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Intern

    Der Pandemie einen Schritt voraus

    26.05.2020

    Krankenversorgung, Forschung, Lehre: Das Coronavirus hat das Universitätsklinikum Würzburg in den vergangenen Wochen vor große Herausforderungen gestellt. In einem Bericht schildern die Verantwortlichen die Ereignisse.

    So sieht es aus, wenn sich die Klinikumseinsatzleitung unter Wahrung der Hygienevorschriften im Hörsaal trifft. An den Tischen sitzen von links die Professoren Thomas Wurmb, Ralf-Ingo Ernestus, Georg Ertl und Ulrich Vogel.
    So sieht es aus, wenn sich die Klinikumseinsatzleitung unter Wahrung der Hygienevorschriften im Hörsaal trifft. An den Tischen sitzen von links die Professoren Thomas Wurmb, Ralf-Ingo Ernestus, Georg Ertl und Ulrich Vogel. (Bild: Margot Rössler / Uniklinikum Würzburg)

    Die COVID-19-Pandemie hat wesentliche Auswirkungen auf die Arbeit des Universitätsklinikums Würzburg (UKW). Im Katastrophenfall muss die Versorgung der Patienten entsprechend politischen Bekanntmachungen, Verordnungen und Verfügungen regelmäßig angepasst werden, die Vermeidung von Infektionen bei Patienten und Personal hat höchste Priorität. Während der ersten Infektionswelle wurden Pläne für eine eskalierende Versorgung bis hin zum Stadium der Katastrophenmedizin entwickelt, die bei einem erneuten Wiederanstieg aktiviert werden können. Die Rückführung des Klinikums in Richtung Regelbetrieb stellt die Verantwortlichen jetzt vor neue Herausforderungen.

    Tägliche Besprechung der Einsatzleitung

    Das UKW hat bereits am 27.01.2020 mit Bekanntwerden der ersten Münchener COVID-19-Fälle eine „Coronavirus-Arbeitsgruppe“ gegründet, in der Verantwortliche der Kliniken, Institute und Verwaltungsbereiche mitwirken und in die auch Vertreter der Universität und des Klinikums Würzburg Mitte eingeladen wurden. Diese Arbeitsgruppe war sehr wichtig für die Erstellung der Hygienepläne und die Abstimmung verschiedener Aufgaben. Mit zunehmender Fallzahl wurde auf bereits etablierte Katastrophen- und Notfallpläne zurückgegriffen und die Klinikumseinsatzleitung (KEL) einberufen, in der seit 06.03.2020 täglich alle mit SARS-CoV-2 verbundenen Fragen erörtert und die erforderlichen Entscheidungen getroffen werden. Die KEL wird durch den Ärztlichen Direktor oder seinen Stellvertreter geleitet, ihr gehören weitere Mitglieder des UKW-Vorstands sowie die Leiter verschiedener Bereich der kritischen Infrastruktur an. Dieses Gremium bewertet die medizinische, personelle und materielle Lage und kann so im Krisen- und Katastrophenfall, der jeweiligen Situation angepasst, sehr schnell und flexibel entscheiden.

    Für die anschließende Durchdringung und Akzeptanz der Entscheidungen der KEL ist eine transparente und zeitnahe Kommunikation aller Maßnahmen außerordentlich wichtig. Ein täglicher Newsletter informiert alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter per E-Mail über die Lageentwicklung sowie über die aktuellen Entscheidungen der KEL. Eine Intranetseite mit einer Liste der wesentlichen Dokumente und einer FAQ-Sektion ergänzt den täglichen Newsletter.

