Technologie, Digital Cultures und Geschlecht
Gender Digital Divide – Eine Einführung
Geschlechterungerechtigkeit weitet sich auch auf den digitalen Raum aus. Diese Ungerechtigkeit wird Gender Digital Divide genannt. Der Gender Digital Divide beschreibt die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Zugang zu digitalen Technologien, in digitalen Kompetenzen sowie in der aktiven Teilhabe an digitalen Räumen und beruflichen Chancen in der IT-Branche. Während digitale Technologien weltweit als Motor sozialer und ökonomischer Entwicklung gelten, profitieren Frauen nicht im gleichen Maße von diesen Chancen. Wie in den schon aufgeführten Bereichen der Gender Pay, Pension und Care Gap führen strukturelle Faktoren wie ökonomische Ungleichheit, Bildungsbarrieren, kulturelle Normen und geschlechtsspezifische Diskriminierung dazu, dass Frauen weltweit gesehen seltener Zugang zu digitalen Endgeräten haben. Frauen erwerben weniger häufig digitale Fähigkeiten erwerben und in technologischen Berufsfeldern unterrepräsentiert bleiben, was keineswegs an ihrem Können oder mangelndem Potential liegt. Der Gender Digital Divide ist damit erneut nicht nur ein technisches, sondern ein gesellschaftliches Problem, das bestehende Ungleichheiten verstärkt und neue Formen digitaler Exklusion hervorbringt.
Zahlen und Fakten
Der Gender Digital Divide wird von verschiedenen Organisationen messbar gemacht. Eine Untersuchung zur gerechten Förderung digitaler Kompetenzen der UNICEF ergab drei besonders große Ebenen der Geschlechterungleichheit im untersuchten Bereich. In den meisten untersuchten Niedrig- und Mittlereinkommensländern sind jugendliche Mädchen und junge Frauen aufgrund geschlechtsspezifischer Ungleichheiten bei der Internetnutzung benachteiligt: Im Median kommen auf 100 männliche Jugendliche nur 71 weibliche Jugendliche mit Zugang zum Internet (UNICEF 14-19). Des Weiteren macht die Analyse deutlich, dass weibliche Jugendliche weitaus weniger Zugang zu Mobiltelefonen erhalten, die für sie ein Tor in die digitale Welt wären (36-37). Allerdings muss hier betont werden, dass digitale Kompetenzen nicht automatisch mit Zugang zum Internet und anderen digitalen Ressourcen einhergehen (20-34). Die vorherrschenden Ungleichheiten wurden durch die COVID-19 Pandemie verstärkt, da Zugang zu Geräten und Kompetenz im Umgang mit ebendiesen vorausgesetzt waren, um weiterhin an Bildungsangeboten teilhaben zu können (Nkosi und Maphalala 17). Auch wurden Geschlechterrollen während der Lockdowns erneut hervorgehoben: weibliche Lernende, ob Studentinnen oder Schülerinnen, mussten so ihre jüngeren Geschwister in deren Schulbildung helfen und waren mehr für den Haushalt zuständig, was weniger Zeit für eigene akademische Ziele ließ (18).
In Deutschland und Europa wird der Gender Digital Divide sowohl anhand von Vorgängen im Privathaushalt als auch anhand der Frauenanteile in der IT-Branche betrachtet. Der D21 Digital-Index 2024/25 stellt heraus, dass Frauen weder den gleichen Digitalisierungsgrad (56 Punkte) noch den gleichen Resilienzindikator (58%) wie die männliche Gegengruppe erreichen (62 Punkte; 68%). Das bedeutet, dass Frauen digitale Technologien nicht nur weniger (kompetent) nutzen, sondern den Herausforderungen und der Mitgestaltung des digitalen Wandels weniger selbstbewusst entgegensehen. Der Trend spiegelt sich auch im Bildungsgrad der befragten Personen wider – der Digital Divide greift somit in mehrere Formen der Ungleichbehandlung ein (D21 12). Um sich dafür einzusetzen, dass die Teilhabe an digitaler Entwicklung gerecht gestaltet ist, setzt sich die Europäische Union insbesondere dafür ein, dass mehr Frauen Abschlüsse und Berufe in der IT-Branche erlangen (Europäische Kommission). Während 51% der Bevölkerung in der EU Frauen sind, sind es laut dem Women in Digital Jahresbericht 2025 nur 19% der IT-Spezialist*innen (Connecting Women in Digital). Diversere und ausgeglichene Teambildung trägt nicht nur zum wirtschaftlichen Erfolg der EU bei (3), sondern auch zu einer zugänglicheren und faireren Digitalisierung (Trenerry et al.).
