piwik-script

Intern
    Würzburger Altertumswissenschaftliches Zentrum

    SS 2016

    Exil. Flucht, Vertreibung, Deportation im Altertum

    Verlust der Heimat, Flucht vor Krieg und Katastrophen, gewaltsame Verschleppung in die Fremde – traumatische Erfahrungen, die zu den Konstanten der Menschheitsgeschichte gehören und die kulturelle Identität vieler sozialer Gruppen prägen. Solchen historischen Entwicklungen, ob im Kontext expandierender Imperien oder der Desintegration staatlicher Strukturen, widmet sich die aktuelle Ringvorlesung des Würzburger Altertumswissenschaftlichen Zentrums.

    Leid und Entwurzelung sind die allen Vertriebenen und Verschleppten gemeinsamen Erfahrungen. Damit einher geht das Bedürfnis, die eigene soziale Gruppe zu erhalten, Elemente der kulturellen Identität der alten Heimat in die Fremde zu retten. Zugleich stehen Menschen im Exil vor der Herausforderung, das eigene Leben neu zu erfinden, der Fremde in Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten vor Ort die Voraussetzungen für eine neue Heimat abzugewinnen. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen Bewahrung des Eigenen und Öffnung für neue Begegnungen, zwischen dem Wunsch nach Rückkehr und der zunehmenden Verwurzelung fern der Heimat entstehen neue Kulturen und prägende Erzählungen von der eigenen Identität.

    Einige Beispiele für Menschen des Altertums, die ihre Heimat verlassen und unter unterschiedlichsten Bedingungen ein Leben in neuem Umfeld beginnen mussten, behandeln die Vorträge der Ringvorlesung „Exil. Flucht, Vertreibung, Deportation im Altertum“, zu der das Würzburger Altertumswissenschaftliche Zentrum alle Interessierten im Sommersemester einlädt. Die Themen reichen vom Exil der Judäer in Babylonien – nach Keilschriftquellen aus den jüdischen Gemeinden in Babylonien und im Spiegel der biblischen Schriften – über das Alte Ägypten und den Zusammenbruch der spätbronzezeitlichen Staatenwelt bis hin in die Zeit der Völkerwanderung in der Spätantike.

    Die Vorträge finden jeweils montags um 18.15 Uhr im Toscanasaal im Südflügel der Würzburger Residenz statt. Der Eintritt ist frei. 


    Montag, 25. April 2016

    Dr. Cornelia Wunsch (School of Oriental and African Studies, London)
    Judäer im Exil in der babylonischen Provinz nach Keilschrifttexten aus Al-Jahudu

    Dieser Vortrag stellt eine Gruppe von Keilschrifttexten aus dem 6. Jh. v. Chr. vor, deren Protagonisten durch ihre Namen als exilierte Judäer und ihre Nachkommen aus vier Generationen zu erkennen sind. Es handelt sich um Rechtsdokumente in babylonischer Sprache, die alltägliche Vorgänge beurkunden (z.B. Schuldscheine über Silber oder Naturalien, Miet- und Pachtverträge), aber auch Familieninternes (Heirat, Erbteilung) sowie Rechtsstreitigkeiten. Diese Texte erlauben bisher einmalige Einblicke in das Leben von einfachen Leuten in der Zeit des Exils und der frühen nachexilische Periode.


    Montag, 9. Mai 2016

    Prof. Dr. Egon Flaig (Universität Rostock)
    Die Heimat verlieren und verlassen. Antike Schicksale zwischen Völkerwanderung und individuellem Exil

    Der Vortrag behandelt drei unterschiedliche Weisen, die Heimat zu verlieren und diesen Verlust existentiell zu bewältigen, nämlich die kollektive Katastrophe, dann den kollektiven Exodus, und schließlich das individuelle Exil.

    Es soll erstens geklärt werden, was es bedeutet, wenn die eigene Stadt erobert wird und Frauen und Kinder in die Sklaverei geführt werden.

    Dann soll zweitens am Beispiel der Helvetier 58 v. Chr. dargestellt werden, wie ein Volk in freiem Entschluß das eigene Territorium aufgibt, um sich eine neue Heimat zu erobern.

