Mit Handicap durch die Raumzeit reisen
14.07.2026Arsim Kastrati promoviert an der Universität Würzburg – trotz einer schweren Behinderung. Für seine herausragenden Leistungen im Studium wurde er von der Fakultät für Physik mit dem Röntgen-Preis ausgezeichnet.
Wer Arsim Kastrati nicht kennt und sich mit ihm für ein Treffen am Physikalischen Institut verabredet, hat keine Schwierigkeiten, ihn in der Menschenmenge zu finden. Zu eindeutig ist sein Gang, zu ungewohnt die Haltung seiner Arme und Hände. Arsim Kastrati ist 29 Jahre alt und Doktorand der Physik an der Universität Würzburg. Er lebt seit seiner Geburt mit einer schweren Behinderung – Arthrogryposis multiplex congenita –, einer Gelenksteifheit, die ihm ein selbstständiges Leben unmöglich macht.
Trotzdem hat Arsim es von der Förderschule bis an die Universität geschafft. Für das Masterstudium, das er mit der Bestnote 1,0 abgeschlossen hat, wurde er vor Kurzem von der Fakultät für Physik und Astronomie mit dem Röntgen-Preis ausgezeichnet.
„In der Schule hat mir Mathematik großen Spaß gemacht, allerdings hat mir dort die Anwendung gefehlt. Deshalb habe ich mich für das Physikstudium entschieden“, erklärt er seinen Weg. „In der Physik beschreibt man komplexe Vorgänge in der Natur auf eine relativ einfache Weise.“ Wobei die Betonung auf dem Wort „relativ“ liegt. Wenn man die notwendige Mathematik beherrscht, sei es nicht schwer, findet er.
Ein schwieriger Weg bis zur Uni
Der Weg an die Universität war für Arsim Kastrati nicht leicht. Im Kosovo geboren, kam er im Alter von drei Jahren mit seiner Familie nach Deutschland, zunächst nach Wertheim im Main-Tauber-Kreis. Wegen seiner Behinderung besuchte er das Zentrum für Körperbehinderte, die heutige Hans-Schöbel-Schule im Würzburger Stadtteil Heuchelhof, und danach die Mittelschule am Heuchelhof. Es folgte der Wechsel auf die Fachoberschule, wo er zuerst das Fachabitur abgelegte und ein Jahr später die allgemeine Hochschulreife erhielt.
Kastratis Alltag erfordert ein hohes Maß an Unterstützung. Die angeborene Gelenksteife schränkt die Beweglichkeit seiner Beine und Arme stark ein, sodass er beim Aufstehen, Hinsetzen und bei alltäglichen Handgriffen auf Hilfe angewiesen ist. Ein spezialisierter Pflegedienst und eine Alltagsassistenz begleiten ihn engmaschig – auch in der Universität.
Herausforderungen und Entgegenkommen im Studium
„Herausfordernd“ sei die Zeit gewesen, erinnert sich Arsim Kastrati an sein Bachelorstudium, nicht nur wegen seiner Behinderung. „Ich habe glücklicherweise noch vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie angefangen und hatte eine Gruppe, die auch sehr gute Freunde von mir geworden sind“, erzählt er. Schwierig wurde es während der Lockdowns, als Treffen nicht mehr möglich waren. „Das war nicht schön, weil Physik kein Fach ist, das man alleine studieren kann.“
Schwierig seien auch die zahlreichen Praktika gewesen, wenn es darum ging, Experimente durchzuführen. Da sei er meistens ein Beobachter gewesen, der den Anderen gesagt hat, was zu tun war, und sich verstärkt in die Auswertung einbrachte. In dieser Zeit habe er viel Entgegenkommen vonseiten der Dozentinnen und Dozenten erfahren. „Wenn wir beispielsweise in Zweiergruppen ein Experiment hätten durchführen sollen, wurden in meinem Fall immer Dreiergruppen gebildet. Sonst wäre das für die andere Person etwas schwierig geworden“, sagt er.
