „Becoming Creative – Insights from Musicians in a Diverse World“. In dem Buch untersucht die Wissenschaftlerin, wie soziale und kulturelle Faktoren Kreativität in der Musik ermöglichen oder hemmen. Sie integriert dabei Perspektiven aus den Bereichen Ethnomusikologie, Pädagogik, Soziologie und Psychologie und gibt den Stimmen der praktizierenden Musiker und Musikpädagogen Raum.

    Wie erforscht man Kreativität? „Ich habe mir unter anderem angeschaut, wie Musik unterrichtet wird, wie Menschen das Musikspielen lernen“, erklärt die Professorin. Wie werden melodische Variationen gelehrt, was ist gut, was wird akzeptiert, wie entwickelt man sein Wissen und seine Fähigkeiten? Zusätzlich sind äußerst detaillierte Interviews mit Musikern wichtige Grundlage ihrer Forschung. Was bedeutet Kreativität für sie, wann fühlen sie sich kreativ, wann nicht? Wie bereiten sie sich auf das Improvisieren vor, wie sieht ihr „Werkzeugkasten“ dafür aus? Solchen Fragen geht Juniper Hill in ihren Interviews nach. Ihr Ziel sei „ein phänomenologisches Verstehen des kreativen Prozesses und seiner Einflüsse“.

    Und was hat sie sich für ihre Zeit in Würzburg vorgenommen? Sie stehe gerade an einer Wegkreuzung, sagt Juniper Hill. Mit dem Erscheinen ihres neuen Buchs sei ein Meilenstein erreicht, nun könne sie überlegen, wie es weitergehen soll. Ein Ziel stehe allerdings schon fest: „Ich bin momentan damit beschäftigt, für die Ethnomusikologie einen Master-Studiengang mit nur einem Hauptfach zu entwickeln“, sagt Hill. Aktuell gibt es diesen Masterstudiengang nur in der Kombination mit einem zweiten Fach. Und wenn das erledigt ist, könne sie sich vorstellen, mit Flüchtlingen zu arbeiten und zu erforschen, wie sich bei ihnen Kreativität und gemeinschaftliches Musizieren ausdrücken.

    Juniper Hills Lebenslauf

    Juniper Hill wurde in Seattle geboren und ist in Kalifornien aufgewachsen. Sie hat Music and Latin American Studies an der Wesleyan University und anschließend Ethnomusikologie an der University of California, Los Angeles, studiert. Dort wurde sie auch promoviert. Für ihre Forschung erhielt sie unter anderem ein Marie Curie Intra-European Research Fellowship (2012/13), zwei Fulbright Fellowships (2011, 2002/03) und ein Forschungsstipendium der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (2007-2008).

    Stationen ihrer wissenschaftlichen Karriere waren das University College Cork, die University of California und das Pomona College. Kooperationen im Bereich der Forschung unterhielt sie unter anderem mit der University of Cambridge, der University of Cape Town, der Sibelius Academy, der Universität Bamberg sowie der Universität von San Francisco in Quito, Ecuador.

    Links

    Mehr Information über Juniper Hill

    Studierende aus Cork beim Shape-Note-Singing

    Kontakt

    Prof. Dr. Juniper Hill, Lehrstuhl für Ethnomusikologie T: +49 931 31-82952, juniper.hill@uni-wuerzburg.de

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