    Und zum Schluß ist das Schicksal eines römischen Senators zu betrachten, der 92 v. Chr. verurteilt wird und in die Verbannung geht, der sich aber an die Kultur seiner neuen Heimat dermaßen assimiliert, daß er eine neue Identität erwirbt und nicht mehr zurückkehren will. 


    Montag, 6. Juni 2016

    PD Dr. Reinhard Jung (OREA Europa, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien)
    Die Seevölker - Krieger zwischen zentralem und östlichen Mittelmeer um 1200 v.u.Z.

    Das Thema Seevölker beschäftigt die prähistorische Archäologie praktisch seit den Anfangstagen der Disziplin. Es stellte immer eine methodische Herausforderung dar, Funde und Befunde aus den verschiedensten circum-mediterranen Regionen miteinander zu verbinden und des Weiteren mit den ägyptischen und nahöstlichen Schriftquellen in Beziehung zu setzen.

    Nach der meisterhaften Synthese von Nancy Sandars aus den späten 1970er Jahren, in der zum letzten Mal alle Regionen vom Balkan bis nach Ägypten in den Blick genommen worden waren, nahm die Forschung indes andere Wege. Regionalspezifische Themen dominieren heute das Bild, und Fragestellungen nach den lokalen Auswirkungen überregionaler Kontakte unter Stichworten wie „Hybridisierung“ oder „entanglement“ bestimmen die Debatte. Der Versuch einer Rekonstruktion historischer Prozesse wird kaum unternommen, höchstens im Rahmen von Mikroregionen angegangen oder sogar als methodisch fragwürdig bezeichnet.

    In diesem Vortrag soll hingegen der Versuch unternommen werden, anhand neuer archäologischer und archäometrischer Ergebnisse wieder etwas zur Erklärung des historischen Phänomens der „Sea Peoples – Warriors of the Ancient Mediterranean“ beizutragen.


    Montag, 20. Juni 2016

    Prof. Dr. Hans-Werner Fischer-Elfert (Universität Leipzig)
    Flucht, Vertreibung, Deportation aus altägyptischer Perspektive

    Alle drei Schlagwörter des Vortragstitels decken tatsächlich zwei Perspektiven ab. Eine Fluchtbewegung konnte nach Ägypten hinein stattfinden ebenso wie aus dem Lande hinaus. Einzelne Leute und ganze Bevölkerungsgruppen konnten aus Ägypten vertrieben wie auch ins Land hineingetrieben werden. Damit kommt automatisch die Deportation aus dem Ausland nach Ägypten hinein bereits in den Blick. Die Grenzen zwischen Vertreibung und Deportation waren sicher schon in der Antike fließend. Für alle diese Phänomene werden historische Beispiele in Bild und Wort präsentiert.


     Montag, 4. Juli 2016

    Prof. Dr. Christian Frevel (Ruhr-Universität Bochum)
    Zerbrochene Utopien. Die Klagelieder als literarische Inszenierung einer Katastrophe und ihrer Verarbeitung

    Weh, wie einsam sitzt da, die einst so volkreiche Stadt“ – so beginnen die Klagelieder Jeremias. Schon damit spielen sie auf die erzwungene Migration im Zusammenhang der Eroberung Jerusalems 587/86 v. Chr. an. Jerusalem ist verlassen und menschenleer und erinnert sich der blutbesudelten Opfer, die durch die Straßen wanken, der verhungernden Kinder während der Belagerung und der Vergewaltigung der Frauen während der Eroberung.

    Es sind Bilder die in unübertroffener Dichte die Katastrophe und ihre Folgen vor Augen stellen. Dem idealisierten „einst“ wird das zerbrochene „jetzt“ gegenübergestellt und damit der Zusammenbruch „groß wie das Meer“ (Klgl 2,13) markiert. Vieles davon ist Stilisierung und literarische Inszenierung der Katastrophe, weniger historische Schilderung aus der unmittelbaren Rückschau des Exils. Damit werden die Klagelieder zu einem besonderen Stück biblischer Katastrophenliteratur und in gewissem Sinne auch der Exilliteratur.

    Ausgehend von den fünf Lamentationen Jeremias stellt der Vortrag biblische und historische Sichten auf die mit der Eroberung Jerusalems verbundene Deportation und das anschließende Exil im 6. Jh. v. Chr. vor.