Internationale Perspektiven auf den Messianismus
03.11.2026Das Käte Hamburger Kolleg für Studien zum Messianismus nimmt seinen Forschungsbetrieb auf. Zum Festakt mit den ersten Gastforschenden sind alle Interessierten am 23. November ins Audimax eingeladen.
Von Javier Milei und Jair Bolsonaro über Mahatma Gandhi und den Dalai Lama bis hin zur ukrainischen Erinnerungskultur und modernen Verschwörungserzählungen: Messianische Figuren, Narrative und ihre gesellschaftliche Wirkmacht stehen im Fokus des Käte Hamburger Kollegs für Studien zum Messianismus (CEMES) an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Das neu eingerichtete Kolleg begrüßt ab November die erste Gruppe internationaler Gastwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen, die für ein Jahr gemeinsam in Würzburg arbeiten werden.
Die zehn Forschenden aus vier Kontinenten vertreten Disziplinen wie Kulturanthropologie, Geschichts-, Politik- und Literaturwissenschaften und Theologie. Ihre Projekte reichen von der Spätantike bis zur aktuellen Geopolitik.
„Wir sind stolz darauf, eine so vielfältige Gruppe in Würzburg zu versammeln“, erklären Professorin Barbara Schmitz und Professor Christian Wehr, die Direktoren des CEMES. „Die Projekte zeigen, dass messianische Narrative keineswegs nur historische Phänomene sind. Sie prägen auch heute noch politische Diskurse, Krisen und kulturelle Identitäten rund um den Globus.“
Den offiziellen Auftakt des Forschungsbetriebs markiert die feierliche Eröffnung des Kollegs am Montag, 23. November 2026. Den Festvortrag zum Thema „The Messianic Moment in William Kentridge’s More Sweetly Play the Dance“ hält der international renommierte Kulturtheoretiker Professor Homi K. Bhabha (Harvard University). Die Veranstaltung ist öffentlich und findet um 18 Uhr im Audimax der Uni am Sanderring 2 statt. Alle Interessierten, Studierenden und Forschenden sind herzlich eingeladen.
Die erste Gruppe im Überblick
- Professor Gonzalo Aguilar (Literatur- und Kulturwissenschaft, Universidad de Buenos Aires): Untersucht die historischen Wurzeln messianischer Narrative in Lateinamerika und ihre Verbindung zum gegenwärtigen politischen Populismus am Beispiel von Javier Milei und Jair Bolsonaro.
- Dr. Dawa Lokyitsang (Kulturanthropologie, International Institute for Asian Studies, Leiden): Sie analysiert das geopolitische und religiöse Spannungsfeld um die Frage, wer die Autorität besitzt, den nächsten Dalai Lama zu bestimmen.
- Professorin Sumathi Ramaswamy (Geschichtswissenschaft, Duke University): Beleuchtet die sozioökonomische Dimension von Gandhis Politik und zeigt, wie sich spirituelle Vorstellungen mit sozialer Gerechtigkeit und ökonomischer Ordnung verbinden.
- Professor Alex Villas Boas (Theologie, Universidade Católica Portuguesa, Lissabon): Erforscht am Beispiel von Napoleon Bonaparte die Entstehung eines politischen Messianismus durch eine pseudo-religiöse Inszenierung als Auserwählter.
- Professor Youval Rotman (Jüdische Geschichtswissenschaft, Tel Aviv University): Untersucht an der Schnittstelle von Spätantike und Psychologie, wie der historische Übergang zum Monotheismus die Vorstellung eines „inneren Messias“ prägte.
- Professorin Hewan Semon Marye (Geschichtswissenschaft, Universität Hamburg): Untersucht anhand einer apokalyptischen Schrift aus dem 15. Jahrhundert die Verbindung zwischen messianischer Prophezeiung, Kaiser Tewodros und Äthiopien als auserwähltem Land.
- Professor Daniel Chigudu (Politikwissenschaft, University of South Africa): Untersucht messianische Autorität und Nachfolgekrisen im südlichen Afrika und fragt, wie politische Ordnungen mit dem Tod prägender Befreiungsfiguren umgehen.
- Dr. Kateryna Yeremieieva (Geschichtswissenschaft, Universität Basel): Untersucht, wie der ukrainische Nationaldichter Taras Shevchenko mittels KI und sozialer Medien im aktuellen Krieg als moderner „Messias“ reaktualisiert wird.
- Professor Alexei Sivertsev (Religionswissenschaft, DePaul University): Lenkt den Blick auf eine oft übersehene mütterliche Dimension des Messianismus und erforscht hebräische Texttraditionen rund um die Figur der Hephzibah.
- Dr. Sana Chavoshian (Anthropologie, ZMO Leibniz Zentrum Moderner Orient, Berlin): Sie analysiert postkoloniale und verschwörungsmythische Vorstellungen eines „Alien-Messias“ im Kontext von Kriegsszenarien in der Golfregion.
Kontakt zu den Fellows
Im Verlauf ihres Aufenthalts in Würzburg werden die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihre Forschung in öffentlichen Vorträgen und Gesprächsformaten vorstellen. Darüber hinaus sind Begegnungen und Kooperationen mit Einrichtungen und Partnern aus Würzburg und der Region geplant. Die vielfältigen Themen der Gastforschenden bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für die aktuelle Berichterstattung.
Bei Interesse an einzelnen Themen oder an einem Gespräch vermittelt das CEMES gerne den Kontakt unter cemes-communication@uni-wuerzburg.de
Das Käte Hamburger Kolleg für Studien zum Messianismus (CEMES) befasst sich wissenschaftlich mit messianischen Figuren und Narrativen der Menschheitsgeschichte. Es wurde zum 1. April 2026 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg eingerichtet. Jedes Jahr lädt das Kolleg zehn herausragende internationale Forschende nach Würzburg ein, um gemeinsam zum Thema Messianismus zu forschen. Darüber hinaus will das Kolleg in Schulen und andere Bildungseinrichtungen hineinwirken und Beiträge zur politischen Aufklärung und Sensibilisierung sowie zur Demokratieförderung leisten. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert das Kolleg für die ersten vier Jahre mit rund 7,7 Millionen Euro.


