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    Neue Krebstherapie erprobt

    13.10.2020

    Der Hemmstoff Selpercatinib kann bei bestimmten Formen von Schilddrüsenkrebs einen bedeutenden und langfristigen Rückgang der Erkrankung bewirken. Auch bei seltenen Formen von Lungenkrebs ist er aussichtsreich.

    Das Team des Uniklinikums Würzburg, das die Phase I/II-Studie zu Selpercatinib beim medullären Schilddrüsenkarzinom durchführte und die Substanz in weiteren Studien erprobt (v.l.): Ralf Bargou, Maria-Elisabeth Goebeler, Marin Fassnacht, Barbara Deschler-Baier, Linda Ziebeker, Horst-Dieter Hummel, Christian Reitz und Matthias Kroiß.
    Das Team des Uniklinikums Würzburg, das die Phase I/II-Studie zu Selpercatinib beim medullären Schilddrüsenkarzinom durchführte und die Substanz in weiteren Studien erprobt (v.l.): Ralf Bargou, Maria-Elisabeth Goebeler, Marin Fassnacht, Barbara Deschler-Baier, Linda Ziebeker, Horst-Dieter Hummel, Christian Reitz und Matthias Kroiß. (Bild: Julia Petzold-Weigel / Universitätsklinikum Würzburg)

    Veränderungen im sogenannten RET-Gen sind eine Ursache für die Entstehung verschiedener Krebsarten. Sie bieten einen Ansatzpunkt für neue Präzisionsmedikamente, da sie nur in Krebszellen, aber nicht in gesunden Zellen vorkommen.

    Ein solches Präzisionsmedikament ist der RET-Hemmstoff Selpercatinib. Dieser wurde nun in einer internationalen Phase I/II-Studie bei Patientinnen und Patienten mit medullärem Schilddrüsenkarzinom erprobt. Die beeindruckenden Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlicht.

    Remission bei 69 Prozent der Erkrankten

    Ein Koautor der Publikation ist Professor Matthias Kroiß von der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Würzburg (UKW). Der Endokrinologe erläutert: „Beim fortgeschrittenen medullären Schilddrüsenkarzinom und bei seltenen Formen anderer Schilddrüsenkarzinome sind die bisherigen Therapieoptionen limitiert. In dieser Studie gelang es, mit dem neuen RET-Inhibitor bei 69 Prozent der Patienten mit vorbehandeltem medullärem Schilddrüsenkarzinom ein Ansprechen der Erkrankung zu erzielen. Bei 82 Prozent der Patienten schritt die Tumorerkrankung innerhalb eines Jahres nicht weiter fort.“

    Insgesamt berichtet die Veröffentlichung über die ersten 162 behandelten Patienten. „Das UKW konnte bislang fünf Patienten in die klinische Studie einbringen, was für eine seltene Erkrankung schon eine große Zahl ist“, schildert Kroiß. „Das war nur möglich, weil die Prozesse für solche Studien von der Verwaltung bis zum Patienteneinschluss am UKW weitgehend optimiert sind.“

    Patientenbetreuung am CCC Mainfranken

    Betreut werden die Patienten in der Studie vom Team des Interdisziplinären Studienzentrums (ISZ) am Comprehensive Cancer Center (CCC) Mainfranken. Das integrierte Krebsforschungs- und -behandlungszentrum ist eine gemeinsame Einrichtung des UKW und der Würzburger Universität.

    „Die Studie ist für uns ein wichtiger Meilenstein, da RET-Veränderungen nicht nur bei Schilddrüsentumoren vorkommen, sondern selten auch bei anderen bösartigen Erkrankungen“, unterstreicht Dr. Maria-Elisabeth Goebeler, die Leiterin des ISZ.

    Privatdozentin Dr. Barbara Deschler-Baier, Oberärztin des ISZ, ergänzt: „Die international sichtbare Expertise der Kollegen aus der Endokrinologie wird ergänzt durch unser Programm für personalisierte Onkologie. Das bedeutet, dass wir zusammen mit der Pathologie moderne molekularbiologische Verfahren anwenden, um zahlreiche medikamentös beeinflussbare Zielmoleküle zu untersuchen und so maßgeschneiderte Therapien zu identifizieren. Dazu haben wir am CCC Mainfranken ein molekulares Tumorboard etabliert, das die Expertise aller Fachdisziplinen zusammenbringt.“

    Wie eine parallel im NEJM erschienene Studie zeigte, können nicht nur Patienten mit seltenen Schilddrüsenkarzinomen von Selpercatinib profitieren – auch bei einer kleinen Untergruppe von Patienten mit nicht-kleinzelligen Lungenkarzinomen sind Behandlungserfolge möglich.

    Neue Therapie am CCC Mainfranken per Härtefallprogramm verfügbar

    Die veröffentlichten Ergebnisse veranlassten die US-Arzneimittelbehörde FDA bereits zur Zulassung von Selpercatinib sowohl beim Schilddrüsenkarzinom wie auch beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom.

    „Solange Selpercatinib in Deutschland nicht zugelassen ist, besteht für Patienten mit Schilddrüsenkarzinom und Lungenkrebs, bei denen eine RET-Veränderung vorliegt und die Standardtherapie bereits angewendet wurde, eventuell die Möglichkeit, an einem speziellen Härtefallprogramm teilzunehmen, das wir am CCC bereithalten“, sagt Professor Ralf Bargou, Direktor des CCC Mainfranken.

    Die Entwicklung von Selpercatinib und anderer RET-Inhibitoren ist allerdings noch keineswegs abgeschlossen. „Derzeit läuft auch am UKW eine Studie, bei der Patienten mit RET-mutiertem fortschreitendem medullärem Schilddrüsenkarzinom nach dem Zufallsprinzip Selpercatinib oder die derzeitige Standardtherapie erhalten“, sagt Professor Martin Fassnacht, Leiter des Schwerpunkts Endokrinologie am UKW. Bargou ergänzt: „Über unser CCC-Netzwerk haben Patienten mit einem der seltenen RET-aktivierten Lungenkarzinome die Möglichkeit, an einer ähnlichen randomisierten Studie mit dem RET-Inhibitor Praseltinib teilzunehmen.“

    Entscheidend ist die Betreuung in Fachzentren

    Kroiß fasst zusammen: „Molekular zielgerichtete Therapien wie Selpercatinib und Praseltinib bei Tumoren mit RET-Aktivierung werden zukünftig sehr wahrscheinlich die Therapie verschiedener fortgeschrittener Tumorerkrankungen verändern. Wichtig ist aber, dass diese Substanzen nicht für jeden Patienten sinnvoll sind – beim medullären Schilddrüsenkarzinom beispielsweise genügt in vielen Fällen eine spezialisierte Verlaufsbeobachtung. Entscheidend ist, dass die Patienten in spezialisierten Fachzentren betreut werden, wie etwa am CCC Mainfranken und dem Zentrum für Endokrine Tumore des UKW.“

    Von Pressestelle Universitätsklinikum Würzburg

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