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    Ukraine: Austausch in schweren Zeiten

    28.06.2022

    Seit 2019 steht die Universität Würzburg in einem engen Austausch mit Mitgliedern zweier ukrainischer Universitäten. Wegen des russischen Angriffs stand das diesjährige Treffen unter besonderen Vorzeichen.

    Eine Spring School im Zeichen des Kriegs: Die Gäste aus der Ukraine mit den Organisatoren vom SFT, Martin Kufferath-Sieberin (hinten links) und Christoph Cusumano (ganz rechts). Philipp Gieg steht neben Martin Kufferath-Sieberin, Marianna Kokhan vorne in der Mitte.
    Eine Spring School im Zeichen des Kriegs: Die Gäste aus der Ukraine mit den Organisatoren vom SFT, Martin Kufferath-Sieberin (hinten links) und Christoph Cusumano (ganz rechts). Philipp Gieg steht neben Martin Kufferath-Sieberin, Marianna Kokhan vorne in der Mitte. (Bild: Gunnar Bartsch / Universität Würzburg)

    „Unser Haus liegt in der Nähe des Kiew-Boryspil International Airport. Anfang März wurde ich von starken Explosionen geweckt, als die Russen einen Luftschlag gegen den Flughafen führten. Danach waren im ganzen Haus die Fenster kaputt.“ – „Am 25. Februar hat bei uns morgens früh um 5 Uhr das Telefon geklingelt. Ein Kollege meines Mannes hat uns mitgeteilt, dass der Angriff begonnen hat. Mein Mann, der eigentlich in einem Architekturbüro arbeitet, ist seitdem Soldat und kämpft im Donbass.“ – „Ein Freund von mir hat an den Sieg geglaubt, jetzt ist er Held der Ukraine.“

    Wer weiß, dass Soldaten, die im Kampf gegen Russland getötet wurden, „Held der Ukraine“ genannt werden, kann verstehen, warum die junge Frau nach dieser Aussage mit den Tränen kämpft und nicht mehr weiterspricht. Die Studentin ist Teil einer 17-köpfigen Gruppe von Mitgliedern der Ivan Franko National University of Lviv (Lemberg) und der Kiev Academic University, die sich vom 25. April bis zum 25. Juni 2022 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) aufgehalten hat. Ihr gehörten Wissenschaftlerinnen an, Vertreterinnen der Verwaltung und Studierende.

    Schnelle Reaktion nach dem russischen Angriff

    German Ukrainian Technology Transfer University Spring School 2022: Unter diesem Titel stand das Treffen. Im Rahmen des Projekts werden der Forschungs- und Technologietransfer an den ukrainischen Universitäten mit dem Wissen und der Unterstützungen der JMU etabliert und weiter ausgebaut. Wissenstransfer und die dafür notwendigen Verwaltungsstrukturen sind weitere Themen, weshalb sich das Servicezentrum Forschung und Technologietransfer (SFT) der Uni um die Organisation kümmerte. Dann allerdings warf der Angriff Russlands die ursprünglichen Pläne für eine zweiwöchige Summerschool über den Haufen.

    Dementsprechend schnell haben die Organisatoren reagiert und umgeplant. „Eigentlich wollten wir eine Summer School im August abhalten“, sagt Martin Kufferath-Sieberin vom SFT. Die Verlegung in den April und Verlängerung um mehrere Wochen sollte den Teilnehmerinnen die Möglichkeit bieten, ihre vom Krieg bedrohte Stadt zu verlassen und zumindest für eine gewisse Zeit Schutz und Sicherheit fern der Bomben und Raketen zu finden. Die längere und intensivere Zusammenarbeit habe es ermöglicht, die Projektziele noch umfänglicher weiterzuverfolgen und zu verwirklichen, so Kufferath-Sieberin. Durch den persönlichen Austausch hätten sich außerdem vor Ort neue Partnerschaften und Projekte entwickelt.

    Wie der Krieg den Alltag beeinflusst

    Natürlich kann man unter diesen Umständen keine Summer School abhalten, die den andauernden Krieg in der Ukraine ausblendet.  So haben die Teilnehmenden beispielsweise Ende Mai eine Präsentation mit dem Titel: „How the russian war has affected our live in Ukraine“ gehalten, bei der sie schilderten, wie sich der Krieg auf ihr eigenes Leben auswirkt. „Auch dies ist Teil eines fruchtbaren Austauschs auf Augenhöhe,“ sagt Christoph Cusumano vom SFT. Mal auf Deutsch, mal auf Englisch schildern die Teilnehmerinnen dabei ihre Erlebnisse seit dem 25. Februar.

    „Wir wohnen am Rand von Lviv relativ nah zu einer Panzerfabrik. Da war abzusehen, dass diese zu einem Ziel russischer Raketen werden würde“, sagt Marianna Kokhan. Ende März sei es dann soweit gewesen, da habe sie über eine Woche lang mit ihrer acht Jahre alten Tochter nur noch im Flur ihres Hauses geschlafen. „Im Schlafzimmer an der Wand nach draußen hatte ich zu viel Angst“, sagt sie.

