Vielfalt im Dorf, Ödnis auf der Wiese
22.01.2026Bayerische Wiesen sind laut einer neuen Studie der Universität Würzburg die eintönigsten Insekten-Habitate. Überraschend bieten Äcker und Siedlungen oft mehr Vielfalt als das Grünland.
Die intensive Landnutzung durch den Menschen gilt als wesentlicher Treiber für das globale Insektensterben und den Rückgang der Artenvielfalt. Ein Forschungsteam unter Federführung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hat nun in einer umfassenden Analyse die bayerische Insektenwelt untersucht. Auf 179 über den Freistaat verteilten Flächen haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mittels modernster DNA-Bestimmungsmethoden rund 12.000 genetische Einheiten aus 450 Familien identifiziert.
Das überraschende Ergebnis: „Entgegen unserer Erwartung, dass Siedlungen oder Äcker die geringste Vielfalt zwischen zwei geographischen Standorten aufweisen, belegt unsere Studie, dass ausgerechnet Wiesen den höchsten Grad an Homogenisierung zeigen“, erklärt Jörg Müller. Der Biologe leitet den Lehrstuhl für Naturschutzbiologie und Waldökologie der JMU und war für die Studie verantwortlich; Erstautorin ist Orsi Decker, Postdoc im Nationalpark Bayerischer Wald. In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Communications hat das Team seine Ergebnisse veröffentlicht.
Im Zentrum der Analyse stand die „biotische Homogenisierung“. Dieser Fachbegriff beschreibt die Vereinheitlichung von Lebensgemeinschaften: Unterschiedliche Regionen beherbergen demnach nicht mehr spezialisierte, einzigartige Artengemeinschaften. Stattdessen finden sich überall die gleichen, oft wenig anspruchsvollen Arten. Die Insektenwelt im Allgäu ist dann nahezu identisch mit jener in Unterfranken – ein Zeichen für ökologische Eintönigkeit.
Vielfalt in Garten und Acker, Monotonie auf der Wiese
Die Ergebnisse widersprechen gängigen Annahmen über Habitat-Mosaike. Während die Wissenschaft bisher davon ausging, dass intensivste Landnutzung in Städten und auf Äckern die Insektenwelt am stärksten angleicht, zeigt die Analyse ein differenzierteres Bild. Äcker und Siedlungen erwiesen sich als räumlich höchst diverse Lebensräume.
Dieser Befund gründet in der Kleinteiligkeit: „In Bayern sind Ackerflächen mit durchschnittlich 1,6 Hektar vergleichsweise klein und durch wechselnde Feldfrüchte geprägt. Diese zeitliche und räumliche Variation schafft ein Mosaik aus einzigartigen Bedingungen für Insekten“, erklärt Orsi Decker. In Siedlungen wiederum führen vielfältige Gartenstrukturen – vom Zierrasen bis zum Gemüsegarten – trotz geringer Biomasse zu einer hohen Arten-Heterogenität. Keine Siedlung gleicht für Insekten der anderen.
Im scharfen Kontrast dazu stehen die bayerischen Wiesen. „Die intensive Bewirtschaftung durch starke Düngung und häufige Mahd hat zu einer flächendeckenden Vereinheitlichung geführt“, so Jörg Müller. Überraschenderweise zeigten auch Wälder eine höhere Insekten-Homogenität als erwartet. Ursächlich hierfür sind gleichaltrige Bestände und geschlossene Baumkronendächer in der Forstwirtschaft, die nischenarme Lebensräume schaffen. Während also Äcker und Dörfer räumliche Vielfalt fördern, resultiert die uniforme Nutzung von Grünland und Forsten in einer weiträumigen biologischen Monotonie.
Naturnahe Strukturen dienen als Rückzugsräume
Die Studie unterstreicht nach Ansicht des Forschungsteams die Bedeutung einer strategischen Landschaftsplanung, die über die lokale Parzelle hinausgeht, und belegt die sogenannte „Landscape-moderated Insurance Hypothesis“: Der zufolge wirken naturnahe Landschaften wie Wälder als stabiler Artenpool und Schutzschild gegen lokale Homogenisierung.
„Wenn intensiv genutzte Flächen von naturnahen Strukturen umgeben sind, dienen diese als Rückzugsräume. Insekten können Störungen wie die Mahd oder Ernte überstehen, indem sie in die Umgebung ausweichen und die Flächen später wiederbesiedeln“, sagt Orsi Decker. In rein agrarisch geprägten Regionen fehlt dieser Puffer, was den Druck auf die Artenvielfalt massiv erhöht.
Insektenschutz darf nach Ansicht des Forschungsteams daher nicht an der Grundstücksgrenze enden. Er benötigt eine intelligente Vernetzung von Lebensräumen, um die Ausbreitung spezialisierter Arten zu ermöglichen und dem Homogenisierungstrend entgegenzuwirken.
Fazit und Ausblick: Wege aus der Monotonie
Die Ergebnisse bieten eine fundierte Grundlage für künftige Naturschutzstrategien. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern insbesondere für das Grünland ein Umdenken. Um die Homogenisierung umzukehren, sind extensivere Praktiken notwendig: eine deutliche Reduktion von Düngemitteln und eine seltener durchgeführte Mahd, die mehr ökologische Nischen lässt.
Originalpublikation
Decker, O., Uhler, J., Redlich, S. et al. Distance-decay reveals contrasting effects of land-use types on arthropod community homogenisation. Nat Commun 17, 763 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-025-67612-9
Kontakt
Prof. Dr. Jörg Müller, Lehrstuhl für Naturschutzbiologie und Waldökologie
T +49 931 31-83378, joerg.mueller@uni-wuerzburg.de
Dr. Orsi Decker, Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald
Orsolya.Decker@npv-bw.bayern.de

