Intern
Globale Systeme und interkulturelle Kompetenz

Wahrheit und Wirklichkeit in wissenschaftlichen und populären Diskursen

Datum: 17.10.2025, 14:00 - 19:00 Uhr
Kategorie: Demokratie & soziale Gerechtigkeit, Zertifikat Interkulturelle Kompetenz, C, D, Seminar
Ort: Hubland Süd, Geb. PH1 (Philosophiegebäude), Übungsraum 12
Veranstalter: Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft // Fachbereich: Ethnologie
Vortragende: Dr. Peter Hörz

Im Januar 2017, Donald Trump war gerade erstmals in das Amt des US-Präsidenten gewählt worden, diskutierte die Weltöffentlichkeit aufgeregt über Lüge und Wahrheit. Der Anlass: Trump Sprecher Sean Spicer hatte behauptet, dass an des Präsidenten Inaugurationsfeier so viele Menschen teilgenommen hätten, wie selten zuvor an einer Inauguration. Beobachtende der Feiern hingegen hatten von auffällig wenigen Menschen in den Straßen von Washington DC berichtet – Bildmaterial hatte die Berichte belegt. Die Trump Administration blieb gleichwohl bei ihrer Darstellung. Als sich die Diskussion zuspitzte erklärte Trump Beraterin Kallyanne Conway im TV, dass Spicer durchaus nicht gelogen, sondern »alternative facts« präsentiert hätte. Einige Wochen lang war dieser Begriff in aller Munde. Meist wurde er kritisiert und als Synonym für ›Fälschung‹ und ›Lüge‹ interpretiert. Aber auch eine andere, eine konstruktivere, Lesart von Conways Begriffsschöpfung ist möglich – denn: Haben nicht zahlreiche Vordenker*innen der ›Postmoderne‹ herausgearbeitet, dass ›die Wirklichkeit‹ eine ›gemachte‹ Wirklichkeit und eigentlich nur im Plural denkbar ist? Und zeigt nicht die spätmoderne Wissenschaftslandschaft, dass Thesen und Gegenthesen, Gutachten und Gegengutachten in immer kürzeren Zeitabständen zahlreiche alternative Fakten schaffen können? Hat nicht der Philosoph Paul Feyerabend (1924–1994) gefordert, »alternative Erkenntniserfahrungen«, Mythen, Kosmologien und Astrologie dem ›rationalen‹ Denken gleichzustellen? Denkt man hier weiter, so kann man zu dem Schluss gelangen, dass die Vorstellung von ›objektiven Tatsachen‹ obsolet ist – in wissenschaftlichen wie in populären Diskursen. Sind homöopathische Medikamente wirksam? Schützen Masken vor CovidC19? Sind Impfschäden ›nachgewiesen‹ oder frei erfunden? Nützt oder schadet Biolandwirtschaft der Umwelt? Was macht Männer zu Männern und Frauen zu Frauen? Und was ›ist‹ überhaupt Geschlecht? Fragen, über die aktuell, erbitterte Kämpfe geführt werden. Insbesondere in den Resonanzräumen, die das Internet bereithält, stehen sich häufig unterschiedliche, durch geteiltes Wissen über ›Fakten‹ konstituierte Gruppen unversöhnlich gegenüber. Für eine gruppenübergreifende Verständigung fehle die »geteilte Vorstellung der Realität« konstatierten jüngst die Soziolog*innen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey – aber schon die Vorstellung von der Realität geht, genau genommen, an der Realität vorbei. Am Ende könnte die die ernüchternde Einsicht stehen, die 2004 von der britischen Alternative-Rockband Chumbawamba in die Welt posaunt wurde: »Everything you know is wrong, wrong, wrong…«. Doch – während immer mehr Gewissheiten in Frage gestellt, immer mehr Weltbilder erschüttert werden, steigt die Nachfrage nach Eindeutigkeit, Klarheit und Stabilität.
Ausgehend von grundlegenden Erörterungen zu ›Wahrheit‹ und ›Wirklichkeit‹ sowie Modi der Wissensbildung und Erkenntnisgewinnung und der Lektüre ausgewählter Texte werden in der Lehrveranstaltung aktuelle Kontroversen in Wissenschaft und Gesellschaft kritischer Blicke unterzogen. Zugleich wird die Frage aufzuwerfen sein, welche Klassen und Milieus auf welche Weise auf die Erosion der ›Wirklichkeit‹ reagieren.

Das Seminar findet an vier Terminen statt.
Weitere Infos und Anmeldung auf WueStudy.

Anrechenbar für GSiK für die Zusatzqualifikation "Interkulturelle Kompetenz" in den Bereichen B, C und D.

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