Intern
Büro der Universitätsfrauenbeauftragten

Was ist Geschlecht?

Die Frage „Was ist Geschlecht?“ gehört zu den zentralen Themen der Sozial‑, Kultur‑ und Naturwissenschaften. Lange wurde Geschlecht als rein biologische Tatsache verstanden, doch moderne Forschung zeigt, dass es ein komplexes Zusammenspiel aus körperlichen Merkmalen, gesellschaftlichen Erwartungen und individueller Identität ist. Um Geschlecht zu verstehen, müssen diese Ebenen gemeinsam betrachtet werden.

Das biologische Geschlecht (sex) umfasst körperliche Merkmale wie Chromosomen, Hormone sowie innere und äußere Geschlechtsorgane. Traditionell wird zwischen „männlich“ und „weiblich“ unterschieden, doch biologische Variationen wie intersexuelle Ausprägungen zeigen, dass diese Einteilung nicht vollständig binär ist. Die Biologin Anne Fausto‑Sterling argumentiert, dass das biologische Geschlecht ein Spektrum bildet, da Konstellationen von Chromosomen und Hormonen vielfältiger sind, als es das traditionelle Modell zulässt (Fausto‑Sterling 2000). Das soziale Geschlecht (gender) beschreibt hingegen die kulturell und gesellschaftlich geprägten Erwartungen, Rollen und Verhaltensweisen, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts zugeschrieben werden. Dazu gehören stereotype Vorstellungen darüber, wie Menschen auftreten, welche Tätigkeiten sie ausüben oder wie sie sich verhalten sollen. Der heute verbreitete Begriff gender entwickelte sich erst später und wurde besonders durch feministische Theorien der 1970er‑ und 1980er‑Jahre geprägt, etwa durch Judith Butler (Butler 1991).

Geschlecht wird als soziales Konstrukt verstanden (s. Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung LINK). Diese Perspektive bedeutet nicht, dass biologische Unterschiede von Grund auf geleugnet werden, sondern dass deren Bedeutung kulturell interpretiert wird. Butler beschreibt Geschlecht als „performativ“ – es entsteht durch wiederholte Handlungen, die gesellschaftliche Normen bestätigen oder infrage stellen (Butler 1991). Geschlecht ist somit nicht nur ein zugeschriebenes Merkmal, sondern ein Prozess, der im Alltag immer wieder hergestellt wird. Die Soziologen Candace West und Don Zimmerman betonen in ihrem Konzept des „Doing Gender“, dass Geschlecht in sozialen Interaktionen aktiv hervorgebracht wird. Menschen „tun“ Geschlecht, indem sie Erwartungen erfüllen oder bewusst brechen (West und Zimmerman 1987). Dadurch wird Geschlecht zu einem dynamischen Bestandteil sozialer Ordnung.

Zudem ist Geschlecht, wie oben beschrieben, vielfältig. Neben den Kategorien „männlich“ und „weiblich“ existieren Identitäten wie beispielsweise nicht‑binär, genderqueer oder agender. Diese Vielfalt zeigt, dass Geschlecht eine Frage der Selbstwahrnehmung und persönlichen Identität ist. Gesellschaften und politische Systeme reagieren zunehmend darauf, etwa durch die Einführung weitere Geschlechtseinträge, wie beispielsweise „divers“ in Deutschland. Die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht ist entscheidend, um Diskriminierung sichtbar zu machen, Gleichberechtigung zu fördern und individuelle Lebensrealitäten anzuerkennen. Geschlecht ist kein statisches Merkmal; ein differenziertes Verständnis ermöglicht es, gesellschaftliche Strukturen kritisch zu hinterfragen und Räume für geschlechtliche Vielfalt zu schaffen.

Wer sich für eine tiefergehende und weiterhin niedrigschwellige Einführung zum Thema Gender interessiert, findet diese beispielsweise in der Open Educational Resource der Hamburg Open Online University. Hier finden Interessierte nicht nur Erklärungen zum Thema, sondern auch Lernstränge, um geschlechterbasierte Diskriminierung zu erkennen und zu verändern.  Auch das Video „Wie viele Geschlechter gibt es?“ von Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim ist zu empfehlen.

 


 

Bibliographie

Butler, Judith. Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp, 1991.

Collien, Isabel und Inga Nüthen. “Open Educational Resource – Zum Thema Gender.” Hoou.de, https://gender.blogs.hoou.de/, zuletzt geöffnet am 2. Feb. 2026.

Fausto‑Sterling, Anne. Sexing the Body: Gender Politics and the Construction of Sexuality. Basic Books, 2000.

Nguyen-Kim, Mai Thi. „Wie viele Geschlechter gibt es?” YouTube, 26 Nov. 2022, www.youtube.com/watch?v=8fraZlsmCio. Zuletzt geöffnet am 2. Feb. 2026.

West, Candace und Don H. Zimmerman. “Doing Gender.” Gender and Society, vol. 1, no. 2, 1987, S. 125–51. http://www.jstor.org/stable/189945.