Die erstaunliche Resilienz eines tropischen Regenwalds
08.04.2026Regenwald, der für die Landwirtschaft gerodet wurde, kann sich regenerieren: Bäume wachsen nach, Tiere kehren zurück. Das zeigt eine neue Studie in „Nature“; Forschende vom Biozentrum sind daran beteiligt.
Tropische Regenwälder beherbergen fast zwei Drittel aller Wirbeltierarten und drei Viertel aller Baumarten. Sie sind das artenreichste Landökosystem der Erde.
Doch über die Hälfte der Regenwälder wurde bereits gerodet, vorwiegend für die Landwirtschaft, und ihre Fläche nimmt weiterhin drastisch ab. Besteht eine Chance auf Regeneration? Können auf gerodeten Flächen nicht nur Bäume, sondern auch die einzigartige Vielfalt an tausenden von Tierarten zurückkommen?
Die Antwort ist überraschend eindeutig und erfreulich positiv: Auf Agrarflächen wachsen Bäume schnell wieder nach, sobald die Landnutzung eingestellt wird. Auch vielfältige Tierarten siedeln sich wieder an.
Die Artenvielfalt erholte sich in 30 Jahren auf über 90 Prozent des ursprünglichen Niveaus. In diesem Zeitraum kehrten sogar drei Viertel der für den Primärwald typischen Tier- und Pflanzenarten zurück.
Das berichtet die Forschungsgruppe Reassembly, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde, nun in der Top-Zeitschrift Nature. An der Publikation sind Teams der Professoren Thomas Schmitt und Jörg Müller vom Biozentrum der Universität Würzburg beteiligt.
Studie lief im Nordwesten Ecuadors
Die Ergebnisse der Gruppe gelten zumindest für das Untersuchungsgebiet im Chocó, dem Nordwesten Ecuadors. In dieser Region sind noch wenige unberührte Primärwälder und größere Sekundärwälder vorhanden. Sie bilden das Reservoir der vielen zurückkehrenden Tier- und Pflanzenarten.
Forscherinnen und Forscher von über 30 Universitäten und Institutionen haben für die Studie die natürliche Regeneration 16 verschiedener Organismengruppen (Tier-, Pflanzen- und Bakterienarten) entlang eines Regenerations-Gradienten erstmals genauer untersucht.
Sie verglichen insgesamt 62 Flächen, die seit einigen Jahrzehnten durch die Naturschutzorganisation Jocotoco geschützt und in ein großes Naturschutzgebiet integriert wurden: aktiv genutzte Weiden und Kakaoplantagen, unterschiedlich alte Sekundärwälder, die vormals als Weiden und Plantagen genutzt wurden, und unberührte Urwälder.
Regenwald-Resilienz erstmals empirisch belegt
Erstautor Timo Metz hat die umfangreichen Analysen im Rahmen seiner Promotion an der Technischen Universität Darmstadt durchgeführt und zusammengefasst.
Er betont: „Regenwälder als komplexes Ökosystem und artenreiche Gemeinschaft zeigen eine erstaunliche Resilienz und die Fähigkeit, wieder in den ursprünglichen Zustand zurückzukehren. Diese Stabilität wurde oft theoretisch modelliert, konnte aber bisher noch nicht auf Basis solch umfangreicher, empirischer Daten gezeigt werden.“
Seniorautor Nico Blüthgen ist Professor für Ökologie an der TU Darmstadt, Sprecher der Forschungsgruppe Reassembly und Alumnus der Uni Würzburg. Er hat die Untersuchungen zusammen mit Dr. Martin Schaefer, dem Leiter der ecuadorianischen Naturschutzorganisation Jocotoco initiiert.
Nico Blüthgen betont: „Die vielen schnell zurückkehrenden Tierarten sind nicht nur Profiteure der Wald-Regeneration, sondern sind auch deren wichtigste Akteure: Fledermäuse, Affen und andere Säugetiere sowie Vögel bringen die Baumsamen wieder in die gerodeten Flächen, Dungkäfer graben die Samen in den Boden, hunderte anderer Tierarten sorgen für die Bestäubung“.
