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Demokratiematrix 2019: Weniger Demokratien, mehr hybride Regime

21.07.2020

Wie steht es weltweit um die Demokratie? Kann sie sich gegen autokratische Tendenzen behaupten? Diesen Fragen gehen Politikwissenschaftler der Uni Würzburg nach. Jetzt haben sie die Ergebnisse für das Jahr 2019 veröffentlicht.

Funktionierende Demokratien arbeiten aktuell in 83 Ländern dieser Erde; harte Autokratien finden sich in 21 Ländern. Das zeigt eine aktuelle Auswertung, basierend auf den Daten der Demokratiematrix.
Funktionierende Demokratien arbeiten aktuell in 83 Ländern dieser Erde; harte Autokratien finden sich in 21 Ländern. Das zeigt eine aktuelle Auswertung, basierend auf den Daten der Demokratiematrix. (Bild: Lauth / Schlenkrich / Lemm)

Fast die Hälfte der Staaten der Welt hat demokratische Regime, aber nur etwas mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung lebt in Demokratien. Mit Blick auf die Jahreswende 2019 überwiegt die Zahl der Länder, die sich von einer lupenreinen Demokratie hin in Richtung Autokratie bewegen, die Anzahl jener Länder, die ihre demokratische Qualität in jüngster Zeit verbessert haben. Insgesamt bewegt sich die Welt weg von den klaren Gegensätzen perfekter Demokratien und eindeutiger Autokratien hin zu Mischformen, in denen die jeweiligen Aspekte unterschiedlich stark ausgeprägt sind.

Das ist das Ergebnis des jetzt veröffentlichten Reports „No Age of Autocratization! Growing Hybridity in the Center of the Regime Continuum“ von Politikwissenschaftlern der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Mit der „Demokratiematrix“ verfolgen sie die Entwicklung politischer Systeme in gut 200 Ländern – das sind mit Ausnahme weniger Inselstaaten so gut wie alle Länder dieser Erde – teilweise bis ins Jahr 1900 zurück. Jetzt ist die neueste Version der Demokratiematrix online. Sie setzt die Zeitreihe mit neuen Daten für das Jahr 2019 fort. Verantwortlich für das Projekt ist Professor Hans-Joachim Lauth, Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Politikwissenschaft und Systemlehre; seine Wissenschaftlichen Mitarbeiter Lukas Lemm und Oliver Schlenkrich unterstützen ihn bei der Datenauswertung.

Differenzierte Sicht ist notwendig

Jair Bolsonaro in Brasilien, Viktor Orbán in Ungarn und dann auch noch China, das aktuell seine Macht in Hongkong immer weiter ausbaut: Wer die Nachrichten aufmerksam verfolgt, dürfte sich durch die Ergebnisse der Würzburger Politikwissenschaftler bestätigt sehen. Kein Wunder, dass führende Medien wie die ZEIT oder der Spiegel vom „Rückzug“ oder dem „Niedergang der Demokratie“ schreiben und sich die Debatte um die Frage: „Ist das Zeitalter der Demokratie zu Ende?“ dreht, wie im Tagesspiegel zu lesen war. Auch in der Politikwissenschaft wird diese Frage diskutiert, wobei der Trend dort in Richtung einer „dritten Autokratisierungswelle“ geht.

Man kann aber auch eine differenziertere Sichtweise einnehmen und – mit dem Blick auf die historische Entwicklung – die These von der Krise der Demokratie auf eine andere Weise deuten oder sogar gänzlich ablehnen. Diese differenzierte Sichtweise nehmen Lauth und seine beiden Mitarbeiter ein. „Eine Autokratisierung liegt aus unserer Sicht nur dann vor, wenn die Zahl der Autokratien wächst, was aber nicht der Fall ist. Wir beobachten seit den 1990er-Jahren eher eine zunehmende Bedeutung der hybriden Regime“, erklärt Hans-Joachim Lauth. Während also die Zahl der harten Autokratien sowie die der funktionierenden Demokratien leicht rückgängig ist, steigt die Zahl moderater Autokratien und defizitärer Demokratien an.

