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    Antigone in Südafrika

    12.01.2021

    In einer globalisierten Welt tauchen in der Literatur vermehrt Motive aus der Antike auf. Mit der Bedeutung dieses neuen Klassizismus hat sich ein deutsch-indisches Symposium beschäftigt.

    In Zeiten kultureller Umbrüche lässt sich oft ein Rückbezug auf scheinbar traditionelle Werte beobachten. In der Literatur werden dann gerne antike Stoffe aus dem klassischen Griechenland aufgegriffen.
    In Zeiten kultureller Umbrüche lässt sich oft ein Rückbezug auf scheinbar traditionelle Werte beobachten. In der Literatur werden dann gerne antike Stoffe aus dem klassischen Griechenland aufgegriffen. (Bild: SHansche /istockphoto.com)

    „Im global adressierten englischsprachigen Roman von heute finden sich auffallend häufig Bezüge auf die griechisch-römische Antike. Aber auch in anderen Texten zeigen sich vermehrt Rückgriffe auf antike Überlieferungen, in Indien beispielsweise auf die Veden, eine Jahrtausende alte Sammlung von Texten, die das religiöse Wissen der damaligen Zeit zusammenfasst.“

    Anna Frieda Kuhn ist Doktorandin am Lehrstuhl für Englische Literatur und Kulturwissenschaft der Universität Würzburg von Professor Zeno Ackermann. Im Rahmen ihres Promotionsprojekts analysiert sie die Art und Weise, wie zeitgenössische Autoren die Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides überarbeiten und neugestalten. Ihr Ziel ist es, die Mechanismen der Tragödie in einer globalisierten Welt zu enträtseln.

    Symposium mit indischer Universität

    Im Rahmen dieser Forschung hat Kuhn vor Kurzem ein internationales Symposium gemeinsam mit der Jawaharlal Nehru University Delhi (JNU) organisiert, an dem nicht nur zahlreiche international renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch viele Studierende teilgenommen haben. Eingebettet war das Symposium in das Projekt „Literature in a Globalized World: Creative and Critical Perspectives“ – ein Projekt, das der Lehrstuhl für Englische Literatur- und Kulturwissenschaft schon seit 2016, finanziert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), in Zusammenarbeit mit der JNU betreibt.

    „Home Fire“, der siebte Roman der pakistanisch-britischen Schriftstellerin Kamila Shamsie, ist ein gutes Beispiel für solch einen Rückgriff auf die klassische Antike. Shamsie greift darin Sophokles' Stück „Antigone“ auf und überträgt es in die heutige Zeit. Die Protagonisten sind nicht mehr Mitglieder eines griechischen Königshauses. Stattdessen spielt sich das Geschehen unter britischen Muslimen ab. Ort der Handlung ist nicht mehr der Königspalast von Theben, sondern das London von heute. Was geblieben ist: Beide Werke untersuchen die Wechselbeziehung von Gesetz und Glaube und fragen nach dem Preis des Widerstandes für die einen oder anderen Grundprinzipien.

    Nelson Mandela als König Kreon

    Weitere Beispiele für Autorinnen und Autoren, die in ihren Texten Motive griechischer Mythen bearbeiten, sind Salman Rushdie, etwa in seinem Roman „The Golden House“, Pat Barker mit „The Silence of the Girls“ oder Madeline Miller in ihrem Werk „Circe“. Es müssen jedoch nicht immer Romane sein: In der zeitgenössischen Literatur des globalen Südens findet man ebenso Dramen, die klassische Tragödien unter einem postkolonialen Blickwinkel interpretieren, wie Anna Frieda Kuhn sagt. „Antigone ist beispielsweise in Südafrika während der Apartheid ein wichtiges Thema gewesen. Nelson Mandela soll den Kreon gespielt haben, als er in Gefangenschaft war“, sagt die Doktorandin. Ihre Untersuchungen zeigen: „Im globalen Süden werden so gut wie überall antike Themen aufgearbeitet.“

    „Globalized (Neo-)Classicism“: So lautete der Titel des von Kuhn organisierten Symposiums. „Wir haben diese Begriffe verwendet, weil man auf der einen Seite die Idee des Klassizismus hat und sich damit klar auf die Antike bezieht. Diese Texte arbeiten Wertevorstellungen und Ideen aus der Antike auf“, sagt die Literaturwissenschaftlerin. Für Europäer ist in diesem Fall klar: Mit „Antike“ sind das klassische Griechenland und das klassische Rom gemeint in der Zeit von – grob gesagt – 1.000 vor Christus bis etwa 500 nach Christus

    Klassizismus in den einstigen Kolonien

    Das wird in den meisten Fällen auch in Afrika und zum Teil in Indien so verstanden und lässt sich dort in der Hauptsache auf eine Ursache zurückführen: „In Afrika hat der Kolonialismus dafür gesorgt, dass antike Texte bekannt sind. Dort waren sie fester Bestandteil im Unterricht vieler Schulen – vor allem die griechischen Klassiker“, sagt Kuhn. Ähnliches findet sich in Indien; dort seien die Einheimischen allerdings in erster Linie mit den Werken William Shakespeares vertraut gemacht worden.