    Kapazität von Intensivstationen erhöht

    Das Klinikum hat die politischen Forderungen nach einer Erhöhung der Kapazität von Intensivstationen und Beatmungsplätzen sowie das Freihalten von Betten auf Allgemeinstationen durch eine medizinisch vertretbare Reduktion des elektiven, planbaren Behandlungsprogramms auf der Basis einer Kategorisierung von diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen nach fachspezifischer medizinischer Dringlichkeit mit Augenmaß umgesetzt. Die Notfallversorgung war zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt. Täglich wurde bewertet, welche weiteren Patienten entsprechend einer Einteilung nach vier Dringlichkeitsstufen versorgt werden konnten - die diesbezügliche Zuordnung blieb in der Verantwortung jeder einzelnen Fachdisziplin. In der gemeinsamen Abstimmung entsprechender Kapazitäten spielte die Materiallage, die in verschiedenen Bereichen (Schutzausrüstung, Medikamente, Anästhesiebedarf) mehrfach kritisch war, eine wesentliche Rolle.

    Die Ausweitung von Intensivkapazitäten wurde durch eine Erhöhung des Bestandes an Beatmungsgeräten, eine Umwandlung von Überwachungs- in Intensivbetten sowie Schulungen des ärztlichen und pflegerischen Personals unter Einbeziehung von Studierenden der Medizin realisiert. Besonders wichtig war die Planung einer stufenweisen räumlichen Ausweitung der Intensiv- und Beatmungskapazitäten im Zentrum Operative Medizin durch eine konsekutive Einbeziehung benachbarter Stationen bis hin zu einer potenziellen Nutzung von Aufwach- und OP-Räumen. Durch eine Verdoppelung der entsprechenden Kapazitäten wäre es auch im Fall eines massiven Anstiegs von intensivpflichtigen Patienten über lange Zeit möglich gewesen, am UKW die Individualmedizin, d.h. die bestmögliche Versorgung jedes einzelnen Patienten, aufrechtzuerhalten. Die in Deutschland flächendeckend getroffenen und in Würzburg an die lokalen Bedürfnisse angepassten Pandemie-Maßnahmen haben erfreulicherweise so gut gewirkt, dass diese Pläne bisher nur in den ersten Stufen umgesetzt werden mussten und uns Verhältnisse wie in Norditalien oder New York erspart geblieben sind.

    Hilfreiche Unterstützung von Studierenden

    Die notwendige Trennung von Patienten mit Symptomen einer Atemwegserkrankung bereits an allen Klinikeingängen wurde durch intensive Planungs- und Schulungsarbeit realisiert. Während der ersten Erkrankungswelle unterstützten studentische Hilfskräfte die Lenkung der Patienten in besonders hilfreicher Weise. Jede Klinik erarbeitete Pläne für eine frühestmögliche Detektion von Verdachtsfällen und die räumliche Trennung fachspezifischer COVID-19-Stationen. Diese wurden unter Einbeziehung aller erforderlichen Infektionsschutzmaßnahmen eingerichtet und vorübergehend in Betrieb genommen. Aufgrund einer erfreulichen Abnahme der Infektionszahlen konnten diese Stationen mittlerweile zu einem großen Teil wieder ihrer vorherigen Bestimmung zugeführt werden. Die Pläne können bei Bedarf jederzeit reaktiviert werden.

    Hoher Grad an Sicherheit für Patienten und Personal

    In den vergangenen Monaten wurden verschiedene krankenhaushygienische Voraussetzungen für eine Infektionskontrolle von SARS-CoV-2 geschaffen. Wesentliche Meilensteine waren die Anordnung einer generellen Mund-Nasen-Schutz-Pflicht für alle Mitarbeiter/innen am 23.03.2020, die Einführung eines PCR-Screenings auf SARS-CoV-2 bei allen stationär aufzunehmenden Patienten am 26.03.2020 sowie die Aufforderung an alle Mitarbeiter/innen, sich bei jedem Symptom einer Atemwegsinfektion sofort auf das neue Coronavirus testen zu lassen. Zusammen mit der intensiven Kontaktnachverfolgung durch das Hygienefachpersonal bedeuten diese Maßnahmen einen hohen Grad der Sicherheit für Patienten und Personal. So hat die Stabsstelle Krankenhaushygiene im Zeitraum vom 12.03.2020 bis zum 28.04.2020 insgesamt lediglich 34 Mitarbeiter/innen des UKW, davon 16 im Pflegedienst und 8 im ärztlichen Bereich, mit SARS-CoV-2-Infektionen registriert. Bei über 100 behandelten Patienten, die in der Mehrzahl einer intensivmedizinischen Betreuung bedurften, ist es bemerkenswert, dass sich nur 6 Personen nosokomial infiziert haben.

    Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Hygienepläne anhand ständig neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie intensivierte Personalschulungen ergänzen das Hygienekonzept.

    Täglich mehr als 800 Tests auf SARS-CoV-2

    PCR-Untersuchungen auf SARS-CoV-2 sind eine entscheidende Säule der Bekämpfung der Erkrankung. Die hohen Laborkapazitäten in Deutschland werden als ein Grund für die erfolgreiche Bekämpfung hierzulande angesehen. Am Institut für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg wurde die Testkapazität ständig ausgeweitet und liegt mittlerweile bei mehr als 800 Tests pro Tag. Sie könnte bei einer erneuten Zunahme der Krankheitsaktivität durch das Institut für Hygiene und Mikrobiologie ergänzt werden, das ebenfalls Tests etabliert hat. Für das Gesundheitsamt der Stadt Würzburg, v.a. aber für die Mitarbeiter/innen des UKW wurde im Gebäude D20 eine Untersuchungsstelle etabliert, die das Institut für Hygiene und Mikrobiologie gemeinsam mit dem UKW betreibt. Hier können Abstriche der Rachenhinterwand entnommen werden. Durch das Abflachen der Infektionskurve ist die Untersuchungsstelle zunehmend weniger ausgelastet, ihre Kapazität wird aber bei einer weiteren Erkrankungswelle von großem Nutzen sein.

    Moderne Datenverarbeitung erleichtert die Lagebewertung

    Die tägliche Bewertung der Lage durch die KEL wird durch eine moderne Datenverarbeitung deutlich erleichtert. Das Servicezentrum Medizininformatik (SMI) hat für die KEL ein automatisiertes Berichtswesen entwickelt, das die Fallzahlen, die Belegung der Krankenhausbetten, die Lagerhaltung und die Daten des Robert Koch-Instituts darstellt. Zahlreiche andere Funktionalitäten wurden in kurzer Zeit etabliert, wie die Integration der Patienteneingangsbefragung zur Abschätzung des COVID-19-Risikos in die digitale Krankenakte. Das SMI hat sich als flexible Einheit bewiesen, die die für die Pandemiebekämpfung notwendigen digitalen Werkzeuge in kurzer Zeit bereitstellen kann.

    Das Klinikum ist in der Pandemie-Bekämpfung sehr eng in die Netzwerke von Stadt und Landkreis eingebunden. Vertreter der KEL nehmen an wöchentlichen Treffen der Behörden von Stadt und Landkreis teil. Das UKW hat einen Pandemiebeauftragten berufen, der aktiv in der Führungsgruppe Katastrophenschutz mitarbeitet. Auch der Ärztliche Leiter dieser Führungsgruppe ist Oberarzt am UKW. Die Stabsstelle Krankenhaushygiene hat sich an Schulungsmaßnahmen für Personal in der Altenpflege beteiligt. Und nicht zuletzt leistet das UKW internationale Unterstützung: Drei italienische COVID-19-Patienten wurden hier intensivmedizinisch behandelt.

