Mein Weg ins Studium über den dritten Bildungsweg
03.06.2026Aus der Selbstständigkeit in den Hörsaal: Maximilians Weg an die Uni Würzburg ging nicht über das Abitur – er hat sich beruflich qualifiziert. Er berichtet von Herausforderungen und gibt dir Tipps für deinen Weg an die Hand.
Zugegeben: In meiner Schulzeit war ich nicht gerade der Musterschüler. Lernen hatte für mich selten oberste Priorität. Rückblickend würde ich das aber nicht als Versäumnis bezeichnen, sondern als Teil meines Weges. Denn auch wenn mein Abschluss an der Wirtschaftsschule eher unspektakulär war, bedeutete das keineswegs das Ende meiner Möglichkeiten. Im Gegenteil: Der Schritt in eine Berufsausbildung war für mich damals genau richtig. Er hat mir früh gezeigt, wie die Praxis funktioniert und mir eine Richtung gegeben, die ich im Klassenzimmer so nie gefunden hätte. Die Frage war also nicht, ob mein Weg „gut genug“ ist, sondern wohin er mich als nächstes führen würde.
Heute bin ich 31 Jahre alt und studiere im 5. Bachelor-Semester Wirtschaftswissenschaften an der Universität Würzburg. Wenn ich heute im Audimax sitze, blicke ich auf einen Lebenslauf zurück, der alles andere als geradlinig ist – und genau das ist eine meiner größten Stärken.
Von der Ausbildung zur Selbstständigkeit
Nach meiner Zeit an der Wirtschaftsschule entschied ich mich zunächst für eine Ausbildung zum Automobilkaufmann. Es folgten lehrreiche Jahre in der Praxiswelt, unter anderem bei der Würzburger Mediengruppe Mainpost. Mit 22 Jahren ließ ich mein Angestelltenverhältnis hinter mir und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Sechs Jahre lang arbeitete ich als Gastronom, baute ein eigenes Unternehmen auf und trug die Verantwortung für ein Team von 15 Mitarbeitenden. Ich stand mitten im Berufsleben, verdiente mein eigenes Geld und hatte mir etwas aufgebaut.
Als Mensch, der Veränderungen und neue Herausforderungen sucht, wurde mit der Zeit der Wunsch stärker, nochmal etwas Neues zu machen. Ich wollte raus aus dem, was ich kannte, und mich bewusst auf eine andere Art fordern. Die Jahre in der Gastronomie waren intensiv, lehrreich, aber auch enorm kräftezehrend. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich mich auch über die Praxis hinaus weiterentwickeln will.
Mit 28 Jahren habe ich einen Schlussstrich gezogen und die Entscheidung getroffen: Ich gehe an die Uni. Ein erstes Gespräch mit der Bachelorkoordinatorin der Fakultät hat mir dabei sehr geholfen. Sie hat meine Situation verstanden, mir viele Zweifel genommen und mir genau die Sicherheit gegeben, die ich gebraucht habe, um diesen Schritt wirklich zu gehen.
Der Kulturschock als Erstakademiker
Dieser Schritt verlangte mir dennoch einiges an Überwindung ab. Als sogenannter „beruflich Qualifizierter“ ohne Abitur und als Erstakademiker in meiner Familie war die Uni für mich eine völlig fremde Welt. Zwar ist es beruhigend zu wissen, dass in Deutschland nie zuvor so viele Menschen ohne Abitur an einer Hochschule studiert haben – allein im Jahr 2021 gab es rund 70.000 „beruflich Qualifizierte“ an deutschen Hochschulen. Doch wenn man dann selbst als „Exot“ im Hörsaal sitzt, fühlt es sich erst einmal sehr einsam an.
Nach vielen Jahren in der Berufstätigkeit zurück in die passive Rolle des Lernenden zu finden, war anfangs extrem schwierig. Als Erstakademiker fehlte mir das Wissen darüber, wie eine Universität überhaupt tickt. Ich saß in Vorlesungen und war teilweise völlig überfordert von den Theorietexten und dem bildungssprachlichen Vokabular.
Mathematik, das Endgegner-Level
Die mit Abstand größte Hürde für mich war jedoch die fehlende Vorbildung durch die gymnasiale Oberstufe, allen voran in Mathematik. Ohne das klassische Mathe-Abitur wurden Module wie Statistik, Differenzialrechnung oder Ökonometrie für mich zu einem echten Kampf. Mir fehlten schlichtweg die mathematischen Grundlagen, weshalb ich oft bis spät in die Nacht an Formeln und Ableitungsregeln verzweifelt bin.