Martin Schaefer ergänzt: „Unsere Erkenntnisse, dass 75 Prozent der Artenzusammensetzung und 90 Prozent der Artenvielfalt innerhalb einer Menschengeneration aus eigener Kraft zurückkommen, zeigen, wie effektiv wir Natur schützen können. Indem wir Flächen kaufen und schützen, können wir die Vielfalt des Lebens und die Grundlagen unserer Gesellschaften – Böden, Wasser, und die Bestäubung der Pflanzen, die unsere Lebensmittelgrundlage sind – bewahren.“
Die Beiträge aus dem Biozentrum der Uni Würzburg
Insgesamt 41 Forschende, vor allem aus Deutschland und Ecuador, konnten durch ihre Expertise zu einer bislang einzigartigen Untersuchung von über 8500 Arten beitragen.
Professor Thomas Schmitt und sein Team vom Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie am Biozentrum der Universität Würzburg haben zur Erfassung der Dungkäferfauna mittels Dung- und Duftstofffallen beigetragen.
Ein weiteres Team der Universität Würzburg hat mit akustischen Methoden, Kamerafallen, Künstlicher Intelligenz und der Bestimmung von Insektengemeinschaften über genetische Arten-Scans zur Studie beigetragen. „Mit diesen neuen Methoden können wir nachprüfbar und zeitnah die Biodiversität von Vögeln, Säugern, Fröschen und Insekten sowie ihre Rückkehr selbst im hyperdiversen Tropenwald auf einem völlig neuen Niveau quantifizieren“, freut sich Professor Jörg Müller vom Lehrstuhl für Naturschutzbiologie und Waldökologie am Biozentrum der Universität Würzburg.
„Diese Forschungen werden wir in den kommenden vier Jahren weiterentwickeln und damit Jocotoco in seinen Schutzbemühungen in ganz Ecuador unterstützen. Die Anwendung von Künstlicher Intelligenz hilft uns, den effektiven Naturschutz zu skalieren“, so Müller.
Mobile Tiere kehren relativ schnell zurück
Bislang wurde in verschiedenen Studien in Mittel- und Südamerika gut dokumentiert, dass die ursprüngliche Vielfalt und Biomasse der Bäume über 100 Jahre benötigt, um vollständig zu regenerieren. Für die meisten Tierarten war dagegen bislang kaum bekannt, ob und wie schnell sie zurückkommen können.
Die neue Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Artengruppen: Während einige mobile Tiergruppen bereits in wenigen Jahren regenerierten, brauchen die Gemeinschaften wirbelloser Tiere in der Laubstreu oder Bakterien im Boden sehr viel länger als die Baumarten.
Der Vergleich von Weiden und Kakao-Plantagen erbrachte für letztere kürzere Regenerationszeiten. Durch die vor Ort belassenen Plantagenbäume sind in den Anfangsstadien schon schattenspendende Bäume und Laub vorhanden statt der konkurrenzstarken Weidegräser.
Schutz intakter Ökosysteme bleibt wichtig
Überall auf der Welt gibt es Bemühungen zur Renaturierung von Ökosystemen. Die Studie belegt eindrucksvoll, dass sich natürliche Regeneration lohnt, und kann daher zur Motivation solcher Naturschutzprojekte beitragen.
Nico Blüthgen mahnt jedoch, wie wichtig auch der Schutz intakter Ökosysteme ist: „Die Abholzungsrate von tropischen Wäldern ist derzeit viel höher als deren Schutzmaßnahmen – jedes Jahr gehen fast vier bis sechs Millionen Hektar weltweit verloren. Diese jährlichen Verluste sind damit fast so hoch wie die Fläche aller langfristig angelegten Renaturierungsmaßnahmen zusammen.“
Neben der Renaturierung, die massiv erweitert werden sollte, müsse auch die Entwaldung der vom Menschen noch unberührten Urwälder aufhören, so wie es in internationalen Abkommen für dieses Jahrzehnt versprochen, aber bislang nicht umgesetzt wurde. „Außerdem funktioniert die schnelle natürliche Regeneration nur, solange in der Landschaft noch ausreichend intakte Wälder als Spenderflächen vorhanden sind“, ergänzt Blüthgen.
Für die dringend benötigte Wende in der Klima- und Biodiversitätskrise bleibt dem Professor zufolge nur noch wenig Zeit.
Publikation
Timo Metz et al.: “Biodiversity resilience in a tropical rainforest”, Nature, 8. April 2026, DOI 10.1038/s41586-026-10365-2

