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    Schenkung statt Feier: Die Residenz im Miniaturformat

    01.12.2020

    Vor 300 Jahren wurde der Grundstein für die Würzburger Residenz gelegt. Das Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg besitzt jetzt die früheste Ansicht des Baus – sie stammt aus dem Gründungsjahr.

    Die neuerworbene Miniatur zeigt Würzburg und die frühste Ansicht des Residenzbaus. Es ist ein Werk von Wolfgang Högler, einem viele Jahrzehnte in Würzburg tätigen Maler mit Salzburger Wurzeln.
    Die neuerworbene Miniatur zeigt Würzburg und die frühste Ansicht des Residenzbaus. Es ist ein Werk von Wolfgang Högler, einem viele Jahrzehnte in Würzburg tätigen Maler mit Salzburger Wurzeln. (Bild: André Mischke)

    Klein an Format, groß an Bedeutung: So ließe sich die jüngste Akquisition des Martin von Wagner Museums bündig umschreiben. Aus dem Kunsthandel erwarb der Frankenbund kürzlich eine Miniatur des 18. Jahrhunderts, um sie dem Universitätsmuseum als Geschenk zu übergeben. Dort gehört sie nach Meinung des Frankenbundes hin, denn das Blatt enthält die früheste bildliche Darstellung der gerade begonnenen Residenz. Im heutigen UNESCO-Weltkulturerbe hat das Martin von Wagner Museum seinen Sitz.

    1719 gelangte Johann Philipp Franz von Schönborn an die Regierung des Hochstifts Würzburg, 1720 wurde mit dem Bau einer neuen, in der Stadt gelegenen Residenz begonnen, nachdem die Fürstbischöfe mehrere Jahrhunderte lang im Schloss Marienberg residiert hatten. Die neuerworbene Miniatur ist ein Werk von Wolfgang Högler, einem viele Jahrzehnte in Würzburg tätigen Maler mit Salzburger Wurzeln.

    Högler schuf ein Huldigungs- oder Gratulationsblatt. In der Bildmitte prangt das Wappen des frisch ins Amt gewählten Schönborn. Es schwebt in himmlischen Höhen, verehrt von zwei Putten auf Wolken und überfangen von zahlreichen Cherubenköpfen, die den Namen Jesu verehren.

    Jede Einzelheit minuziös wiedergegeben

    Diese typisch barocke Ikonographie allein hätte den Ankauf noch nicht gerechtfertigt. Bemerkenswert ist das Bild jedoch im unteren Drittel. Die Engelsglorie mit dem Wappen schwebt nämlich über einer Ansicht Würzburgs, die es baugeschichtlich in sich hat. Mit den Maßen 19,3 x 13.9 cm ist das Blatt etwas kleiner als eine Din-A5-Seite; auf die Stadtvedute entfällt eine Höhe von nicht einmal sechs Zentimetern. Trotz der äußerst begrenzten Fläche ist jede relevante Einzelheit minuziös wiedergegeben.

    Vom Würzburger Stein aus überfliegt der Blick das Häusermeer mit seinen zahlreichen Türmen, umgürtet vom Ring der Bastionen und eingebettet in das weite Rund des Talkessels. Die Pole dieses urbanen Gewebes bilden rechts der Marienberg mit der alten und links der gewaltige Baukörper der neuen Residenz.

    Das Blatt huldigt Schönborn mit etwas Verspätung, immerhin vergingen zwischen Wahl und Baubeginn acht Monate. Allerdings wurden auch 1720 gerade einmal die ersten Fundamente gelegt. Högler muss also über eine detaillierte Kenntnis der Pläne verfügt haben, denn er stellt den Bau so dar, als wäre er bereits vollendet. In seiner Ansicht schließt sich an die Residenz selbst ein – ebenfalls gigantischer – Komplex von Wirtschaftsbauten und Stallungen an, die in dieser frühen Phase noch geplant waren. Hier wird aus der Ansicht vollends eine Projektion.

    2020: 300-Jahr-Jubiläum der Grundsteinlegung

    Bekanntlich war Balthasar Neumann der maßgebliche Architekt der Residenz. Professor Stefan Kummer, der frühere Ordinarius für Kunstgeschichte und Experte dieses Bauwerks, weist darauf hin, dass neben Neumann auch noch andere ihre Hand im Spiel hatten – was für die Darstellung nicht ohne Folgen blieb: „Hinzu kommen einige Elemente, die von den Mainzer Architekten Maximilian von Welsch und Philipp Christoph von Erthal in den ersten Monaten des Jahres 1720 beigetragen wurden“, präzisiert Kummer die Datierung der Miniatur: „Dies sind vor allem die ovalen Mittelpavillons der Seitenfassaden mit den Kuppeldächern“. Aus dem südlichen dieser Pavillons ergibt sich die Form des heutigen Toscanasaals, der heute für Vorlesungen und Festveranstaltungen der Universität genutzt wird. Für Kummer steht der historische Wert der Miniatur außer Frage, schließlich enthalte sie „die früheste erhaltene Gesamtansicht der Residenz, was sie in den Rang eines besonders wertvollen Zeugnisses der Geschichte dieses außerordentlichen Bauwerks erhebt.“

    Dr. Verena Friedrich, die Würzburger Vorsitzende des Frankenbundes, übergab das Huldigungsblatt dem Museum, wo es der Direktor der Neueren Abteilung dankbar entgegennahm. Für Professor Damian Dombrowski ist es die ideale Ergänzung zu dem Medaillon mit dem Porträt Balthasar Neumanns, das Ende 2019 in die Sammlung gelangt war. „Das Museumsjahr wird gerahmt von zwei Neuzugängen, die einmal den Architekten der Residenz und einmal die Residenz selbst zeigen – und genau zwischen diese beiden Schenkungen, in den Mai 2020, fiel das 300-Jahr-Jubiläum der Grundsteinlegung“, so Dombrowski über die zeitliche Koinzidenz. Doch die beiden Werke passten nicht nur chronologisch zueinander, so der Museumsdirektor: Wegen des gemeinsamen Miniaturformats werde nun darüber nachgedacht, sie in der Dauerausstellung gemeinsam zu präsentieren.

    Eine weitere Pointe hat der Künstler mit Sicherheit nicht vorhergesehen. Im Spruchband unter dem Wappen steht das Psalmwort „Du krönst das Jahr mit Deiner Güte.“ Gemeint ist wohl das Jahr, in dem Schönborn die Regierung übernahm, die damit als gottgewollt gekennzeichnet wird. Der Psalm wird in lateinischer Sprache zitiert; in wörtlicher Übersetzung beginnt der Vers mit den Worten: „Du segnest die Krone des Jahres“, wobei das Wort „Corona“ im Jahr 2020 ganz andere Assoziationen weckt als Segen und Güte. „Das Virus hat die Feierlichkeiten zu 300 Jahren Residenz verhindert“, kommentiert Dombrowski: „Deshalb fassen wir diesen Neuzugang als Segenswunsch für das kommende Jahr auf, in dem die Corona-Pandemie hoffentlich bald besiegt sein wird.“

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