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    Hörnerklang und Handschriften

    25.02.2020

    Martina Giese leitet den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Historische Grundwissenschaften an der Uni Würzburg. Die Editionsgeschichte mittelalterlicher Quellen bildet einen Schwerpunkt ihrer Forschung – und die Jagd.

    Warum man sich heute noch mit mittelalterlicher Geschichte beschäftigen sollte? „Man kann viele Phänomene von heute nicht verstehen, wenn man deren Wurzeln im Mittelalter nicht kennt“, sagt Martina Giese. Das betreffe das englische Königshaus genauso wie beispielsweise das Papsttum und den Priesterzölibat oder die Geschichte der Universitäten.
    Warum man sich heute noch mit mittelalterlicher Geschichte beschäftigen sollte? „Man kann viele Phänomene von heute nicht verstehen, wenn man deren Wurzeln im Mittelalter nicht kennt“, sagt Martina Giese. Das betreffe das englische Königshaus genauso wie beispielsweise das Papsttum und den Priesterzölibat oder die Geschichte der Universitäten. (Bild: privat)

    „Jagdhundehaltung und -zucht im Mittelalter“ – „Die Jagd zwischen höfischem Zeitvertreib und Lebensnotwendigkeit“ – „Kompetitive Aspekte höfischer Jagdaktivitäten im Frühmittelalter“: Die Jagd im Mittelalter hat es Martina Giese offensichtlich angetan, wie diese Auswahl aus einer ganzen Reihe ihrer wissenschaftlichen Publikationen zu diesem Thema zeigt. Sogar mit den „akustischen Dimensionen der mittelalterlichen Jagd im Spiegel der Schriftquellen“ beschäftigt sich die Professorin, die 2012 mit einer Arbeit über das Thema „Der König als Jäger im früh- und hochmittelalterlichen Europa“ habilitiert wurde.

    Martina Giese hat seit 2019 den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Historische Grundwissenschaften an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) inne. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt sie die Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte, Historiographie und Hagiographie, Politische und Kirchengeschichte, niedersächsische Landesgeschichte, Quellen- und Überlieferungskunde sowie Editionstechnik – und eben die Jagd.

    Die Jagd – ein Abbild des Herrschaftshandelns

    „Die Jagdkulturgeschichte ist in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen“, sagt die Historikerin. Schließlich diente in der Vormoderne die Jagd sowohl als Status- und Machtdemonstration der herrschenden Eliten wie auch als Training für den Krieg. An ihren Regeln und Abläufen ließe sich deshalb sehr gut das Herrschaftshandeln der jeweiligen Epoche untersuchen. Darüber hinaus sei der wissenschaftliche Blick auf die Jagd unter einem anthropologischen Gesichtspunkt interessant, weil bis heute zur Jagd geblasen wird – gerne auch von den Mächtigen und Reichen.

    Und wie verhält es sich mit der „akustischen Dimension“ der Jagd? „Dies ordnet sich in ein vergleichsweise junges Fachgebiet ein – die sogenannten Sound Studies“, erklärt Giese. In diesem interdisziplinären Forschungsfeld untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit ihren jeweiligen Methoden Geräusche, die Klangentfaltung und das Hören in unterschiedlichen Kulturräumen und zu unterschiedlichen Zeiten. Für das Mittelalter geht das natürlich nur indirekt, weil keine Tonaufnahmen existieren. Aus diesem Grund sucht Giese in Schriftquellen nach Schilderungen von „hörbaren Reizen der Jagd“, wie sie sagt. Das können Rufe von Menschen sein, Hundegebell, der Klang der Jagdhörner oder auch das Knacken von Ästen. Zusammen ergeben diese ein „authentisches Echo der Klangkulisse dieser Zeit“.

    Breit angelegte Quellenstudien

    Groß ist die Bandbreite der Themen, an denen Martina Giese darüber hinaus forscht. Im Rahmen ihrer Dissertation hat sie sich beispielsweise mit den „Quedlinburger Annalen“ beschäftigt – einer Geschichtsdarstellung aus dem frühen 11. Jahrhundert, die als herausragende Quelle für die Zeit der Ottonen gilt, von der aber nur eine einzige Abschrift aus dem 16. Jahrhundert überliefert ist. In ihrer „breit angelegten und sorgfältig abwägenden Quellenstudie“, wie es in einer Rezension heißt, kommt Giese unter anderem zu dem Ergebnis, dass diese Quelle mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Frau verfasst und tatsächlich in Quedlinburg geschrieben wurde.

