Intern
  • none

Zwischen Skalpell und Staatsexamen: Das Medizinstudium in Würzburg

26.08.2026

Medizin nur mit 1,0-Abitur? Studium und dann in der Klinik oder Praxis arbeiten? Alles nicht zwingend notwendig! Charlotte ist Medizinstudentin an der Uni Würzburg und sie zeigt dir, wie die Studienzeit wirklich abläuft.

none
Charlotte führt dich einmal quer durch das Medizinstudium. (Bild: Martin Brandstätter)

Wahrscheinlich hast du zwei Bilder im Kopf, wenn du an das Medizinstudium denkst. Das eine stammt aus Serien und besteht aus Notaufnahme, Röntgenaufnahmen auf überdimensionierten Bildschirmen und gerettetem Leben. Das andere ist eine Zahl mit einer Nachkommastelle, von der abhängt, ob du überhaupt anfangen darfst - mit dem Alltag haben beide Bilder am Ende eher wenig zu tun.

Medizinstudium: Wie du heute an einen Platz kommst

Was man über die Vergabe der Medizinstudienplätze so hört, ist meistens veraltet. Die Plätze werden über drei Wege gleichzeitig vergeben. Ein kleinerer Teil geht allein über die Abiturnote. Ein weiterer Teil läuft über eine Quote, in der Schulnoten ausdrücklich keine Rolle spielen. Der größte Teil liegt bei den Auswahlverfahren der einzelnen Universitäten, und die müssen mehrere Kriterien kombinieren, von denen mindestens eines nichts mit deinem Zeugnis zu tun hat. Die Wartezeitquote wurde abgeschafft, Jahre abzusitzen bringt dich also nicht weiter.

Praktisch heißt das, dass die Abiturnote wichtig bleibt und trotzdem nicht mehr allein entscheidet. Wenn du dich gerade informierst, betrifft dich allerdings eine größere Änderung: Der TMS, den alle Medizinertest nennen, wird im November 2026 zum letzten Mal geschrieben. Ab Frühjahr 2027 gibt es stattdessen den TMSnat, der den TMS und den Hamburger HAM-Nat zu einem bundesweit einheitlichen Test zusammenführt. 

Der Start ins Studium: Zwei Jahre Naturwissenschaft

Die ersten vier Semester bestehen unter anderem aus Physik, Chemie, Biochemie, Physiologie und Anatomie. Du misst Spannungen im Praktikum, titrierst Lösungen und lernst Stoffwechselwege auswendig, deren klinische Bedeutung dir erst Jahre später aufgeht. Patientinnen und Patienten siehst du in dieser Zeit vor allem im Pflegepraktikum. Das dauert drei Monate, die die meisten in den Semesterferien oder bereits vor dem Studium ableisten.

Der Präparierkurs im zweiten oder dritten Semester ist für viele ein Highlight des Studiums. Wir lernen dort an Menschen, die ihren Körper zu Lebzeiten der Anatomie überlassen haben, und das prägt den Umgang im Saal von der ersten Stunde an.

Schwer wird der Kurs trotzdem aus einem anderen Grund. Anatomie hat eine Logik, denn Gefäße und Nerven laufen dorthin, wo sie gebraucht werden, und ein Muskel kann nur das tun, was sein Verlauf und seine Ansatzpunkte zulassen. Wer weiß, wo ein Nerv verläuft, kann sich herleiten, was ausfällt, wenn er verletzt wird. Diese Logik hilft dir aber erst, wenn du genug Einzelheiten kennst, um sie überhaupt zu sehen. Die ersten Wochen bestehen deshalb aus unendlich vielen Namen, die für sich genommen sinnlos wirken und sich dann erst nach und nach zu einem kompletten Bild zusammensetzen.

Am Ende dieser zwei Jahre steht der erste Abschnitt der ärztlichen Prüfung (Physikum) mit zwei Tagen Multiple Choice und einer mündlichen Prüfung an. Ich habe in der Vorbereitung Fragen angekreuzt, die ich beim dritten Mal immer noch falsch hatte. Das ist der eigentliche Zermürbungsteil - nicht die Prüfung selbst, sondern die Wochen davor, in denen einem jeden Abend erneut klar wird, was man alles noch nicht kann.

Danach wird es medizinisch

Im klinischen Abschnitt kommen zum Beispiel Innere Medizin, Chirurgie, Neurologie und Pharmakologie hinzu, und du stehst zum ersten Mal in kleinen Gruppen zum Untersuchungskurs am Krankenbett. Dazu kommen vier Monate Famulatur, die du dir selbst organisierst und in denen du zum ersten Mal richtig mitläufst. Nach dem zweiten schriftlichen Staatsexamen folgt das praktische Jahr mit 48 Wochen in drei Tertialen, zusammengesetzt aus Innere Medizin, Chirurgie und einem Wahlfach. Das dritte und letzte Staatsexamen ist dann eine zweitägige mündlich-praktische Prüfung, mit der man dann die Approbation als Ärztin und Arzt beantragen kann.

Zwölf Semester und drei Monate dauert das Ganze in der Regelstudienzeit. Das ist lang, und es hat den Vorteil, dass ein Auslandssemester, ein langsameres Jahr oder eine Doktorarbeit darin Platz finden. Ich forsche seit einigen Semestern in einer Arbeitsgruppe an der Uniklinik Würzburg, daraus ist meine Doktorarbeit entstanden. Die schreiben in der Medizin die meisten, oft schon während des Studiums. 

Was ich vorher gern über das Studium gewusst hätte

Pflegepraktikum früh machen, am besten vor dem ersten Semester. Nach drei Monaten auf Station weißt du besser, ob dir der Betrieb in einem Krankenhaus liegt, als nach jedem Berufsorientierungstest.

Famulaturen als Auswahlinstrument. Vier Monate, die du dir selbst zusammenstellst. Nutze sie, um Fächer auszuschließen, nicht nur, um Fächer zu bestätigen. Nach einem Monat in einem Fach weißt du meistens mehr als nach einem Semester Vorlesung.

Der Beruf ist breiter, als er aussieht. Approbierte Ärztinnen arbeiten in Kliniken, in Behörden, in der Forschung, bei Herstellern von Medizinprodukten. Wenn dich die Station nicht überzeugt, ist das kein Grund, das Studium abzubrechen.

Verzicht wird überschätzt. Es gibt keinen Bonus dafür, sich sechs Jahre lang nichts zu gönnen. Wer keine Pausen einplant, nimmt sie irgendwann unfreiwillig.

Fehler kosten weniger, als du denkst. Eine nicht bestandene Klausur, ein Semester länger, ein Fach, das dir nicht liegt. Nichts davon beendet das Studium, und fast alle, die ich kenne, haben mindestens eines davon hinter sich.

Von Charlotte Meynhardt