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    Allgemeinmedizin mit Doppelspitze

    06.02.2018 | NEU AN DER UNI

    Die Professorinnen Ildikó Gágyor (links) und Anne Simmenroth führen gemeinsam den neu eingerichteten Lehrstuhl für Allgemeinmedizin der Universität Würzburg. (Foto: Daniel Peter)

    Der Lehrbereich für Allgemeinmedizin wurde im Januar 2018 durch einen Lehrstuhl ersetzt. An dessen Spitze stehen die Professorinnen Ildikó Gágyor und Anne Simmenroth, die sich als eingespieltes Team ihre Aufgaben in Forschung und Lehre teilen.

    Bislang verfügte die Medizinische Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) lediglich über einen Lehrbereich für Allgemeinmedizin. Im Unterschied zu einem Lehrstuhl hatte dieser zum Beispiel keine Verpflichtung zur Forschung, keine ständig angestellten Mitarbeiter und kein Mitspracherecht in universitären Gremien. Außerdem gab es an der von Dr. Hans-Jörg Hellmuth parallel zu seiner Würzburger Hausarztpraxis geleiteten Einrichtung keine Möglichkeit, im Fach Allgemeinmedizin zu promovieren oder gar zu habilitieren.

    „Allein vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie groß die akademische Aufwertung der Allgemeinmedizin am Standort Würzburg durch die Gründung eines ordentlichen Lehrstuhls ist“, unterstreicht Professor Matthias Frosch, Dekan der Medizinischen Fakultät.

    Seltene Tandemlösung realisiert

    Bei der Besetzung zeigte sich die JMU innovationsbereit: Den neuen Lehrstuhl teilen sich die Professorinnen Anne Simmenroth und Ildikó Gágyor. Eine solche Tandemlösung gilt in der deutschen Hochschullandschaft (noch) als Seltenheit. Geplant ist, dass Anne Simmenroth sich schwerpunktmäßig um die Lehre kümmert, während Ildikó Gágyor sich hauptsächlich Forschungsfragen widmet. „Wobei die thematische Trennung keineswegs starr und ausschließlich ist, vielmehr planen wir, uns gegenseitig zu ergänzen und bei Bedarf auch zu vertreten“, betont Simmenroth.

    Hilfreich ist da, dass die beiden Medizinerinnen, die sich auch im „Doppelpack“ für den Würzburger Lehrstuhl bewarben, ein seit langem eingespieltes Team mit vielen Gemeinsamkeiten sind. So wurden beide im Jahr 1968 geboren und studierten beide Medizin in Göttingen. Beide wurden während der Studienzeit zweifache bzw. dreifache Mütter. Nachdem sich ihre Wege während der Weiterbildungszeit getrennt hatten, kamen sie in den 2000er-Jahren am Institut für Allgemeinmedizin der Göttinger Universitätsmedizin wieder zusammen.

    Erfahrungen in der Lehrkoordination

    Simmenroth engagierte sich in Göttingen vornehmlich in der Lehre und der Lehrkoordination sowie in der Medizindidaktik. Sie war dort maßgeblich beteiligt am Aufbau des Skills Labs, der Lehrklinik der Universitätsmedizin, sowie an der Entwicklung und Implementierung des hochschuleigenen Auswahlverfahrens für Studierende. Ferner lag die Koordination der Lehre mit Schauspielpatienten in ihren Händen.

    „Für mich ist es extrem bereichernd, junge Menschen für das Fach Medizin zu begeistern“, sagt die Fachärztin für Allgemeinmedizin. Ihr wissenschaftliches Interesse gilt unter anderem dem Erwerb von kommunikativer und sozialer Kompetenz. „Zentrale Fragen hierbei sind: Wie kann man in der Medizin kommunikative Kompetenzen lehren und vor allem auch prüfen?“ Eines ihrer letzten Forschungsprojekte in Göttingen thematisierte die Kommunikation von Medizinern mit Geflüchteten.

    Expertise bei Studien mit Niedergelassenen

    Ildikó Gágyor fand in ihrem beruflichen Werdegang zunehmend Freude an klinischen Studien. Einer ihrer Schwerpunkte ist das Konzipieren und Durchführen von klinischen Studien in hausärztlichen Praxen. Thematisch fokussierten sich ihre bisherigen wissenschaftlichen Arbeiten auf Harnwegsinfekte.