    In einem anderen Projekt hat Giese die verschiedenen Textfassungen der Lebensbeschreibungen Bischof Bernwards von Hildesheim (um 950/960 bis 1022) erforscht, die sich über einen Zeitraum vom 11. bis zum 17. Jahrhundert erstrecken. Sie konnte dabei mindestens elf verschiedene Redaktionen identifizieren, die in 28 Handschriften überliefert sind, und kommt deshalb zu dem Schluss, dass man „nicht mehr pauschal von der ‚Vita Bernwardi‘“ sprechen dürfe, sondern stets präzisieren müsse, auf welche Textfassung man sich bezieht.

    Das Mittelalter lässt sich gut erforschen

    Es waren pragmatische Gründe, die den Ausschlag gegeben haben, weshalb sich Martina Giese auf die Epoche des Mittelalters spezialisiert hat: Im Bereich der Alten Geschichte gebe es nur noch wenig Neues zu entdecken, das Quellenfundament sei kaum noch zu erweitern, sagt sie. Ganz anders in der Neuzeit: Dort werde ein Wissenschaftler von der Quellenfülle quasi erschlagen. Im Unterschied dazu seien in der Mittelalterforschung Literatur und Quellen gut zu erarbeiten.

    Die Frage, ob sich aus dem Wissen über die Vergangenheit Lehren für die Gegenwart ziehen lassen, wird regelmäßig diskutiert – zumal wenn es um Ereignisse aus dem Mittelalter geht. Martina Giese hat daran keine Zweifel: „Man kann viele Phänomene von heute nicht verstehen, wenn man deren Wurzeln im Mittelalter nicht kennt“, sagt sie. Das betreffe das englische Königshaus genauso wie beispielsweise das Papsttum und den Priesterzölibat oder die Geschichte der Universitäten.

    Kritische Geisteshaltung im Studium

    Studierenden, die ihre Vorlesungen und Seminare besuchen, verspricht Martina Giese einen hohen Wissenszuwachs und hohe Kompetenz, Hilfe zur Selbsthilfe im wissenschaftlichen Sinne – und gute Laune. „Mir macht das, was ich tue, großen Spaß“, sagt sie. Im Gegenzug erwartet sie von ihren Studierenden Interesse, Fleiß und Neugierde sowie eine wache und kritische Geisteshaltung. Auch wenn Lateinkenntnisse heute keine Voraussetzung mehr sind, um sich für das Studium der Geschichte einzuschreiben, rät die Professorin dennoch dazu, diesen Aspekt nicht zu vernachlässigen. Schließlich sind viele mittelalterliche Handschriften in Latein verfasst – und das Nachlernen während des Studiums ist eine „hohe Hürde“.

    Zur Person

    Martina Giese hat Biologie, Geschichte, Historische Hilfswissenschaften und Mittellateinische Philologie in Essen, Köln, Bonn und München studiert. Sie promovierte 1999 in Mittelalterlicher Geschichte und wurde im Wintersemester 2011/12 an der LMU München mit der Venia legendi für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften habilitiert.

    Sie war Mitarbeiterin der Monumenta Germaniae Historica und wissenschaftliche Assistentin an der LMU sowie 2008/09 Förderstipendiatin am Historischen Kolleg und 2009/10 wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Kommission für das Repertorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“ an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Weitere Stationen ihrer akademischen Laufbahn als wissenschaftliche Mitarbeiterin oder Gastprofessorin waren die Universitäten in Düsseldorf, Tübingen und München.

    2015 wurde sie zur Professorin für die Geschichte des Mittelalters an der Universität Potsdam ernannt; seit April 2019 hat sie den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Historische Grundwissenschaften an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg inne.

    Kontakt

    Prof. Dr. Martina Giese, T +49 931 31-83626, martina.giese@uni-wuerzburg.de

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