Lösungsansätze
Um solche Teams zu bilden und den Gender Digital Divide zu überwinden werden Lösungsansätze benötigt, die genauso vielfältig sind wie die oben genannten Gründe. Die OECD empfiehlt einen natürlich nötigen Barriereabbau, wenn es um die Zugänglichkeit zu Technologien geht, aber geht auch darauf ein, dass Mädchen und Frauen mit den nötigen Fähigkeiten ausgestattet werden, um in unserer digitalen Welt mithalten zu können. Das beschränkt sich nicht nur auf Bildungsangebote und Ermutigungen, in den MINT-Fächern in Schule und Studium teilzunehmen, sondern auch auf Weiterbildungs- und Umschulungsangebote für Frauen, die sich umorientieren wollen (OECD).
Um Genderthemen im MINT-Bereich auch in Lehrangeboten an der Uni Würzburg einzubringen und zu reflektieren, empfehlen wir das Portal „Gendering MINT digital“ der Humboldt-Universität zu Berlin. Ein Bewusstsein dafür, welche Hürden weibliche Studierende in den verschiedenen MINT-Fächern erwarten, und wie auch die Wissenschaft und deren Erkenntnisse von sozialen, patriarchalen Strukturen geprägt ist, kann helfen, den Erfolg für weibliche Nachwuchswissenschaftlerinnen zu ebnen. Auch Richtlinien und deren Umsetzung können Treiber für Veränderung sein (Nkosi und Maphalala 18). An der Uni Würzburg gibt es dafür insbesondere das Gleichstellungskonzept, dessen Maßnahmen sich zurzeit in der Umsetzung befinden. Diese Maßnahmen bestehen beispielsweise aus Outreach-Programmen, um Schülerinnen langfristig für MINT-Studiengänge zu begeistern (14). Aber auch gezieltes Mentoring für Studentinnen (15) sowie Angebote und Prämien, um deren wissenschaftliche Arbeit zu Unternehmungsgründungen zu transformieren (16-17), sind Teil des Gleichstellungskonzepts.
Bibliographie
Connecting Women in Digital. „WIDCON Publishes the First Women in Digital Annual Report: A Data-Driven Call for Systemic Change across Europe.” WIDCON, https://widigital.eu/widcon-publishes-the-first-women-in-digital-annual-report-a-data-driven-call-for-systemic-change-across-europe/, zuletzt geöffnet am 30. März 2026.
Europäische Kommission. „Women in Digital.” EK, https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/women-digital#tab_1, zuletzt geöffnet am 30. März 2026.
Initiative D21. D21-Digital-Index 2024/25. https://initiatived21.de/uploads/03_Studien-Publikationen/D21-Digital-Index/2024-25/D21_Digital_Index_2024_2025_final.pdf, zuletzt geöffnet am 30. März 2026.
Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Gleichstellungskonzept der Universität Würzburg für Forschung, Lehre, Studium, Transfer und akademische Selbstverwaltung. https://www.uni-wuerzburg.de/fileadmin/99121900/Dokumente_Foerdermoeglichkeiten/Gleichstellungskonzept2026-einseitig-verlinkt_UA.pdf, zuletzt geöffnet am 1. Juni 2026.
Nkosi, Ntombikayise, und Mncedisi Christian Maphalala. „Bridging the Gendered Digital Divide: Strategies for Enhancing Access and Inclusion for Students in Higher Education.” Gender Issues, vol. 43, no. 18, 2026. Springer, https://doi.org/10.1007/s12147-026-09403-0.
Organisation for Economic Co-operation and Development. „Gender Equality and Digital Transformation.” OECD, https://www.oecd.org/en/topics/gender-equality-and-digital-transformation.html, zuletzt geöffnet am 30. März 2026.
Trenerry, Brigid, et al. „Preparing Workplaces for Digital Transformation: An Integrative Review and Framework of Multi-Level Factors.” Frontiers in Psychology, vol. 12, 2021. Frontiers, https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.620766.
UNICEF. Bridging the Gender Digital Divide: Challenges and an Urgent Call for Action for Equitable Digital Skills Development. https://data.unicef.org/resources/ictgenderdivide/, zuletzt geöffnet am 30. März 2026.
