Erster Biomarker für schlafende Schmerzrezeptoren
10.02.2026Wichtiger Schritt hin zu besseren Therapien bei chronischen Nervenschmerzen: Ein Forschungsteam hat die molekulare Identität von schlafenden Schmerzrezeptoren entschlüsselt.
Ob ein heißer Kochtopf, eine spitze Nadel oder eine zufallende Tür – solche Gefahren werden von den Schmerzrezeptoren in der Haut des Menschen registriert. Nach ihrer Aktivierung senden sie elektrische Signale ans Rückenmark und Gehirn. Es gibt schnelle Schmerzrezeptoren für akute, stechende Schmerzen. Und es gibt langsamere für dumpfe, anhaltende Schmerzen.
Zur letzteren Gruppe gehören die sogenannten schlafenden Schmerzrezeptoren. Sie reagieren in gesundem Gewebe nicht auf Druck, Stiche oder andere physikalische Reize. Bei Patientinnen und Patienten mit Nervenschmerzen können die schlafenden Sensoren aber spontan aktiv werden. Sie geben dann dauerhaft Signale ab, ohne dass dafür ein offensichtlicher Grund besteht.
Diese spontane Aktivität gilt bislang als der einzige objektiv messbare Hinweis darauf, dass periphere Nerven dauerhaft an der Entstehung von Nervenschmerzen beteiligt sind. Damit sind schlafende Schmerzrezeptoren beim Menschen weder verschlafen noch inaktiv, sondern klinisch relevante Spieler bei chronischen Schmerzen.
Jeder Zehnte leidet an neuropathischen Schmerzen
Professorin Barbara Namer aus der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie des Uniklinikums Würzburg erforscht die schlafenden Schmerzrezeptoren seit vielen Jahren. Die Medizinerin leitet am Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin in der klinischen Forschungsgruppe ResolvePAIN die Arbeitsgruppe „Neuronale Signalwege von Schmerz und Juckreiz beim Menschen“.
Obwohl die funktionellen Eigenschaften der schlafenden Schmerzrezeptoren seit vielen Jahren bekannt sind, blieb ihre molekulare Identität bislang unklar. Damit fehlte eine entscheidende Voraussetzung für das Verständnis von chronischen Schmerzen und die Entwicklung therapeutischer Interventionen. Der Bedarf dafür ist groß: Rund zehn Prozent der Bevölkerung leiden an neuropathischen Schmerzen.
Molekulare Signatur im Journal "Cell" publiziert
Ein internationales Forschungsteam hat nun die molekulare Signatur der schlafenden Schmerzrezeptoren entschlüsselt. Die Ergebnisse sind im Journal Cell publiziert.
In dem Team verantwortete Barbara Namer die Mikroneurographie-Messungen an Menschen. Bei dieser technisch anspruchsvollen Methode wird die Aktivität einzelner Schmerzrezeptoren direkt in der Haut gemessen. Die Würzburger Forscherin konnte damit nachweisen, dass das regulatorische Körpermolekül Oncostatin M schlafende Schmerzrezeptoren in der menschlichen Haut spezifisch moduliert.
Biomarker macht gezielte Suche nach den Rezeptoren möglich
„30 Jahre lang haben wir von Biomarkern für schlafende Schmerzrezeptoren geträumt. Nun konnten wir unseren Traum Wirklichkeit werden lassen und damit den Zugang zu einer ganz neuen Welt eröffnen“, freut sich Barbara Namer.
„Jetzt, da wir die schlafenden Schmerzrezeptoren auf molekularer Ebene kennen, können wir in verschiedenen Geweben gezielt nach ihnen suchen“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Bei Schmerzpatienten können wir genau diese Neuronen untersuchen, die wir für den Schlüssel zum chronischen Schmerz in der Peripherie halten. Dies ist der erste wichtige Schritt, um Ansatzpunkte für neue Medikamente zu finden, die diese schmerzverursachenden Zellen beruhigen.“
Große Expertise in der Forschungsgruppe ResolvePain
Weitere Forschungsprojekte über schlafende Schmerzrezeptoren sind in Würzburg in Planung. Am Universitätsklinikum gibt es in der Forschungsgruppe ResolvePain eine große Expertise zum chronischen Schmerz.
Publikation
Molecular architecture of human dermal sleeping nociceptors. Cell, 4. Februar 2026, DOI 10.1016/j.cell.2025.12.048