    „Meine Freunde haben sich alle freiwillig für den Einsatz an der Front gemeldet. Ich nutzt meine Bekanntschaft in den Sozialen Medien, wo ich mehr als 4.000 Follower habe, und engagiere mich ehrenamtlich – beispielsweise mit Spendensammelaktionen“, erzählt eine junge Studentin. Andere Frauen berichten von Folter, Mord und Vergewaltigung, erzählen von Versorgungsengpässen und gewaltigen Flüchtlingsströmen innerhalb der Ukraine und aus dem Land heraus.

    Täglicher Kontakt in die Heimat

    Wie konnte sie es trotz dieser Bedrohung bis Ende April in Lemberg aushalten? „Das war nicht so schwer“, sagt Marianna Kokhan. „Nach zwei Wochen habe ich an der Uni wieder meine Arbeit aufgenommen und nach vier Wochen ein neues Projekt gestartet.“ Bei Luftalarm habe sie ihren Unterricht abgebrochen und mit ihren Studentinnen und Studenten einen sicheren Ort aufgesucht. Danach sei der Unterricht regulär weitergegangen. „Diese Aufgabe hält mich am Leben. Wenn man arbeitet, lässt sich die Situation aushalten“, sagt sie.

    Dass sie und ihre Tochter jetzt in Würzburg in Sicherheit sind, eine Wohnung gefunden haben und von vielen Seiten Unterstützung erfahren: Dafür ist Marianna Kokhan dankbar. Dennoch verfolgt der Krieg sie auch hier. Mindestens einmal am Tag, manchmal öfter hat sie jetzt Kontakt zu ihrem Mann, der im Donbass sein Land verteidigt – über Messenger, manchmal telefonisch und bisweilen, wenn die Verbindung über die Starlink-Satelliten klappt, sogar per Video. Ab und zu höre sie jedoch nichts von ihm – „Diese Tage sind schrecklich!“

    Mehr Engagement vom Westen gefordert

    Marianna Kokhan ist Associate Professor an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Ivan Franko Universität. Deshalb hat sie auch die wirtschaftlichen Folgen des russischen Angriffs für die Ukraine im Blick. „Bis Anfang Mai sollen die wirtschaftlichen Verluste für Unternehmen in der Ukraine 65 Milliarden US-Dollar betragen haben“, sagt sie. Das Bruttosozialprodukt sei um 40 Prozent gesunken, 30 Prozent der Beschäftigten hätten ihre Arbeit verloren, was 4,8 Millionen Menschen entspricht; die Steuereinnahmen seien dementsprechend gesunken.

    Kein Wunder, dass sie sich deshalb ein stärkeres Engagement der westlichen Länder wünscht. „Wir benötigen viel mehr Waffen – insbesondere Abwehrtechnik, die verhindert, dass russische Raketen ihre Ziele erreichen“, sagt sie. Und die Weltbank müsse eingreifen und der Ukraine finanziell unter die Arme greifen. Sonst werde es schwer, den Kampf gegen Russland zu gewinnen.

    Deutscher Spagat in der Außenpolitik

    Nach all diesen Schilderungen über die Frage, „How the russian war has affected our live in Ukraine“, die von Bildern der Zerstörung an Häusern und Bildungseinrichtungen begleitet wurden, ist der Wechsel zum nächsten Programmpunkt nicht einfach. Philipp Gieg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Europaforschung der JMU, der momentan von Professorin Manuela Scheuermann vertreten wird, übernimmt die nicht ganz einfache Aufgabe, die deutsche Außenpolitik seit 1945 zu schildern.

    Aber eigentlich geht es darum, den Besucherinnen aus der Ukraine zu erklären, warum sich Deutschland zurückhält mit militärischen Einsätzen im Ausland – und sich schwertut mit der Lieferung von Waffen in Kriegsgebiete. Sein Fazit: „Deutschland sucht noch seine Rolle zwischen den Ansprüchen der Verbündeten, seinem Selbstbild als ziviler Macht und den Wünschen beziehungsweise Vorstellungen der Bevölkerung, beispielsweise wenn es um Waffenlieferungen in Kriegsgebiete geht“. Values don’t change over night – so sein Resümee.

    Die Hoffnung bleibt weiter bestehen

    Dass dies bei seinen Zuhörerinnen nicht auf uneingeschränktes Verständnis stößt, ist ihm vermutlich selbst klar. Marianna Kokhan hat ihre eigene Sicht: Sie könne nachvollziehen, dass Deutschland eigene Interessen hat, und verstehe, warum manche Prozesse so langsam gehen. Trotzdem: „Als Frau und Mutter ist meine Empathie für den Westen begrenzt, wenn ich von Russland mit Tod und Zerstörung bedroht werde.“

    Immerhin muss die Wissenschaftlerin mit dem Ende des Aufenthalts in Würzburg nicht gleich zurück in ihre Heimat. Zusammen mit ihrer Tochter wird sie nach Wien weiterziehen, wo sie für zwei Monate ein Stipendium erhalten hat. Was danach kommt, weiß sie jetzt noch nicht. Ihre Hoffnung hat sie jedoch nicht verloren: „Wir kämpfen einen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. Aber wir kämpfen für unsere Freiheit und haben deshalb eine Chance zu gewinnen.“

    Von Gunnar Bartsch

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