Neue DFG-Forschungsgruppe: ‚Alternative Fakten‘ im 16. Jahrhundert
22.09.2026Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert eine neue Forschungsgruppe der Uni Würzburg mit rund vier Millionen Euro. Die Gruppe untersucht, wie schon vor 500 Jahren mit „alternativen Fakten“ umgegangen wurde.
Wenn heute über „alternative Fakten“, Falschinformationen oder konkurrierende Wahrheitsansprüche diskutiert wird, richtet sich der Blick meist auf soziale Medien und aktuelle politische Debatten. Forschende der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) untersuchen jetzt einen anderen Aspekt: Sie fragen, wie Menschen in der Frühen Neuzeit mit provokativen Wahrheitsbehauptungen umgingen und welche Parallelen sich zu heutigen gesellschaftlichen Konflikten ziehen lassen.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert die neue Würzburger Forschungsgruppe „‘Alternative Fakten‘ im 16. Jahrhundert“ in den kommenden vier Jahren mit vier Millionen Euro. Sieben Professorinnen und Professoren gehen darin den Ursprüngen und Wirkungsweisen „alternativer Fakten“ gemeinsam auf den Grund. Die Gruppe startet ihre Arbeit Anfang 2027.
Sprecherin der neuen DFG-Forschungsgruppe ist Professorin Regina Toepfer vom Lehrstuhl für deutsche Philologie. Beteiligt sind außerdem Professor Thomas Baier (Klassische Philologie / Latinistik), Professor Maximilian Bergengruen (Neuere deutsche Literatur- und Kulturgeschichte) Professorin Christine Büchner (Katholische Theologie / Dogmatik), Professor Joachim Hamm (Literaturgeschichte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit), Professor Dag Nikolaus Hasse (Geschichte der Philosophie) sowie von der Universität Bonn Professorin Birgit Ulrike Münch (Kunstgeschichte).
Medienwandel als Motor gesellschaftlicher Konflikte
„Alternative Fakten“ sind kein Phänomen der Gegenwart. „Schon im 16. Jahrhundert wurden etablierte Wissensbestände infrage gestellt, provokative Deutungen verbreitet und öffentliche Debatten zunehmend polarisiert geführt“, sagt Regina Toepfer. Besonders interessant sei die Umbruchszeit des 16. Jahrhunderts, als es zu einem Medienwandel kam: Der Buchdruck ermöglichte erstmals die massenhafte und schnelle Verbreitung von Informationen – die Forschenden sehen hier Parallelen zu den digitalen Medien der Gegenwart.
In der Frühen Neuzeit wurden widersprüchliche Fakten besonders intensiv erzeugt, überliefert und diskutiert. Die Menschen griffen Wissen aus dem klassischen Altertum sowie aus dem arabischen und christlichen Mittelalter auf, betteten es in neue Erzählungen und Weltentwürfe ein und ergänzten es mit subjektiven Erfahrungen und von Eigeninteresse geleiteten Interpretationen.
Der Humanismus proklamierte eine Wiedergeburt antiker Autoren und bediente sich der Lichtmetaphorik, um die Überwindung des „finsteren“ Mittelalters zu verkünden. Gleichzeitig hatte dieses scheinbar fortschrittliche Zeitalter Seiten, die heute höchst problematisch erscheinen: Dazu gehören Kolonialisierung und Diskriminierung, ideologiebasierte Konflikte und Religionskriege.
In der Frühen Neuzeit finden sich zahlreiche Parallelen zu heutigen Debatten. Seinerzeit wurde Angst vor einer „Türkengefahr“ geschürt, es gab Frauenfeindlichkeit und Hexenverfolgungen, die Diffamierung missliebiger Menschen oder ganzer Ethnien, Ausbeutung und Unterdrückung von Bauern und anderen sozialen Gruppen sowie die Ausgrenzung Andersgläubiger, ob aus dem Judentum oder der arabischen Welt.
Ziel: Kommunikationsmuster verstehen
In ihren Teilprojekten untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der neuen DFG-Forschungsgruppe anhand historischer Quellen aus verschiedenen Lebensbereichen, wie Wissen vermittelt, abgestritten oder gezielt infrage gestellt wurde. Dabei stellen sie Themen aus Politik, Religion, Bildung, Medizin und Kultur in den Mittelpunkt. Ihr Ziel ist es, die Kommunikationsmuster zu verstehen, mit denen Menschen ihre Sicht der Dinge durchsetzen oder die Glaubwürdigkeit anderer Positionen untergraben wollten.
Die Forschenden wollen nicht einfach nur feststellen, ob eine Behauptung wahr oder falsch war. Sie möchten vielmehr nachvollziehen, warum bestimmte Deutungen überzeugend wirkten, welche gesellschaftlichen Funktionen sie erfüllten und wie sie öffentliche Diskussionen beeinflussten. Daher untersuchen sie unter anderem Strategien der Verunsicherung, die Entstehung konkurrierender Erzählungen und die Rolle von Emotionen in den Auseinandersetzungen um Wissen und Wahrheit.
Mit ihrer Arbeit möchte die DFG-Forschungsgruppe einen Beitrag zum Verständnis eines Themas leisten, das angesichts wachsender Desinformation und schwindenden Vertrauens in Wissen aktueller kaum sein könnte.
Kontakt
Prof. Dr. Regina Toepfer, Lehrstuhl für deutsche Philologie, Universität Würzburg, regina.toepfer@uni-wuerzburg.de

