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CO₂-Zölle stärken die Klimapolitik

09.06.2026

Seit Anfang 2026 erhebt die EU auf CO₂-intensive Importe Klimazölle – sofern das Importland kein eigenes Bepreisungssystem hat. Eine neue Studie zeigt, wie diese Maßnahme den weltweiten CO₂-Ausstoß verringern kann.

Knapp 40 Milliarden Tonnen beträgt der weltweite CO₂-Ausstoß jährlich. Ausgleichszahlungen sind ein mögliches Mittel, die Emissionen zu verringern.
Knapp 40 Milliarden Tonnen beträgt der weltweite CO₂-Ausstoß jährlich. Ausgleichszahlungen sind ein mögliches Mittel, die Emissionen zu verringern. (Bild: AdobeStock / jzehnder)

Bereits 2005 hat die Europäische Union das EU-Emissionshandelssystem eingeführt. Die Grundidee: Industrie, die CO₂ ausstößt, wird entsprechend zur Kasse gebeten. Für jede  ausgestoßene Tonne CO₂ müssen Unternehmen in der EU seitdem Zertifikate erwerben. Mit überschüssigen Zertifikaten kann gehandelt werden, der Preis ist also nicht fest. Aktuell liegt er bei etwa 75 Euro pro Tonne CO₂.

Während das System sich positiv auf CO₂-Ausstoß innerhalb der EU auswirkt, hatte es bislang auch eine entscheidende Schwachstelle: Die energieintensive Produktion verschob sich ins Ausland, Produkte wurden vermehrt importiert. Die entstandene Lücke – „Carbon Leakage“ genannt – machte einen signifikanten Teil des Emissionsrückgangs zunichte.

Seit Anfang 2026 versucht die EU diesem Phänomen mit Klimazöllen beizukommen. „Carbon Border Adjustment Mechanism“ (CBAM) nennt sich dieser Grenzausgleich. Importeure entsprechender Produkte müssen seitdem denselben Preis bezahlen, der auch innerhalb der EU gilt – es sei denn, das eigene Land verfügt selbst über ein vergleichbares Bepreisungssystem.

Die Studie des Würzburger Wirtschaftswissenschafts-Professors Joschka Wanner sowie Dr. Timothé Beaufils und Professorin Leonie Wenz vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) untersucht verschiedene Szenarien, die mit und ohne Grenzausgleich auftreten könnten.

Wie Europas Klimapolitik weltweit Einfluss nehmen kann

„Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus soll der Industrie innerhalb der EU helfen, zu dekarbonisieren und dabei wettbewerbsfähig zu bleiben – doch nicht weniger wichtig ist, was außerhalb der EU geschieht“, erklärt PIK-Forscher Timothé Beaufils, der Leitautor der Studie. „Wir beobachten bereits, dass andere Länder wie Brasilien oder die Türkei auf den CBAM mit einem eigenen CO₂-Preis reagieren. Wir haben einen neuen Ansatz entwickelt, um diesen Politik-Diffusions-Effekt abzuschätzen. Er liefert starke Hinweise darauf, dass der EU Green Deal tatsächlich das Potenzial hat, die Klimapolitik in anderen Ländern zu stärken.“

Die Untersuchung stützt sich auf ein eigens entwickeltes ökonomisches Modell, das zwei Forschungsstränge verbindet: die Handelsökonomie und die Spieltheorie. Je nach ihren wirtschaftlichen Interessen entscheiden Handelspartner, ob sie den Klimazoll in die EU-Kasse zahlen, oder einen eigenen CO₂-Preis einführen und sich damit einer „Klima-Koalition“ anschließen. Auf Basis detaillierter Handelssimulationen werden diese Entscheidungen ermittelt. Sie hängen ab vom Niveau des CO₂-Preises, der genauen Ausgestaltung des CBAM sowie davon, welche Länder bereits Teil der Koalition sind.

Der über CBAM erhobene CO₂-Preis auf Importe gilt aktuell für Stahl, Eisen, Aluminium, Zement, Düngemittel, Elektrizität und Wasserstoff. Um seine Anreizwirkung für internationale Klima-Kooperation auszuleuchten, füttert das Forschungsteam sein Rechentool mit empirischen Daten zu Warenströmen für 56 Wirtschaftssektoren und 43 Länder. Mit Hilfe dieses Zahlenwerks rechnet das Team die EU-Klimapolitik beispielhaft für einen CO₂-Preis von 100 Dollar je Tonne durch.

Modellanalyse offenbart bemerkenswerte Folgewirkungen

Ohne Grenzausgleich lässt Europas CO₂-Preis die heimischen Emissionen um 505 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr niedriger ausfallen. Die globalen Emissionen liegen aber nur 305 Millionen Tonnen niedriger, weil andere Länder mehr energieintensive Produkte zuliefern. Zudem profitieren sie durch Europas Rückzug aus fossilen Energien von niedrigeren Weltmarktpreisen. Der EU-Klimaschutz weist daher eine massive Lücke auf, besagtes „Carbon Leakage“, die 40 Prozent des Emissionsrückgangs in Europa zunichtemacht.

Mit dem Grenzausgleich ist der Carbon-Leakage-Effekt deutlich geringer – nur noch 15 Prozent statt der vorherigen 40 Prozent. Die globalen Emissionen werden nunmehr immerhin um 399 Millionen Tonnen reduziert.

Mit Politik-Reaktion der Handelspartner liegt die globale Emissionssenkung bei 691 Millionen Tonnen CO₂. Also nochmal 73 Prozent höher als durch die reinen Folgen der EU-Klimapolitik. Vier Länder, Kanada, Japan, Südkorea und Taiwan, vermeiden die Mehrbelastung durch CBAM durch eigene CO₂-Bepreisung, schließen sich also der Klima-Koalition an. „Diese strategische Dimension des CBAMs ist eine zweite Stärke, die es nicht zu übersehen gilt: Er bekämpft nicht nur Carbon Leakage, sondern schafft Anreize zur CO₂-Bepreisung auch außerhalb der EU und bringt uns auf diese Art dem klimapolitischen Goldstandard eines globalen CO₂-Preises ein Stück näher“, betont Joschka Wanner.

Klima-Koalition mit Potenzial

Zusätzliche Modelldurchläufe zeigen, dass Erweiterungen der CO₂-Zölle auf andere Sektoren noch weitere Länder dazu bewegen könnten, der Klima-Koalition beizutreten – sogar die USA. Hingegen würde China derzeit nur teilnehmen, wenn der CO₂-Preis unter 20 Dollar je Tonne läge. Die exakten quantitativen Ergebnisse der Studie hängen an den jeweiligen Modellannahmen. Das zentrale Resultat, dass der CBAM der EU die Einführung einer CO₂-Bepreisung in anderen Ländern vorantreibt, gilt jedoch in einem breiten Spektrum von Modellannahmen.

Originalpublikation

Beaufils, T., Wanner, J., Wenz, L., (im Druck): The Potential of carbon border adjustments to foster climate cooperation. Journal of the Association of Environmental and Resource Economists (JAERE). Erscheint im November 2026. DOI: 10.1086/742163

Kontakt

Prof. Dr. Joschka Wanner, Juniorprofessur für Quantitative International and Environmental Economics, E-Mail: joschka.wanner@uni-wuerzburg.de

Von Lutz Ziegler / PIK

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