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    Lokale Selbstregelungen in Antike und Moderne

    24.01.2023

    Wie regeln Menschen Probleme, wenn der Staat schwach ist? Ähneln sich die Vorgehensweisen in der Antike und der Moderne? Eine Würzburger Forschungsgruppe hat hierzu neue Befunde veröffentlicht.

    Die Titelbilder der beiden Bände, die von der Würzburger LoSAM-Forschungsgruppe veröffentlicht wurden.
    Die Titelbilder der beiden Bände, die von der Würzburger LoSAM-Forschungsgruppe veröffentlicht wurden. (Bild: LoSAM / Universität Würzburg)

    Seit April 2019 gibt es an der Universität Würzburg die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Forschungsgruppe „Lokale Selbstregelungen im Kontext schwacher Staatlichkeit in Antike und Moderne (LoSAM)“.) Sie hat nun zwei wissenschaftliche Sammelbände mit Ergebnissen ihrer Forschung vorgelegt.

    Im Fokus von LoSAM standen unterschiedliche lokale Gruppen und deren Beziehungen zu verschiedenen Ebenen staatlicher Herrschaft sowie zu anderen lokalen Gruppen. Wie entwickelten sich im Lauf der Zeit Umfang und räumliche Kontingenz von Formen der Self-Governance, deren Legitimation und die kollektive Identität der Gruppen?

    Für die Erforschung dieser Fragen war vor allem die interdisziplinäre Zusammenarbeit zentral. Sie spiegelt sich in den beiden neuen Sammelbänden wider. Trotz der Vielfalt der unterschiedlichen Fachkulturen funktionierte das gemeinsame wissenschaftliches Arbeiten nicht nur, sondern brachte auch innovative Ergebnisse hervor.

    Lokale Selbstverwaltung in der Antike und im globalen Süden

    Der Band „Local Self-Governance in Antiquity and in the Global South. Theoretical and Empirical Insights from an Interdisciplinary Perspective“, herausgegeben von Dominique Krüger, Christoph Mohamad-Klotzbach und Rene Pfeilschifter, trägt diesem Ansatz Rechnung.

    Basierend auf einer digitalen internationalen Tagung der Forschungsgruppe aus dem Jahr 2021 haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen (Alte Geschichte, Archäologie, Klassische Philologie, Theologie, Politikwissenschaft, Soziologie, Sozialanthropologie, Humangeographie, Sinologie) unterschiedliche Arten lokaler Arrangements analysiert.

    Neben konzeptionellen Beiträgen enthält der Band empirische Studien, die sich mit lokalen Arrangements in der Antike (Syrien, Judäa, Italien und Nordafrika) und im Globalen Süden der Moderne (China, Brasilien, Mozambique und Burkina Faso) beschäftigen. Aufschlussreich sind dabei die von LoSAM-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchgeführten interdisziplinären Studien, die sich unter anderem mit den Legitimationsstrategien von lokalen Akteuren oder der örtlichen Wasserversorgung auseinandersetzen.

    Beispielsweise untersuchten die Theologinnen Jana Hock und Valeria Tietze gemeinsam mit dem Ethnologen Nestor Zante, wie so genannte Vigilanten-Gruppen ihre Machtansprüche rechtfertigen. Hock und Tietze analysierten auf Basis des Alten Testaments die Rolle der Makkabäer in Judäa im 2. Jahrhundert vor Christus mittels narratologischer Analyse, Zante widmete sich den in Burkina Faso ansässigen Koglwéogos mittels ethnographischer Methoden.

    Ihre Studie zeigt, dass beide Akteure ihre Machtansprüche unter Rückbezug auf Tradition, Religion und Kulte sowie über die Konstruktion ihrer Feindbilder legitimieren. Dabei wird der Staat vor allem als eine Bedrohung für die jeweiligen lokalen Akteure konstruiert, so dass eine militärische Aufrüstung der Gruppen als Schutzmaßnahme gerechtfertigt wird.

    Lokale Selbstverwaltung und Varianten der Staatlichkeit: Spannungen und Zusammenarbeit

    Der zweite Sammelband „Local Self-Governance and Varieties of Statehood. Tensions and Cooperation“, herausgegeben von Dieter Neubert, Hans-Joachim Lauth und Christoph Mohamad-Klotzbach, eröffnet eine breitere Perspektive auf lokale Selbstorganisierung in der Moderne, indem er Fälle aus Südasien (Indien, Bangladesch), Afrika (Ghana, Südafrika, Mali, Libyen), Lateinamerika (Bolivien) sowie den USA untersucht.

    Die einzelnen Beiträge stellen eine Vielfalt lokaler Akteure vor, die unterschiedliche Ordnungsvorstellungen verfolgen, welche durch Eigengeschichten legitimiert sind. Diese wiederum basieren auf Hierarchie oder tief verwurzeltem Kommunalismus, islamischer Theologie oder Basisdemokratie. Einige örtliche Akteure beanspruchen eine staatsähnliche Autorität und stellen den Territorialstaat in Frage. In solchen Fällen gibt es nicht mehr eine „Schattenhierarchie“, sondern eine Opposition zum Staat. Verschiedene Gewaltakteure kämpfen um die Vorherrschaft, und der Staat ist nur ein Akteur unter anderen.

    Der Sammelband entstand im Rahmen eines internationalen Workshops der Forschungsgruppe mit ihrem Mercator-Fellow Dieter Neubert (Universität Bayreuth), einem führenden Entwicklungssoziologen.

    Die gesammelten empirischen Studien zeigen, wie verschiedene Arten lokaler Selbstorganisierung mit Varianten von Staatlichkeit kombiniert werden können. So tragen sie zu einem Verständnis des Begriffs der Governance bei, das über den Sonderfall der westlich geprägten OECD-Welt hinausgeht und den globalen Forschungsdialog erleichtert und stimuliert.

    Publikationen

    Dominique Krüger, Christoph Mohamad-Klotzbach, and Rene Pfeilschifter (eds.). 2023. Local Self-governance in Antiquity and in the Global South. Theoretical and Empirical Insights from an Interdisciplinary Perspective. Berlin: De Gruyter. (OpenAccess) https://doi.org/10.1515/9783110798098

    Dieter Neubert, Hans-Joachim Lauth, Christoph Mohamad-Klotzbach (eds.). 2022. Local self-governance and varieties of statehood: Tensions and cooperation. Cham: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-031-14996-2

    Kontakt

    Prof. Dr. Rene Pfeilschifter, Lehrstuhl für Alte Geschichte, T +49 931 31-89120, rene.pfeilschifter@uni-wuerzburg.de

    Prof. Dr. Hans-Joachim Lauth, Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft und Systemlehre, T +49 931 31-84801, hans-joachim.lauth@uni-wuerzburg.de

    LoSAM-Webseite

    Von Forschungsgruppe LoSAM

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