Klimawandel und Umweltgerechtigkeit
Geschlecht und Klimapolitik
Geschlecht wirkt im Kontext des Klimawandels als Differenz‑, Struktur‑ und Machtkategorie. Geschlecht hat demnach Einfluss: Frauen und marginalisierte Geschlechter sind weltweit stärker von klimabedingten Risiken wie Extremwetterereignissen, Ernteeinbrüchen oder Ressourcenknappheit betroffen. UN Women prognostiziert, dass bis 2050 weltweit 158,3 Millionen Frauen von extremer, aus dem Klimawandel resultierender Armut betroffen sein könnten, 16,1 Millionen mehr Frauen als Männer (UN Women 10). Dies liegt nicht an biologischen Unterschieden, sondern an sozialen Faktoren wie eingeschränktem Zugang zu Land, Kapital, politischer Teilhabe und Mobilität. Herdlitschka et al. betonen, dass besonders intersektionale Geschlechterperspektiven helfen, diese strukturellen Ungleichheiten sichtbar zu machen und sozial‑ökologische Transformationen gerechter zu gestalten (107).
Umweltgerechtigkeit befasst sich mit der fairen Verteilung von Umweltlasten und -ressourcen. Eine intersektionale Perspektive zeigt, dass globale eng mit Geschlechterverhältnissen verwoben sind. Backhouse und Tittor verdeutlichen, dass die reichsten 10% der Weltbevölkerung, überwiegend in westlichen Zentren, den etwa die Hälfte aller CO2-Emissionen, während ärmere und oft marginalisierte Gruppen – darunter viele Frauen – die Folgen tragen (297; 305).
Klimapolitische Maßnahmen können bestehende Ungleichheiten entweder verstärken oder abbauen. Der Bericht des Umweltbundesamtes zeigt, dass Gendergerechtigkeit ein zentraler Bestandteil wirksamer Klimapolitik ist. Geschlechterdimensionen, wie beispielsweise ungleiche Machtverhältnisse, Rollenbilder oder Zugänge zu Ressourcen, müssen systematisch berücksichtigt werden, um nachhaltige und gerechte Lösungen zu entwickeln. Spitzner et al. definieren für dieses Ziel verschiedene Empfehlungen, wie beispielsweise eine bessere Einbettung von Gender in Klimaschutzgesetzen (172-73). Ihre Empfehlungen reichen außerdem bis in die Abschätzung der Folgen des Klimawandels; auch hier sollte mehr Wissen über Genderaspekte in den entsprechenden Abteilungen verankert werden (174-75). Wer kein Wissen über Geschlechterungerechtigkeit hat, kann diese auch nicht in eigene Untersuchungen einbeziehen.
Weitere Bereiche und Foschungsansätze
Aktuelle feministische Forschung macht deutlich, warum sich der Blick über traditionelle Verständnisse von Geschlecht und Menschheit im Gesamten auch für die Umweltforschung lohnt. Hierbei wird nicht nur die besondere Betroffenheit von Frauen in der Klimakrise zum Thema gemacht. Es geht auch darum, Wissen aus dem patriarchal geprägten, europäisch-westlichen Verständnis zu hinterfragen, um zu zeigen, dass einige Ansätze, wenn natürlich auch nicht alle, aus dieser Wissenstradition zur Ausbeutung des Planeten beitragen (Brückner at al. 3). Der Mensch ist nicht von der Natur getrennt, sondern wirkt in und mit ihr in einem System. Dieser Fokus wird als natureculture bezeichnet, ein von Donna Haraway in ihrem Companion Species Manifesto geprägter Begriff. Er soll bewirken, dass der Blick weg vom Mensch als Fokus hin zu Diskussionen über die sozial-politische Konstruktion von Beziehungen von Mensch zu Natur und damit zu größerem Schutz ebendieser bewegt wird. Des Weiteren liefern Brückner und Kolleginnen Beispiele für transformative Workshopformate (9-12), die sich sicherlich auf den Universitätskontext übertragen ließen. Auch betonen die Autor*innen die Bedeutung von Queer Ecologies (12-13), die zeigen, dass Klimawandel nicht nur Frauen betrifft, sondern vielfältige geschlechtliche Identitäten und soziale Positionierungen. Transformative, partizipative Forschungsansätze ermöglichen es, marginalisierte Perspektiven einzubeziehen und als „hegemoniale Wissensproduktion“ (4) zu hinterfragen.
