Entwicklung der Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland
Die Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland ist eng mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen und feministischer Wissenskritik verbunden. Ihre Entstehung seit den 1970er-Jahren steht im Kontext der Neuen Frauenbewegung, die bestehende Machtverhältnisse, geschlechtsspezifische Ungleichheiten androzentrische Wissenschaftstraditionen, also Wissenschaftstraditionen, die Männer und Männlichkeit in den Fokus rücken und als Norm festigen, grundlegend infrage stellte (Becker-Schmidt 1987).
Frauenforschung: Kritik und Sichtbarmachung
Die frühe Frauenforschung entwickelte sich als politisch motivierte Kritik an der systematischen Ausblendung von Frauen in Wissenschaft und Gesellschaft. Theoretisch orientierte sie sich u. a. an materialistisch-feministischen, sozialisationstheoretischen und marxistischen Ansätzen. Zentrale Fragestellungen betrafen Ungleichheiten in Arbeitsteilung, unbezahlte Sorge- und Hausarbeit (Care-Arbeit), Familie, Bildung und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern (Hausen 1976).
Institutionell entstand Frauenforschung zunächst außerhalb universitärer Strukturen, zum Beispiel in unabhängigen Forschungszusammenhängen. Erst in den 1980er-Jahren setzte eine Institutionalisierung ein: sowohl an Hochschulen als auch durch Institutsgründungen. Die ersten Zentren für interdisziplinäre Frauenforschung wurden 1980 und 1981 an der Universität Bielefeld und der Freien Universität Berlin gegründet (Wissenschaftsrat, „Empfehlungen“ 18). Theoretisch dominierte noch ein teilweise essentialistisches Frauenverständnis, welches Frauen stereotypisiert als kollektives politisches Subjekt begriff (Hark 2005). Aus diesem Verständnis wurden die Themen abgeleitet, für welche sich die Wissenschaftler*innen einsetzen.
Hin zur Geschlechterforschung
In den 1990er-Jahren bewegte sich die Frauenforschung hin zur Frauen- und Geschlechterforschung (Gender Studies). Unter dem Einfluss sozialkonstruktivistischer Theorien wurde Geschlecht zunehmend als historisch und sozial hergestellte Kategorie verstanden. Prägend waren insbesondere Konzepte wie „Doing Gender“ (West und Zimmerman 1987) sowie die analytische Trennung von sex und gender. „Doing Gender“ meint eine aktive Produktion von Geschlecht durch Handlungen und Interaktionen; sex und gender trennt biologisches Geschlecht (sex) und soziales Geschlecht (Wissenschaftsrat, „Empfehlungen“ 13). Die Trennung dieser Kategorien sowie die daraus hervorgehende Bandbreite an Fragen der Frauen und Geschlechterforschung spiegelt sich auch in unserer Einführung in die Themen wider.
Judith Butlers Arbeiten zur Performativität von Geschlecht (1991; 1997) beeinflussten auch die deutsche Debatte nachhaltig. Geschlecht wurde nun nicht mehr als essentiell und stabil, sondern als instabil, durch Beziehungen und durch wiederholte, normierte Handlungen hervorgebracht gedacht. In diesem Zuge erweiterten sich die Forschungsfelder auch um Männlichkeitsforschung, Queer Studies und Sexualitätsforschung (Connell 1999).
Intersektionalität und Pluralisierung
Seit den 2000er-Jahren ist die Geschlechterforschung zunehmend durch das Konzept der Intersektionalität geprägt (Crenshaw 1989; Winker und Degele 2009). Dieses hebt hervor, dass Geschlecht nicht isoliert wirkt, sondern stets mit anderen Ungleichheitskategorien wie Klasse, Rassismus, Migration, Sexualität oder Behinderung verschränkt ist.
Theoretisch führte dies zu einer stärkeren Rezeption postkolonialer, rassismuskritischer und queer-feministischer Ansätze (Lutz et al. 2013). Institutionell ist die Geschlechterforschung heute in Deutschland breit verankert: durch Studiengänge, Forschungszentren, Graduiertenkollegs und Open-Access-Publikationsformate. Zugleich ist sie verstärkt politischer Kritik ausgesetzt, was ihre Rolle als kritische Wissenschaft sichtbar macht.
Die Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland hat sich von einer aktivismusnahen Bewegung hin zu einem interdisziplinär geprägten Forschungsfeld entwickelt, das gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse auf verschiedene Arten systematisch analysiert. Ihr Erkenntnisinteresse liegt bis heute in der kritischen Reflexion vorherrschender sozialer Ordnung und der Dekonstruktion normativer Geschlechterkonzepte.
Bibliographie
Becker-Schmidt, Regina. "Probleme einer feministischen Theorie und Empirie in den Sozialwissenschaften" Feministische Studien, vol. 4, no. 2, 1985, S. 93-105. https://doi.org/10.1515/fs-1985-0210.
Butler, Judith. Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp, 1991.
---. Körper von Gewicht: Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Suhrkamp, 1997.
Connell, Raewyn. Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. 4. Ausg., Springer, 2014. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19973-3.
Crenshaw, Kimberlé. Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. Columbia Law School, 1989. https://scholarship.law.columbia.edu/faculty_scholarship/3007/, zuletzt geöffnet am 29. Januar 2026.
Hark, Sabine. Dissidente Partizipation: Eine Diskursgeschichte des Feminismus. Suhrkamp, 2005.
Hausen, Karin. „Die Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere‘: Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben.“ Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, herausgegeben von Werner Conze. Ernst Klett Verlag, 1976.
Lutz, Helma, et al., Herausgeber*innen. Fokus Intersektionalität. Springer, 2013. https://doi.org/10.1007/978-3-531-19550-6.
West, Candace und Don H. Zimmerman. “Doing Gender.” Gender and Society, vol. 1, no. 2, 1987, S. 125–51. http://www.jstor.org/stable/189945.
Winker, Gabriele und Nina Degele. Intersektionalität: Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. transcript, 2009.
Wissenschaftsrat. Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Geschlechterforschung in Deutschland. Wissenschaftsrat, 2023. https://doi.org/10.57674/9z3k-1y81.