Wie zu erwarten, kam mit der ersten Klausur im Studium auch die erste 5,0 – nicht bestanden. In solchen Momenten wurde mir schnell klar, dass das hier kein Selbstläufer ist und dass die Hürden anders sind als alles, was ich bisher kannte.
Gespräche mit Kommilitoninnen und Kommilitonen waren in dieser Zeit der beste Trost und gleichzeitig die größte Motivation. Dabei habe ich gemerkt, dass ich mit meinen Herausforderungen nicht allein bin. Selbst diejenigen mit einem 1,0er-Abi kämpfen an den gleichen Stellen. Das Studium fordert uns alle heraus, und an der Uni werden die Karten für jeden neu gemischt.
Zwei Jobs, eine Mentorin und die Kraft der Erfahrung
Neben dem mentalen Druck gibt es als Student auf dem dritten Bildungsweg auch finanzielle Herausforderungen. Für viele Förderungen, wie etwa reguläres BAföG, ist man oft schon zu alt. Deshalb arbeite ich neben dem Vollzeitstudium in zwei Jobs: Ich stehe nach wie vor in der Gastronomie und arbeite zusätzlich an der Fakultät im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit.
Der Job als Hiwi erwies sich gleichzeitig als großer Rettungsanker. Gerade in den ersten Semestern hatte meine Vorgesetzte ihre eigene Erfahrung mit mir geteilt und mich immer wieder ermutigt, dranzubleiben. Sie wusste, wie anspruchsvoll der Spagat zwischen Arbeit, Studium und finanzieller Verantwortung ist, und hat mir genau die Flexibilität gegeben, die ich gebraucht habe.
Heute, im fünften Semester, sehe ich die Dinge viel klarer. Ich habe gelernt, dass mein ungewöhnlicher Weg nicht nur aus Defiziten, sondern vor allem aus persönlichen Stärken besteht. Mittlerweile profitiere ich im Studium immer wieder von meiner Vergangenheit. Wenn wir über Mitarbeiterführung, organisatorische Strukturen oder den Umgang mit Krisen sprechen, dann kenne ich diese Themen nicht nur aus Lehrbüchern, sondern von der praktischen Seite. Diese Lebenserfahrung gibt mir eine Perspektive, die man in keiner Vorlesung lernen kann.
Freunde fürs Leben und ein Appell
Wenn man neben dem Studium arbeitet (und das nicht nur ein bisschen, sondern richtig) dann bleibt vom klassischen Studentenleben nicht viel übrig. Keine endlosen Abende in der Sanderstraße, keine spontanen Uni-Partys am Wochenende. Aber ganz ehrlich: Mir hat auch nichts gefehlt, von dem ich wusste, dass ich es nicht haben kann.
Was ich dafür bekommen habe? Zwischen Vorlesungen, Nebenjobs und Klausurenphasen sind echte Freundschaften entstanden. Nicht dieses oberflächliche „Man kennt sich halt“, sondern Menschen, mit denen ich wirklich durchgezogen habe. Wir haben zusammen geflucht, wenn’s nicht lief, uns gegenseitig durch schwierige Phasen gezogen und uns vor Prüfungen halb wahnsinnig gemacht – und genau das hat uns zusammengeschweißt.
Warum erzähle ich das alles so offen? Weil ich Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, Mut machen möchte. Es gibt in Deutschland mittlerweile unzählige Wege, um auch ohne Abitur zu studieren. Du musst sie nur finden und den ersten Schritt wagen.
Wenn du beruflich qualifiziert bist, vielleicht aus einer Familie stammst, in der bisher niemand studiert hat, und du dich fragst, ob du diesen Schritt riskieren sollst: Lass dich von fehlenden Mathekenntnissen oder dem mangelnden Abiturzeugnis nicht abschrecken. Ja, der Anfang ist hart. Du wirst fluchen, zweifeln und dir oft vorkommen, als würdest du eine Fremdsprache lernen. Aber du bringst Durchhaltevermögen, Arbeitsmoral und einen Erfahrungsschatz mit, der unbezahlbar ist. Das Studium ist kein Umweg: Es ist dein nächster, ganz bewusster Schritt.