Weltweite Dynamik der Entdemokratisierung

Tatsächlich zeigen die Daten der Demokratiematrix, dass in den vergangenen Jahren eine Reihe von Ländern eine „Dynamik der De-Demokratisierung“ erlebt haben, wie Lauth sagt. Allerdings seien sie in den seltensten Fällen vollständig in Autokratien zerfallen. So ist also die Zahl der funktionierenden Demokratien zurückgegangen, sie sind aber immer noch Demokratien, wenn auch mit Defiziten. „Deshalb sollte eine solche Dynamik der De-Demokratisierung nicht übertrieben werden, denn sie bedeutet nicht das Ende eines demokratischen Regimes oder die Beseitigung aller demokratischen Institutionen“, so der Politikwissenschaftler. Ebenso sollten Liberalisierungen von Autokratien nicht überbewertet werden, sondern als Beitrag zum Bild der schmelzenden Pole des Regimekontinuums interpretiert werden.

Trotzdem: Aus historischer Sicht hat der globale Zustand der Demokratie seinen Zenit vorerst überschritten, so das Fazit des jetzt vorgelegten Berichts. Allerdings sei er nicht zusammengebrochen, sondern bleibe in historischer Perspektive hoch. „Fast die Hälfte der Länder der Welt sind nach wie vor Demokratien, auch wenn das schrumpfende Qualitätsniveau der Demokratien alarmierend ist“, sagt Lauth. Im Gegenzug gebe es immer weniger „harte Autokratien“; seit 1995 habe sich ihre Zahl halbiert. Sprunghaft angestiegen ist dafür seit dem Ende des Kalten Krieges die Zahl der hybriden Regime, auch die gemäßigten Autokratien und die noch defizitäreren Demokratien haben in einem nie dagewesenen Ausmaß an Bedeutung gewonnen.

Der globale Zustand der Demokratie im Jahr 2019

In konkreten Zahlen ausgedrückt, lesen sich die Ergebnisse der Studie so: Im Jahr 2019 hatten 83 von 179 Ländern (39,7 Prozent) den Status von Demokratien. Es gibt jedoch weniger funktionierende (37) als defekte Demokratien (46). Bei Letzteren sind nicht alle Elemente der Demokratie voll entwickelt. Dem gegenüber stehen 55 autokratische Systeme, was einem Anteil von 30,7 Prozent der globalen Verteilung entspricht. Darunter finden sich 34 moderate Autokratien sowie 21 harte Autokratien, die die Freiheit völlig einschränken, eine grundlegende Gleichheit ablehnen und keine Kontrolle über die Machtausübung zulassen. 41 hybride Regime (22,9 Prozent), die sowohl demokratische als auch autokratische Elemente kombinieren, stehen zwischen diesen Polen.

Betrachtet man nicht die Zahl der Länder, sondern den Anteil der Weltbevölkerung, der in den jeweiligen Regimen lebt, verändert sich die Perspektive: „Defizitäre Demokratien sind zwar hinsichtlich des Länderanteils mit 25,7 Prozent der häufigste Regimetyp, sie repräsentieren aber den kleinsten Teil der Weltbevölkerung mit gerade einmal 13,3 Prozent“, so Lauth. Im Gegensatz dazu sind harte Autokratien und hybride Regime für mehr Menschen eine Realität, als ihr prozentualer Anteil vermuten lässt – was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass sich unter ihnen so bevölkerungsreiche Ländern wie China und Indien finden.

Die Demokratiematrix

Die Demokratiematrix steht allen Interessierten zur Anwendung offen; das Angebot ist kostenlos. Auf der Homepage können Sie eigene Analysen mit Online-Analyse-Tools durchführen. Neben den deutschen Seiten gibt es auch eine englischsprachige Variante. Zu finden ist sie hier: https://www.demokratiematrix.de/ .

Kontakt

Prof. Dr. Hans-Joachim Lauth, Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft und Systemlehre,
T: +49 931 31-84801, hans-joachim.lauth@uni-wuerzburg.de

Von Gunnar Bartsch

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