    Man kann allerdings Antike auch anders verstehen: „In den Ländern des globalen Südens bezieht man sich heutzutage häufig auf persische, ägyptische oder indische Klassizismen“, sagt Anna Frieda Kuhn. Weshalb beispielsweise in den Werken zeitgenössischer indischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller vermehrt auf die Veden Bezug genommen werde.

    Rückbezug auf traditionelle Werte

    Und warum „(Neo-)Classicism“ im Titel des Symposiums mit einem „Neo“ in Klammern? Und wieso „Globalized“? „Wir haben uns gefragt, ob diese Klassizismen wirklich neu sind in der Form, wie sie heute aufgearbeitet werden, und welche Merkmale der Klassizismus im 21. Jahrhundert hat“, sagt Kuhn. Während der „klassische Klassizismus“ des 18. und 19. Jahrhunderts von den Idealen der Antike geleitet war, sei die heutige Entwicklung nicht ohne die Globalisierung zu verstehen – ein Begriff, der seinen Ursprung im Westen hat und der für viele Menschen mit einer negativen Konnotation versehen ist. „Deshalb haben wir uns dafür interessiert, wie der Begriff des Klassizismus in einem globalen Marktplatz wirken kann und welche elitären Ideen dabei mitspielen.“

    Gründe für die Rückbesinnung auf klassische Motive gibt es viele – so ein Ergebnis des Symposiums, auch wenn Anna Frieda Kuhn ergänzt: „Wir haben diese Frage nicht vollständig beantworten können“. Prinzipiell sei jedoch zu beobachten, dass in Zeiten kulturellen Umbruchs immer wieder solch ein Rückbezug auf scheinbar traditionelle Werte stattgefunden hat. Wenn also Europa, wie momentan zu beobachten, in der Krise steckt, könnte der Rückzug auf das Fundament europäischer Kultur ein Versuch sein, dieses Konstrukt Europa wieder zu stärken.

    Identitätspolitik zur Abgrenzung von Dritten

    Anders sei der Fall in den Ländern des globalen Südens gelagert. Dort könne die Erklärung lauten, dass antike Themen vor allem deshalb aufgearbeitet werden, weil sie „einen Universalitätsanspruch haben und Stoff bieten, mit dem die heutige Zeit gut erklärt werden kann“, so Kuhn. Eine dritte Erklärung liefert nach Ansicht der Literaturwissenschaftlerin das Beispiel Indien: der Versuch, mit dem Bezug auf die Antike die eigene Identität besser zu verstehen.

    In Indien lasse sich gut beobachten, dass bestimmte Teile der Veden vor allem deshalb neu aufgearbeitet werden, weil Autorinnen und Autoren sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit diesem Bezug auf eine indische Antike aufzeigen wollen, dass die indische Kultur höhergestellt ist als die der Muslime. Vor allem von Hindu-Nationalisten werde diese Art der Identitätspolitik betrieben – nicht nur in der Literatur, sondern auch in den sozialen Netzwerken, wo dieser Ansatz überaus populär sei. Dieser Ansatz ist nicht neu: „Auch im Westen wurden die Klassiker oft herangezogen, um eine weiße Vorherrschaft zu untermauern“, sagt Kuhn.

    Die kulturelle Übermacht des Westens

    Der Einfluss klassischer auf moderne Literatur: Mit diesem Thema beschäftigt sich Anna Frieda Kuhn schon seit ihrer Masterarbeit. Darin hat sie sich mit einer südafrikanischen Neuinszenierung der Orestie des Aischylos auseinandergesetzt. „Diese Inszenierung spielte in Südafrika, und ich fand es sehr problematisch, wie dieser antike Stoff dort umgesetzt wurde“, sagt sie. Auch habe sie sich gefragt, wieso die Autorin nicht auf eigene Erzählungen ihres Landes zurückgegriffen habe. Die Tatsache, dass sie lieber eine klassische griechische Tragödie als Vorlage für ihr Drama herangezogen habe, beweist ihrer Meinung nach nur die „politische und kulturelle Übermacht des Westens“.

    In den kommenden Jahren will Kuhn das Thema im Rahmen ihrer Doktorarbeit vertiefen. Auch darin setzt sie sich mit dem Einfluss der attischen Tragödie auf den Globalisierungsdiskurs und im speziellen auf Romane auseinander und fragt, warum die attische Tragödie eine solche Reichweite hat und wie sie den globalen Roman beeinflusst.

    Von der Relevanz ihres Themas ist sie überzeugt: „Literaturwissenschaft leistet einen wesentlichen Beitrag zur Bildung und ist wichtig für die Gesellschaft. Sie verändert, wie wir die Welt sehen und wie wir denken, mehr als es beispielsweise das Medium Film kann“, sagt sie. Wenn man sich mit diesen Themen nicht mehr kritisch auseinandersetze, gingen einer Gesellschaft wichtige Eigenschaften verloren: die Fähigkeit zum Debattieren ebenso wie die Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit anderen Themen, mit anderen Weltanschauungen auseinanderzusetzen.

    Kontakt

    Anna Frieda Kuhn, Professur für British Cultural Studies am Lehrstuhl für Englische Literatur- und Kulturwissenschaft, T: +49 931 31-87965, anna_frieda.kuhn@uni-wuerzburg.de

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