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    Ein neuer Schwerpunkt in der Englischen Sprachwissenschaft

    20.04.2021

    Wie entwickeln sich Metropolen auf der Welt? Und was sagen ihre Bewohnerinnen und Bewohner dazu? Das möchte die Linguistin Carolin Biewer von der Uni Würzburg mit dem DLR untersuchen – und wird dafür mit 900.000 Euro gefördert.

    Wie gestalten Menschen ihre Umwelt, wie nehmen sie diese wahrnehmen und wie äußern sie sich darüber? Fragen wie diesen geht Carolin Biewer in ihrem neuen Forschungsprojekt nach.
    Wie gestalten Menschen ihre Umwelt, wie nehmen sie diese wahr und wie äußern sie sich darüber? Fragen wie diesen geht Carolin Biewer in ihrem neuen Forschungsprojekt nach. (Bild: fotoVoyager / iStockphoto.com)

    Wie wollen wir leben? Auf dem Land? Oder doch lieber in der Stadt? Die letzten Jahrhunderte zeigen: Die Städte wachsen und wachsen – bis hin zu gigantischen Megacitys mit Millionen von Einwohnern. Wie Menschen ihren Lebensraum in einer solchen Stadt konstruieren und wahrnehmen, möchte Carolin Biewer untersuchen. Sie ist Professorin für Englische Sprachwissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg und wird für dieses Vorhaben nun im Rahmen der Initiative „Momentum – Förderung für Erstberufene“ von der VolkswagenStiftung gefördert.

    Mit über 900.000 Euro kann Biewer ab September in den kommenden fünf Jahren die Neuausrichtung ihres Lehrstuhls vorantreiben. Es soll darum gehen, Theorien und Methoden der englischen Sprachwissenschaft in Fragen zur Nutzung, Wahrnehmung, Aufteilung und Bewertung von Raum mit denen der Fernerkundung aus der Geographie zu verbinden, um Räume wie Großstädte in ihrer Komplexität besser zu verstehen. Für die Auswertung großer Datenmengen werden Methoden aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz und den Digital Humanities herangezogen. Der Titel des Forschungsvorhabens: „A New Focus in English Linguistics: Geolingual Studies“.

    Megastädte und deren Wahrnehmung

    Mittels Fernerkundung und Künstlicher Intelligenz lassen sich Gebäudearten und die Bebauungsdichte eines Stadtteils durch Satellitendaten identifizieren. Sie zeigen auch auf, wie Städte wachsen und sich verändern, in welchen Bereichen der Stadt Gefahren von Erdrutschen oder Überschwemmungen lauern. Nachtaufnahmen zeigen über Lichtemissionen, welche Gebiete dicht besiedelt sind.

    Aber diese Daten allein geben keinen Aufschluss darüber, welchen sozialen Netzwerken die Menschen in diesen Siedlungen angehören, wie sie ihre urbane Identität konstruieren, wie sie mit Problemen wie Wohnungsnot und Luftverschmutzung umgehen, wie sie ihre Stadt wahrnehmen. Hier kommt Biewer ins Spiel: „Mit ergänzenden Kommunikationsdaten kann man herauslesen und eine präzise Idee davon bekommen, wie Menschen ihren Lebensraum empfinden und gestalten“, so die Professorin.

    Genau das möchte Biewer mit ihrem Team insbesondere in sogenannten Megacities untersuchen. Dazu wird sie verschiedene Kommunikationskanäle betrachten. Neben Zeitungsdaten und Interviews ein bekanntes Beispiel: Twitter. Bei dem Kurznachrichtendienst kann das Forschungsteam große Mengen an anonymisierten Daten sammeln und linguistisch danach auswerten, welche Themen und Orte der Stadt genannt und welche Gefühle ausgedrückt werden.

    Ziel ist es heraufzufinden, wie Menschen ihre Umwelt gestalten, sie wahrnehmen und wie sie sich darüber äußern. Sprechen die Bewohner in London zum Beispiel zu Corona-Zeiten eher über Stadtparks als über die Fitnessstudios in ihrer Nachbarschaft? Empfinden sie einen Lockdown als ärgerlich oder eher beängstigend? Und wie ergeht es den Menschen in Hongkong? Beschäftigt sie neben Corona eher die Wohnungsnot oder die Auswirkung der politischen Situation auf ihre Stadt? Welche Veränderungen in ihren Vierteln betrachten Städter mit Sorge? Und was empfinden sie als Bereicherung ihrer Lebensqualität?

    Die Städte der Zukunft

    „Die Kernfrage lautet am Ende: Wie wollen wir leben?“, sagt Biewer. Ihr fehle die globale Diskussion, wie Menschen ihr Leben in Städten künftig gestalten wollen und welchen Herausforderungen sie sich stellen müssen. Daher sieht sie eine große Bedeutung in ihrem Ansatz für den Bereich der Städteplanung. „Die Geisteswissenschaften können zur Lösung gesellschaftsrelevanter Fragen wie diesen enorm beitragen. Das Potenzial sollten wir ausschöpfen.“

    Neben der fachlichen Profilschärfung des Lehrstuhls geht es für das JMU-Team um den Aufbau einer internationalen Forschungskooperation, um für Megacities in verschiedenen Regionen der Erde gemeinsam Forschungsmethoden zu entwickeln und Studienergebnisse vergleichen zu können.

    Welche Standorte werden eine Rolle spielen? London und Hongkong sind bereits gesetzt. Weitere interessante Untersuchungsobjekte wären für Biewer New York, Tokyo, Mexiko City, Bogota, Moskau, Istanbul oder Delhi. Ein zentraler Partner bei der Verwirklichung der Geolingual Studies ist das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zusammen mit dem Bereich der Fernerkundung des Institutes für Geographie und Geologie der JMU. So hat sich Biewer mit PD Dr. Hannes Taubenböck, Leiter des Teams „Stadt und Gesellschaft“ am DLR und Privatdozent der JMU, zusammengeschlossen.

    Neben der reinen Forschungsarbeit ist für die Zukunft auch ein Masterstudiengang der Geolingual Studies an der JMU geplant. Dieser soll interessierte Studierende aus der englischen Sprachwissenschaft, aber auch aus der Geographie ansprechen und die Forschung damit in eine praxisnahe Ausbildung münden lassen, die den Absolventen vielseitige Berufsperspektiven bietet, wie zum Beispiel in der Städteplanung und im Bereich der Global Citizenship Education.

    Die Momentum-Förderung

    Die Initiative „Momentum“ der VolkswagenStiftung richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer frühen Phase ihrer ersten Lebenszeitprofessur – wie im Fall von Carolin Biewer. Ziel ist es laut der Stiftung, ihnen in dieser Karrierephase Möglichkeiten zur inhaltlichen und strategischen Weiterentwicklung ihrer Professur zu eröffnen. In der aktuellen Ausschreibung wurden bundesweit unter 70 Bewerbungen neun Konzepte zur Förderung ausgewählt, davon vier in den Geisteswissenschaften.

    Kontakt

    Prof. Dr. Carolin Biewer, Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft, Universität Würzburg, Tel: +49 931 – 31 80224, carolin.biewer@uni-wuerzburg.de

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