Ein weiterer zentraler Bereich ist die Mobilität. Mobilitätsmuster sind stark geschlechtsspezifisch geprägt und spiegeln soziale Strukturen wider (Yollu-Tok, Dill und Völkle 7). Frauen legen häufiger Wege im Nahbereich zurück und nutzen öfter den öffentlichen Verkehr (15). Außerdem erleben sie häufiger Gefühle von Unsicherheit in ebendiesen Verkehrsmitteln (18). Die Literaturübersicht von Yollu‑Tok, Dill und Völkle zeigt, dass eine gendergerechte Verkehrspolitik entscheidend für eine sozial‑ökologische Transformation ist. Eine nachhaltige Mobilitätswende muss daher geschlechtsspezifische Bedürfnisse berücksichtigen, um sowohl Emissionen zu reduzieren als auch soziale Teilhabe zu sichern. Als Beispiel hierfür nennen die Autorinnen den Ausbau von Radwegen: wenn diese sicher von der Fahrbahn abgegrenzt und gut ausgebaut sind, würden Frauen, gerade mit Kindern, vom Auto aufs Fahrrad umsteigen (25).
Die Intersektion von Geschlecht, Klimawandel und Umweltgerechtigkeit ist vielfältig. Sie macht deutlich, dass ökologische Krisen nur dann wirksam bewältigt werden können, wenn soziale Ungleichheiten berücksichtigt werden. Intersektionale Ansätze bieten hierfür ein unverzichtbares Werkzeug zur Analyse. Sie ermöglichen es, komplexe Machtverhältnisse sichtbar zu machen und Transformationsprozesse so zu gestalten, dass sie nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern auch sozial gerecht sind.
Bibliographie
Backhouse, Maria, und Anne Tittor. „Für eine intersektionale Perspektive auf globale sozial-ökologische Ungleichheiten.“ Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften, herausgegeben von Klaus Dörre et al., Springer, 2019, S. 297-309. Springer, https://doi.org/10.1007/978-3-658-25947-1_16.
Brückner, Meike, et al. „Wissen für eine sozial-ökologische Transformation: Perspektiven der Geschlechterforschung auf Klima- und Umweltkrisen.“ Österreichische Zeitschrift für Soziologie, vol. 50, 2025. Springer, https://doi.org/10.1007/s11614-025-00590-w.
Haraway, Donna. The Companion Species Manifesto: Dogs, People, and Significant Otherness. Prickly Paradigm Press, 2003.
Herdlitschka, Theresa, et al. „Nachhaltigkeitsforschung und Geschlechterperspektiven: Intersektionale Ansätze zur Analyse sozial-ökologischer Transformationen.“ GENDER, vol. 16, no.3, 2024, S. 104-20. Budrich Journals, https://doi.org/10.3224/gender.v16i3.08.
Spitzner, Meike, et al. „Interdependente Genderaspekte der Klimapolitik: Gendergerechtigkeit als Beitrag zu einer erfolgreichen Klimapolitik: Wirkungsanalyse, Interdependenzen mit anderen sozialen Kategorien, methodische Aspekte und Gestaltungsoptionen.“ Umweltbundesamt, 2020, https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/interdependente-genderaspekte-der-klimapolitik, zuletzt geöffnet am 7. April 2026.
UN Women. „Progress on the Sustainable Development Goals: The Gender Snapshot 2025.” UN Women, https://www.unwomen.org/sites/default/files/2025-09/progress-on-the-sustainable-development-goals-the-gender-snapshot-2025-en.pdf, zuletzt geöffnet am 2. Juni 2026
Yollu-Tok, Aysel, Katja Dill und Hanna Völkle. “Klima, Geschlecht und Mobilität: Eine Literaturstudie und Bedarfsanalyse für die Praxis.“ Hans-Böckler-Stiftung, 2024, https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-008853, zuletzt geöffnet am 7. April 2026.