    „Dabei zeigte sich, dass mit entsprechend geschulten Praxen eine Forschung auf hohem Niveau möglich ist. So kann man doppelblinde Studien nach dem Arzneimittelgesetz nicht nur an Kliniken, sondern sehr wohl auch in Hausarztpraxen durchführen.“

    Aus ihrer Sicht gibt es noch viele wichtige Fragen, die sich auf diesem Weg zielführend bearbeiten lassen: „Wichtig ist es zum Beispiel, die Antibiotika-Verordnung in den Praxen bei häufigen Infektionskrankheiten zu untersuchen und zu hinterfragen. Welche Verbesserungsmöglichkeiten in der Menge und in der Wahl der Antibiotika gibt es? Welche alternativen Strategien können verfolgt werden?“

    Ein weiteres bedeutsames Thema sei die Begleitung von Patienten am Lebensende im ambulanten Setting: Welche ethischen Probleme treten bei der Versorgung dieser Patienten auf? Wie kann man die Versorger bei der Problemlösung beraten und unterstützen?

    Persönliches Arbeiten in Praxen weiterhin wichtig

    Beide Ärztinnen sind noch in Hausarztpraxen in Göttingen angestellt, in denen sie ein bis zwei Tage pro Woche arbeiten. In nächster Zeit werden sie in Würzburg Praxen suchen, in denen sie mitarbeiten können. „Diese Verbindung zum hausärztlichen Alltag wollen wir unbedingt aufrechterhalten“, betont Gágyor, „nur so können wir die Bodenhaftung behalten.“

    Schließlich sei die Allgemeinmedizin eines der wenigen klinischen Fächer, das keine Betten in einem Klinikum hat. Forschungsfragen entstünden häufig aus der Versorgungspraxis heraus, zur Formulierung realitätsnaher Fragen sei der Kontakt mit dem Praxisalltag wichtig.

    „Ähnlich gilt dies auch für die Lehre“, ergänzt Simmenroth. So sehe man nur in der Arbeit vor Ort, welche Herausforderungen zum Beispiel bei niedergelassenen Praxen entstehen können, die Studierende im Praktischen Jahr (PJ) ausbilden. Das Arbeitszeitenmodell der beiden Lehrstuhlinhaberinnen sieht vor, dass sie sich – alternierend und überschneidend – an wöchentlich drei bis fünf Präsenztagen der Institutsarbeit in Würzburg widmen.

    Netzwerk von Forschungspraxen aufbauen

    Was sind die Ziele des akademischen Duos? Dazu Gágyor: „Im Bereich der Forschung geht es darum, eine möglichst weitreichende Infrastruktur an Praxen aufzubauen, die bei wissenschaftlichen Untersuchungen mitarbeiten wollen. Das Institut für Allgemeinmedizin kann mit Hilfe des Forschungspraxen-Netzes auch mit anderen Instituten und Kliniken der Würzburger Universitätsmedizin kooperieren, zum Beispiel für Forschungsprojekte an der Schnittstelle zwischen klinischer und hausärztlicher Versorgung. Ich denke da beispielsweise an Fächer wie Palliativmedizin, Geriatrie, Innere Medizin oder Chirurgie.“

    Ziel: Expansion der Lehre

    „In der Ausbildung streben wir nach einer Expansion des bestehenden Lehrangebots in der Allgemeinmedizin. Das heißt: Mehr Seminare, weniger Frontalunterricht, schon im frühen Studium einen größeren Anamnese-Gesprächsführungskurs etablieren und die Arbeit mit Simulationspatienten ausweiten“, zählt Simmenroth auf.

    Als kommende Herausforderung sieht sie den bundesweiten „Masterplan Medizinstudium 2020“, in dessen Folge sich aller Voraussicht nach auch die Approbationsordnung ändern wird. „Allgemeinmedizin wird dann verpflichtendes Prüfungsfach im letzten Examen für alle Studierenden. Dies zu schultern, ist eine Riesenaufgabe – personell wie organisatorisch. Dazu brauchen wir nicht zuletzt jede Menge Praxen, in der das dann erforderliche ambulante Quartal in hoher Qualität absolviert werden kann“, verdeutlicht die Lehrstuhlinhaberin.

    In Zahlen bedeutet dies: Im Moment kann sich das Institut für Allgemeinmedizin der JMU auf rund ein Dutzend PJ-Praxen stützen. In den kommenden Jahren müssen es nach Schätzungen von Simmenroth bis zu 170 werden.

    Untergebracht ist der Lehrstuhl für Allgemeinmedizin im ersten Obergeschoss in Haus D7 auf dem Altgelände des Uniklinikums Würzburg an der Josef-Schneider-Straße.

    Website Institut für Allgemeinmedizin

     

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