    Erfahrungen fließen in die Forschung ein

    Durch die intensive und reibungslose interdisziplinäre Zusammenarbeit konnte die erste Welle der SARS-CoV-2-Pandemie sehr erfolgreich bewältigt werden. Zudem wurden die Voraussetzungen geschaffen, bei einem erneuten Anstieg der Erkrankungsaktivität rasch und gut vorbereitet reagieren zu können. Dazu gehört auch, dass die behandelnden Ärzte wertvolle klinische Erfahrungen sammeln konnten. Diese fließen wiederum in Forschungsprojekte ein, die sowohl klinisch und epidemiologisch als auch grundlagenwissenschaftlich ausgerichtet sind und auch bereits zu ersten Publikationen geführt haben. Zudem beteiligen sich verschiedene Kliniken und universitäre Institute an dem durch das Bundesforschungsministerium finanzierten Nationalen Netzwerk der Universitätsmedizin im Kampf gegen COVID-19.

    Digitalisierung der Lehre

    Die Coronakrise hat auch die universitäre Lehre für Studierende der Human- und Zahnmedizin erheblich beeinflusst. Das Studiendekanat steht in ständigem Austausch mit der KEL, um Lösungen zu finden, die sowohl der Weiterentwicklung der Lehre unter Corona-Bedingungen als auch der Patienten- und Mitarbeitersicherheit in der klinischen Lehre dienen. So wurde in extrem kurzer Zeit die Digitalisierung vieler Lehrveranstaltungen umgesetzt. Unter klinisch-praktischen Gesichtspunkten wurde die studentische Mitarbeit auf den Stationen und in verschiedenen Abteilungen durch das Studiendekanat gemeinsam mit der Pflegedienstleitung, dem Betriebsarzt und der Verwaltung so organisiert, dass sie zu einer unverzichtbaren Unterstützung für das Klinikum geworden ist. Zugleich stellt diese Arbeit für die angehenden Mediziner auch eine wichtige Lern- und Lebenserfahrung dar.

    Schrittweiser Übergang in den Regelbetrieb

    Nach der akuten ersten Welle der Pandemie ist der schrittweise Übergang in den „Regelbetrieb“ nun wieder in anderer Weise herausfordernd. Vor uns liegt eine Phase, die noch viele Monate dauern wird und in der wir gemeinsam lernen müssen, auch langfristig mit neuen Anforderungen an Hygiene und Infektionsschutz umzugehen. Abstandsregeln und menschliche Nähe sind kein Widerspruch, Gespräche mit Mund-Nasen-Schutz im Umgang mit Patienten sind für viele ungewohnt, aber möglich. In Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen sowie aufgrund kurzfristiger Verfügungen und Verordnungen werden wir auch weiterhin oft sehr schnell entscheiden müssen. Wir verfolgen die Strategie, das Klinikum auf die kommenden Belastungen so vorzubereiten, dass auch bei steigenden Infektionszahlen die Versorgung sowohl von COVID-19- als auch aller übrigen Patienten sichergestellt ist. Die jetzt zu erarbeitenden Konzepte reichen von der Schaffung flexibler und zugleich verlässlicher intensivmedizinischer und operativer Kapazitäten bis zur Anpassung von Personalplänen und Versorgungsstrukturen. Die bemerkenswerten Erfahrungen der letzten Wochen begründen unsere Zuversicht, dass wir auch die kommenden Aufgaben gemeinsam bewältigen werden!

    Kontakt

    Prof. Dr. Ulrich Vogel, Stabsstelle Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums, Institut für Hygiene und Mikrobiologie, Universität Würzburg, T +49 931 31 46802, vogel_u@ukw.de

    Prof. Dr. Ralf-Ingo Ernestus, Neurochirurgische Klinik und Poliklinik, Universitätsklinikum Würzburg, T +49 931 201 24800, ernestus.r-i@ukw.de

    Prof. Dr. Georg Ertl, Ärztlicher Direktor, Universitätsklinikum Würzburg, T +49 931 201 55000, ertl_g@ukw.de

    Prof. Dr. Thomas Wurmb, Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin, Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Würzburg, +49 931201 30411, wurmb_t@ukw.de

    Von Mitteilung des Universitätsklinikums

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