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    Literatur schafft neues Wissen

    21.06.2022

    Für die Beziehung von Literatur und Wissen interessiert sich Maximilian Bergengruen. Der Professor hat die Leitung des Lehrstuhls für neuere deutsche Literaturgeschichte II übernommen.

    Professor Maximilian Bergengruen betreibt Literaturgeschichte mit einem kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt.
    Professor Maximilian Bergengruen betreibt Literaturgeschichte mit einem kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt. (Bild: Robert Emmerich / Universität Würzburg)

    Der Austausch zwischen Literatur und Wissenschaft ist keine Einbahnstraße. „Literatur nimmt das Wissen ihrer Zeit auf und verarbeitet es, sie trägt aber auch selbst, auf ihre ganz spezifische Art und Weise, zum Wissenszuwachs bei“, sagt Professor Maximilian Bergengruen. Deutlich werde das beispielsweise am Roman „Dr. Katzenbergers Badereise“ (1809) von Jean Paul.

    Im Zentrum dieses Werkes stehen die Fehlbildungen des Menschen. „Aus der Vorrede der zweiten Auflage wird deutlich, dass der Autor sich mit dem führenden Monstrologen seiner Zeit, Johann Friedrich Meckel dem Jüngeren, ausgetauscht hat und dass dieser durchaus auch aus dem ‚Katzenberger‘ lernte – und nicht nur umgekehrt“, erklärt Bergengruen. Unter Monstrologie wurde damals die Lehre von anatomischen Fehlbildungen verstanden.

    Literatur- trifft Kulturwissenschaft

    Für genau solche Austauschprozesse interessiert sich Bergengruen, der seit April 2022 den Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturgeschichte II an der Universität Würzburg leitet. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler betrachtet, wie in der Literatur Figuren und Handlungen im Dialog mit Theologie, Psychologie, Psychiatrie, Recht und Philosophie generiert werden, wie dieser Austauschprozess in den Texten in Form einer impliziten Poetik reflektiert wird und wie so die Literatur auf den öffentlichen Diskurs einwirkt.

    Dabei hat der neue Professor die deutschsprachige Literatur von der Frühen Neuzeit (16. Jahrhundert) bis in die Moderne im Blick, wobei die zeitliche Nomination seines Lehrstuhls von der Goethezeit bis zum Realismus reicht.

    Zur Wissensproduktion trage die Literatur besonders in Phasen bei, in denen das Wissen über bestimmte Themen noch unsicher ist, erklärt Bergengruen. Zum Beispiel wusste die Wissenschaft im 19. Jahrhundert noch nicht genau, wie Vererbung funktioniert. Das gab der Literatur den Raum, selbstständig über den Transfer von Erbeigenschaften nachzudenken, etwa Theodor Storm in „Carsten Curator“ (1878) oder Gerhart Hauptmann im Drama „Einsame Menschen“ (1891). Hat sich Wissen erst einmal gefestigt, dann kann die Literatur mit ihren spekulativen Mitteln nicht mehr in diesem Maße zum Wissensbildungsprozess beitragen.

    Neues für die Lehre in der Germanistik

    Gemeinsam mit der ebenfalls neuberufenen Würzburger Neugermanistin Stephanie Catani – auch sie Lehrstuhlleiterin am Institut für deutsche Philologie – möchte Maximilian Bergengruen die Lehre in der neueren deutschen Literatur weiter voranbringen.

    Kultur- und medienwissenschaftliche Themen sollen künftig verstärkt zum Tragen kommen. In diesem Zusammenhang möchten die beiden auch den Masterstudiengang „Neuere Literaturen“ weiterentwickeln. Als Ergänzung zur Präsenzlehre sind vermehrt e-Learning-Angebote geplant – zum Beispiel kurze Videoclips, in denen wichtige Grundbegriffe des Faches erklärt werden.

    Bergengruen möchte außerdem für Lehrveranstaltungen verstärkt Personen aus der Berufspraxis gewinnen, aus Verlagen, Medien, Theatern, Archiven und weiteren Bereichen. Und mit öffentlichen Veranstaltungen soll die Germanistik intensiver in die Stadtgesellschaft hineinwirken.

    Literatur und Wirtschaftswissenschaft

    In Würzburg geht Bergengruen mit einem neuen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt an den Start. Zusammen mit Elisabeth Weiß-Sinn untersucht er darin die Beziehung zwischen Literatur und Wirtschaftswissenschaft im 19. Jahrhundert. Zu dieser Zeit fing die deutsche Ökonomie an, Konsumentinnen und Konsumenten als entscheidende, marktrelevante Faktoren herauszumodellieren.

    Die Literatur war an diesem Prozess gleichauf beteiligt. Thomas Mann zum Beispiel thematisiert in den „Buddenbrooks“ (1901) ausführlich und kritisch das Konsumverhalten von Thomas Buddenbrook, listet etwa konkret dessen Ausgaben im Alltag auf. Überhaupt stehen konsumierende Figuren in der ganzen Breite der Literatur des 19. Jahrhunderts im Zentrum, auch und besonders in Texten von Autorinnen.

    Werdegang des Literaturwissenschaftlers

    Maximilian Bergengruen, Jahrgang 1971, aufgewachsen in Baden-Baden, hat neuere deutsche Literatur, Philosophie, Geschichte und Theaterwissenschaften in Erlangen und Marburg studiert. Seine Doktorarbeit über den Literaten Jean Paul fertigte er als Stipendiat des DFG-Graduiertenkollegs „Klassizismus und Romantik“ in Gießen an und schloss sie im Jahr 2000 in Marburg ab.

    Danach war er sieben Jahre lang Assistent am Deutschen Seminar der Universität Basel, wo er sich 2005 mit einer Arbeit über Literatur und Magie in der Frühen Neuzeit habilitierte. Nach Stationen an den Universitäten Konstanz und Freiburg übernahm Bergengruen 2009 eine Professur am Département für deutsche Sprache und Literatur der Universität Genf.

    2014 wechselte er auf eine Professur am Institut für Germanistik der Universität Karlsruhe. Von dort folgte er zum 1. April 2022 dem Ruf ans Institut für deutsche Philologie der Universität Würzburg. Als Nachfolger von Professor Wolfgang Riedel leitet er hier den Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturgeschichte II.

    Kontakt

    Prof. Dr. Maximilian Bergengruen, Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte II, Universität Würzburg, T +49 931 31-80011, maximilian.bergengruen@uni-wuerzburg.de

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