Computersimulationen statt Laborarbeit
Nach dem erfolgreichen Bachelor- und Masterstudium an der Universität Würzburg forscht Kastrati nun als Doktorand am Lehrstuhl für Theoretische Physik III. Gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Betreuer, Professor Haye Hinrichsen, widmet er sich grundlegenden Fragen des Universums. Dabei geht es um die mathematische Beschreibung von Raum und Zeit. In der herkömmlichen Physik wird die sogenannte Raumzeit als kontinuierlich – also als eine unendliche, strukturlose Suppe – betrachtet. Kastratis Forschung setzt jedoch an der Überzeugung an, dass es eine kleinste, elementare Länge im Universum geben muss.
„In mathematischen Berechnungen treten oft Terme auf, die plötzlich unendlich groß werden. Das ist unphysikalisch und zeigt, dass wir etwas noch nicht ganz verstehen“, beschreibt Kastrati das Problem. Das Einführen kleinster Einheiten soll diese mathematischen Fehler verhindern. Da diese Forschung rein theoretisch stattfindet, arbeitet Kastrati nicht in klassischen Laboren mit Experimenten, sondern nutzt komplexe Computersimulationen, um die Bewegung von Teilchen in solchen modellierten Räumen zu testen. Die Ergebnisse seiner Masterarbeit waren so fundiert, dass sie bereits in einer amerikanischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurden.
Starke Netzwerke für die akademische Laufbahn
Dass sein Weg so gut gelingen konnte, verdankt Kastrati auch den umfassenden Unterstützungssystemen der Universität Würzburg. Während des gesamten Studiums stand ihm die Kontakt- und Informationsstelle für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung (KIS) unter der Leitung von Sandra Mölter zur Seite. Die KIS berät Studierende bei allen beeinträchtigungsbedingten Anliegen und unterstützt insbesondere bei der Organisation von Nachteilsausgleichen. „Für Prüfungen und Klausuren brauche ich einfach mehr Zeit, weil ich langsamer schreibe. Die KIS hat mich hierbei super unterstützt“, betont Kastrati. Auch aus Dozentensicht lobt Hinrichsen die Kooperation mit der Servicestelle als reibungslos.
Für die nun folgende, auf drei Jahre angelegte Promotion greift ein weiteres Förderinstrument: das Programm PROMI+ (Promotion inklusive). Das ebenfalls von Sandra Mölter geleitete Projekt ermöglicht talentierten Hochschulabsolventinnen und -absolventen mit Behinderung den Weg zur Doktorwürde. Über eine Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit werden die Promovierenden über dreijährige, sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse finanziell abgesichert und erhalten einen festen Rechtsanspruch auf notwendige berufliche Rehabilitationsleistungen. Die Stelle von Kastrati wird über eine Mischfinanzierung getragen, bei der die Arbeitsagentur 70 Prozent übernimmt und die restlichen Mittel von der Universität sowie dem Lehrstuhl beigesteuert werden.
Für Professor Hinrichsen spielt die Behinderung im Forschungsalltag ohnehin keine Rolle mehr: „Für mich ist entscheidend, dass jemand engagiert ist und gute Physik macht. Wenn man viel miteinander zu tun hat, wird das alles nach kurzer Zeit selbstverständlich“. Kastrati selbst möchte auch nach der Promotion der Wissenschaft treu bleiben: „Ich fühle mich in diesem universitären Umfeld einfach sehr wohl und würde gerne an der Universität bleiben“.
Kontakt
Arsim Kastrati, Lehrstuhl für Theoretische Physik III, T +49 931 31-80538, arsim.kastrati@uni-wuerzburg.de
Prof. Dr. Haye Hinrichsen, Lehrstuhl für Theoretische Physik III, T +49 931 31-84908, haye.hinrichsen@uni-wuerzburg.de

