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    Ein Diener vieler Herren

    22.01.2019

    Um 1700 arbeiteten Diplomaten ganz anders als heute. Ein neues Forschungsprojekt an der Uni Würzburg wirft jetzt einen Blick auf die historische Praxis am Beispiel eines Mannes, der bei Kaiser, Zar und Herzog im Dienst stand.

    Es ist unwahrscheinlich, dass Johann Christoph von Urbich auf diesem Bild zu sehen ist – unmöglich ist es allerdings nicht. Immerhin war er zu dieser Zeit Gesandter am Wiener Hof.
    Es ist unwahrscheinlich, dass Johann Christoph von Urbich auf diesem Bild zu sehen ist – unmöglich ist es allerdings nicht. Immerhin war er zu dieser Zeit Gesandter am Wiener Hof. (Bild: ÖNB/Wien, 284.972C)

    Er war nicht nur Diplomat im Dienste einer Majestät, sondern derer gleich vier: Johann Christoph von Urbich (1653-1715) stand über viele Jahre hinweg zeitgleich im Dienst des Kaisers in Wien, des Königs von Dänemark, des russischen Zaren und des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel. In dieser Funktion suchte er beispielsweise für den Sohn des Zaren von Russland eine passende Braut und wurde bei einer Enkelin des Wolfenbütteler Herzogs fündig. Oder er kaufte Truppen zusammen, die in den Kriegen seiner Zeit zum Einsatz kamen, und feilte dann mit an Friedensverträgen.

    Aus heutiger Sicht mag Urbichs Einsatz für mehrere Herrscher verwundern. Zu seiner Zeit, am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts, war er jedoch keine Ausnahmeerscheinung. Sein Wirken kann deshalb exemplarisch stehen für die diplomatische Praxis am Beginn der Neuzeit. Ein neues Forschungsprojekt an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) nimmt jetzt von Urbichs Schaffen genauer unter die Lupe.

    Multiple Loyalitätsbindung über Grenzen hinweg

    „Multiple und transterritoriale Loyalitätsbindungen als Strukturelement der diplomatischen Praxis um 1700: Johann Christoph von Urbich im Beziehungsgeflecht zwischen dem Heiligen Römischen Reich, Dänemark und Russland“: So lautet der Titel des jetzt gestarteten Forschungsprojekts. Angesiedelt ist es am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Professorin Anuschka Tischer; Bearbeiterin ist Dr. Regina Stuber, langjährige Mitarbeiterin der Leibniz-Forschungsstelle an der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek in Hannover.

    „Die Erforschung der Diplomatie am Beginn der Neuzeit hat in den vergangenen Jahren bereits deutlich gezeigt, dass diese anders strukturiert war als moderne Diplomatie“, erklärt Anuschka Tischer. Für Historiker sei vor allem der Blick auf den gleichzeitigen Einsatz im Auftrag mehrerer Herrscher interessant. „Dieses Beziehungsgeflecht macht es uns möglich, das Phänomen einer multiplen Loyalitätsbindung eines einzelnen Diplomaten über verschiedene Herrschaftsgebiete hinweg detailliert zu erforschen“, erklärt Tischer.

    Umfangreicher schriftlicher Nachlass

    Grundlage des Forschungsprojekts sind zahlreiche dicke Mappen, die in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) in einem Ableger des Staatsarchivs Magdeburg liegen. Sie enthalten mehrere tausend Blatt handschriftlicher Notizen Johann Christoph von Urbichs. „Wir finden dort Berichte, Korrespondenzen und Entwürfe von Briefen über einen Zeitraum von rund 30 Jahren“, sagt Regina Stuber. Verfasst sind diese in verschiedenen Sprachen – von Latein über Französisch und Italienisch bis, vereinzelt, Holländisch. Allein der Schriftverkehr mit Russland ist ins Deutsche übersetzt, denn diese Sprache beherrschte von Urbich nicht.

    In den kommenden drei Jahren wird Regina Stuber diesen bislang wissenschaftlich unerschlossenen Nachlass daraufhin untersuchen, wie sich unter den konkreten Bedingungen die diplomatische Praxis darstellte: Welche Spielräume und was für ein Rollenverständnis hatte ein Diplomat um 1700? Welche Bedeutung kam seinen Netzwerken zu? Wo stieß von Urbichs Beziehungsmodell an seine Grenzen? Auf diese und weitere Fragen will die Wissenschaftlerin Antworten geben. „Das Projekt wird somit die Kenntnis von Außenbeziehungen und Politik im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert erheblich erweitern“, sagt sie.

    Eine informelle Interessensgemeinschaft

    Wie war das überhaupt möglich, dass ein Diplomat gleichzeitig im Dienst von vier Herrschaftshäusern war? „Die Bedingung dafür war natürlich, dass diese Mächte nicht untereinander verfeindet waren“, sagt Regina Stuber. Sie bildeten quasi eine „informelle Interessensgemeinschaft“, die gerne gemeinsam die Dienste eines anscheinend extrem gut vernetzten Gesandten in Anspruch nahmen.

    Von Urbich stammte aus keiner adeligen Familie, allerdings war sein Vater herzoglicher Kammerrat in Eisenach. Nach dem Besuch einer Lateinschule studierte er in Leiden an einer der führenden Universitäten dieser Zeit Rechtswissenschaft, bevor er 1691 als Gesandter des dänischen Königs nach Wien ging. Diese Funktion hatte er, von kleineren Unterbrechungen abgesehen, bis 1712 inne. 1705 war er auf Grund seiner Verdienste für den Kaiser in den Adelsstand erhoben und zum Reichshofrat ernannt worden. Von 1707 bis 1712 war von Urbich als Gesandter des russischen Zaren Peter des Großen tätig. Nahezu während seines gesamten Wien-Aufenthaltes fungierte von Urbich darüber hinaus als informeller Berater des Wolfenbütteler Herzogs Anton Ulrich.

    Vom Netzwerker zum Verräter

    Aufgabe des Forschungsprojekts wird es auch sein zu untersuchen, wo die politischen Grenzen eines Funktionsträgers um 1700 lagen und wie vormoderne Praktiken, die lange geduldet und genutzt wurden, zu Verrat und fremder Einflussnahme umgedeutet wurden. Auch Urbich sah sich diesem Vorwurf ausgesetzt, als die politischen Differenzen zwischen Zar Peter dem Großen und Kaiser Karl VI. zu groß wurden. In solchen Fällen war die Gefahr groß, dass der vormalige „Netzwerker“ schnell in den Augen eines Herrschers zum „Geheimnisverräter“ wurde und vor Gericht und im Gefängnis landete – wie beispielweise Wilhelm Egon von Fürstenberg, ein anderer prominenter Diplomat in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

    Auf drei Jahre ist das neue Forschungsprojekt angelegt; finanziert wird es von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Am Ende hofft Regina Steuber eine Monographie präsentieren zu können, die Licht auf die Diplomatiepraxis um 1700 wirft.

    Kontakt

    Prof. Dr. Anuschka Tischer, Lehrstuhl für Neuere Geschichte
    T: +49 931 31-85540, anuschka.tischer@uni-wuerzburg.de

    Dr. Regina Stuber, T: +49 931 31-88614, regina.stuber@uni-wuerzburg.de

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