Eine Reise in die Welt der Keilschrift
03.08.2026Wie fühlt es sich an, Texte zu lesen, die vor Jahrtausenden geschrieben wurden? Altorientalistin Marie gibt Einblicke in ein Fach, das Geschichte lebendig macht – zwischen Forschung, Lehre und spannenden Entdeckungen.
Bei unserer Veranstaltung "Kurzführung und Mitmach-Aktion" haben wir Marie Barkowsky kennenlernen dürfen. Sie ist als Assistentin der Altorientalistik tätig. In einem spannenden Interview haben wir ihr einige Fragen zu ihrem vielseitigen Berufsfeld gestellt.
Marie, wie würdest Du einem Laien erklären, was Altorientalistik ist?
Altorientalistik beschäftigt sich mit der Geschichte des Nahen Ostens in der Antike. Vor allem aus dem Irak, aber auch aus dem Iran, aus Syrien, aus der Türkei und von der Levanteküste sind hunderttausende Schriftzeugnisse zu Alltag, Politik, Wissenschaft und Religion vor tausenden von Jahren. Diese Texte wurden in Keilschrift geschrieben, und die Keilschrift gibt den ungefähren zeitlichen Rahmen, mit dem sich die Altorientalistik auseinandersetzt: Die Keilschrift wurde ungefähr 3500 v. Chr. erfunden und dann über 3000 Jahre von verschiedenen Völkern (und in verschiedenen Sprachen!) verwendet. Das sorgt natürlich für ein riesiges Forschungsfeld.
Warum hast Du Dich für dieses Fach entschieden?
Ich hatte in der Schule Spaß an Latein und wollte noch eine alte Sprache lernen. So bin ich direkt im ersten Semester in einen Einführungskurs ins Akkadische (die am verbreitetste Keilschriftsprache) gerutscht und quasi nie wieder gegangen. An anderen Schulen ist es hoffentlich nicht so, aber ich wusste aus dem Geschichtsunterricht überhaupt nichts über antike Kulturen außer den Römern, Griechen und vielleicht den Ägyptern. Mit der Einführung in die Keilschrift hat sich die antike Welt für mich auf einmal ins Gigantische vergrößert.
Ich hatte mir gar keine Vorstellung davon gemacht, wie viel man über das Leben vor 4000 Jahren wissen kann – und wie viel noch gar nicht erforscht ist. Gleich in der ersten Stunde wurde uns erzählt, dass es in den Sammlungen der Welt tausende Keilschrifttafeln gibt, die noch nie gelesen und übersetzt wurden, und dass gleichzeitig weitere Tafeln gefunden werden, die ganz neue Erkenntnisse ermöglichen. Ich wollte immer mehr wissen und will es immer noch; das ist im Endeffekt, wie ich im Fach gelandet bin.
Was liebst Du besonders an Deiner Arbeit?
Keilschrifttafeln sind ungefiltert. Wenn man von einer Tafel liest, hat man einen direkten Kontaktpunkt zu der Person, die sie vor 3000 oder 4000 Jahren geschrieben hat. Durch die zeitliche und räumliche Distanz ist einem natürlich vieles unklar, aber das Einzige, was einem im Weg steht, ist man selbst (oder der Riss auf der Tafel, durch den exakt das Wort fehlt, das einen am meisten interessiert hätte).
Wo arbeiten Altorientalisten?
Das ist ganz unterschiedlich! Ich habe hier viel von Tafeln und Texten geredet, weil das ist, worauf ich mich spezialisiert habe. Meine Arbeit findet daher vor allem an der Uni oder in Museumssammlungen statt; ich gebe Kurse zu Keilschriftsprachen, arbeite an einer Publikation zu einem Beschwörungstext gegen Dämonen, und bin Teil von verschiedenen Gruppen, in denen Kolleginnen und Kollegen laufende Projekte diskutieren. Vor ein paar Wochen habe ich eine Exkursion in die Südtürkei begleitet, auf der wir unter anderem in einer Bergschlucht in den Fels über dem Fluss Tigris gemeißelte Reliefs von Assyrerkönigen angesehen haben. Eine Woche später war ich mit einem Kollegen in einer Würzburger Schule, wo wir mit Kindern Keilschrifttafeln gebastelt und mit ihnen ein bisschen über die Geschichte dahinter geredet haben.
Teil des Lehrstuhls in Würzburg ist auch die Vorderasiatische Archäologie, deren Mitarbeitende Teile des Jahres auf Ausgrabungen verbringen; sie haben laufende Projekte in der Türkei, im Oman und in Aserbaidschan. Die Kollegin vom Schreibtisch gegenüber fährt demnächst für ein paar Wochen in die Türkei, um Interviews zur Zusammenarbeit lokaler und internationaler Mitarbeitender auf einer Ausgrabung durchzuführen. Damit soll eine digitale Führung durch die Ausgrabungsstelle interaktiver und interessanter gestaltet werden. Manche Altorientalisten betreuen Museumssammlungen oder organisieren Ausstellungen. Es kommt ganz auf den Forschungsschwerpunkt oder die Projekte an.

