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„Forschung zur deutschen Sprache und Literatur geht alle an“

21.11.2023

Das Institut für deutsche Philologie feiert 2023 sein 150. Jubiläum. Im Interview erzählt Germanistin Regina Toepfer, wie sich Forschung seit der Gründung gewandelt hat und worum es am Institut künftig gehen wird.

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Prof. Regina Toepfer ist seit April 2021 Inhaberin des Lehrstuhls für deutsche Philologie an der Universität Würzburg. (Bild: Daniel Peter/JMU)

Es ist 1873, als die Julius-Maximilians-Universität (JMU) in Würzburg das Institut für deutsche Philologie ins Leben ruft. Heute, 150 Jahre später, blickt der Fachbereich auf eine bewegte Geschichte zurück. Mit Regina Toepfer, der heutigen Inhaberin des Lehrstuhls für deutsche Philologie, haben wir über die wichtigsten Meilensteine gesprochen.

einBLICK: Frau Prof. Toepfer, heute gibt es an Ihrem Institut allein in der Germanistik 4.200 Studierende – vor 150 Jahren waren es gerade einmal 15. Wie kam es damals zur Gründung?

Toepfer: Die Institutsgründung geht zurück auf den österreichischen Wissenschaftler Matthias von Lexer. Er war bereits 1868 an unsere Universität gekommen und zählte zu den renommiertesten Sprachforschern seiner Zeit. Als er zehn Jahre später einen Ruf an die Uni Wien erhielt, wollte das bayerische Ministerium eine Person dieses Formats natürlich nicht einfach so gehen lassen – Lexer nutzte die Gunst der Stunde und forderte die Einrichtung des neuen Instituts im Gegenzug dafür, dass er hierblieb.

Warum war gerade das seine Forderung?

Lexers Ziel war die Professionalisierung der Deutschlehrer-Ausbildung. Vor der Institutsgründung gab es dazu lediglich ein Studium Generale mit Grammatik und Stilübungen. Letztlich war Lexers Initiative die Geburtsstunde des ersten philologischen Instituts in ganz Bayern. Ähnliche Lehrstätten gab es davor nur in Rostock, Straßburg und Tübingen.

Im Jahr 1873 steckte das deutsche Kaiserreich noch in seinen Anfängen. Wie passt das Interesse an deutscher Sprache in die Gesellschaft dieser Zeit?

Damals gab es im Land ein großes Interesse an der eigenen, deutschen Vergangenheit und Identität. Sicher spielte dabei auch der gewonnene Deutsch-Französische Krieg eine Rolle. Getrieben von einem starken Nationalismus interessierten sich die Menschen besonders für mittelalterliche Literatur und ältere Sprachen.

Das Stichwort Nationalismus markiert einen weiteren wichtigen Punkt in der Institutsgeschichte: die Einrichtung des Lehrstuhls für Volkskunde 1933. Wie verflochten war die Forschung damals mit der Politik?

Den Lehrstuhl für deutsche Philologie hatte schon seit 1925 Franz Rolf Schröder inne. Er forschte zur vergleichenden Religionsgeschichte und stand dem Nationalsozialismus distanziert gegenüber. Als Herausgeber der Germanisch-Romanischen Monatsschrift veröffentlichte er auch Regime-kritische Beiträge. Nach dem Krieg wird er als entlastet eingestuft und kann weiter forschen.

Und im neu gegründeten Lehrstuhl Volkskunde?

Da sieht es anders aus. Der erste Inhaber Josef Dünninger hatte zumindest eine Affinität für den Nationalsozialismus und engagierte sich in mehreren politischen Gremien. Als Nachfolgerin der Volkskunde setzt sich die Europäische Ethnologie heute sehr kritisch mit diesem Erbe auseinander.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg hat sich das Institut immer weiter vergrößert und fachlich breiter aufgestellt. 1959 kam etwa der Lehrstuhl für neue deutsche Literaturgeschichte dazu, …

… den übrigens eine Frau besetzte: Anneliese Bach-Kuchinke. Sie war nicht nur die erste ordentliche Professorin am Institut, sondern an der gesamten JMU! In der Geschichte geriet sie allerdings weitgehend in Vergessenheit.

Woran liegt das?

Ein Grund dafür könnte sein, dass Bach-Kuchinke am Institut einen relativ schlechten Leumund hatte. Sie galt gemeinhin als „schwierige Person“, …

… die als erste Frau in einer gänzlich patriarchalen Struktur wohl sicher auch keine einfache Rolle hatte, oder?

Das stimmt. Im Vorfeld unseres Institutsjubiläums habe ich deshalb auch Forschungen zu ihrer Vita und ihrem Werk aufgenommen. Mein Ziel ist es, die erste Professorin aus ihrer Zeit heraus zu bewerten und neue Perspektiven auf sie zu eröffnen.

Inzwischen, knapp 40 Jahre später, umfasst Ihr Institut acht Lehrstühle und 70 administrative und wissenschaftliche Mitarbeitende. Welche Schwerpunkte hat die deutsche Philologie heute?

Ich sehe drei. Eine unserer großen Stärken ist die Forschung zur frühen Neuzeit. Wir haben hier durch gezielte Berufungen eine echte Spitzenposition im nationalen Vergleich entwickelt. Ein zweiter Schwerpunkt liegt in den Digital Humanities, einem Bereich, in dem neue Untersuchungsmethoden auf Basis von KI, Künstlicher Intelligenz, die Wissenschaft regelrecht revolutionieren. Wir arbeiten hier eng zusammen mit dem neuen Zentrum für Philologie und Digitalität und haben einen eigenen Lehrstuhl für Computerphilologie.

Wie konkret hat KI denn die philologische Forschung revolutioniert?

Ein Beispiel: In der Vergangenheit analysierten Literaturforschende Texte meist hermeneutisch, interpretierten und deuteten einzelne Werke oder Auszüge. Digitale Methoden ermöglichen es uns heute, die Verwendung bestimmter Begriffe über riesige Textmengen hinweg zu analysieren. Philologie wird so auch zu einer mathematisch-statistischen Wissenschaft.

Sie haben eben von drei Schwerpunkten an Ihrem Institut gesprochen. Was ist der Dritte?

Ganz klar unser starker Wissenstransfer, nicht nur in der Didaktik, sondern etwa auch in der Europäischen Ethnologie und Museologie und in unseren DFG-Projekten. Forschung zur deutschen Sprache und Literatur geht alle an – deshalb wollen wir als Institut auch noch häufiger Beiträge zu gesellschaftlichen Debatten leisten.

An welche Debatten denken Sie da genau?

Aktuell arbeiten wir beispielsweise an einem Projekt zu alternativen Fakten in der Vergangenheit. Dabei beobachten wir die aktuelle Diskussion aus einem kulturwissenschaftlichen Blickwinkel. Weitere spannende Projekte gibt es zu Umweltstudien oder zu Gender und Diversität. Die Themen gehen uns am Institut für deutsche Philologie nie aus!

Kontakt

Prof. Dr. Regina Toepfer, Lehrstuhl für deutsche Philologie, regina.toepfer@uni-wuerzburg.de

Von Sebastian Hofmann

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