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University Women's Representative

Migration, Globalisierung und Diaspora

Migrationsforschung trifft Geschlechterforschung

Die Migrationsforschung ist ein älteres Forschungsfeld als die Geschlechterforschung. Bevor die beiden Forschungsdisziplinen jedoch zusammenkamen, war die Migrationsforschung von einem stark männlichen Bild geprägt, in dem weibliche Migrantinnen nur als abhängige Akteurinnen integriert waren (Trzeciak 123). Die gendersensible Migrationsforschung hingegen betont, dass Migrationserfahrungen stark durch Geschlecht geprägt sind. Migrationsprozesse sind untrennbar mit Geschlecht verwoben, da gesellschaftliche Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit bestimmen, welche Rollen Migrant*innen zugeschrieben werden und welche Handlungsspielräume ihnen offenstehen.

Forschungsperspektiven wie der Doing Migration Ansatz oder Queer Diaspora Studies zeigen, dass Migration nicht nur ein räumlicher, sondern auch ein sozialer und kultureller Aushandlungsprozess ist, durch welchen Geschlechterrollen neu verhandelt werden. Der Doing Migration Ansatz widmet sich den Fragen, wer als Migrant*in zählt, was Migration ist und wer aus welcher Machtposition heraus diese Definitionen überhaupt konstruiert (127-28). Die Queer Diaspora Studies beschäftigen sich, wie der Name schon vermuten lässt, mit queeren Perspektiven auf Migration. Dabei geht es um Migrant*innen jenseits cisheteronormativer Vorstellungen, aber auch darum, wie sich Cisheteronormativität auf Darstellungen von Migrant*innen auswirkt (128-29).

Erkenntnisse geschlechtersensibler Migrationsforschung

Frauen migrieren häufig in Sektoren, die global stark feminisiert sind – etwa Pflege, Haushaltsarbeit oder Niedriglohnservicebereiche. Diese Tätigkeiten werden im globalen Kapitalismus systematisch abgewertet, was zu einer doppelten Prekarität führt: als Migrantin und als Frau. Gleichzeitig betonen postkoloniale Studien, dass globale Ungleichheitsverhältnisse die Migrationsmuster und Arbeitsbedingungen maßgeblich beeinflussen. Helma Lutz skizziert in Vom Weltmarkt in den Privathaushalt: Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung (2007) diese Entwicklungen am Beispiel Deutschland trotz Alter der Veröffentlichung nach wie vor eindeutig.

Globalisierung hat Arbeitsmärkte flexibilisiert und transnationale Care‑Ketten hervorgebracht: Frauen aus ökonomisch benachteiligten Regionen übernehmen Care‑Arbeit in wohlhabenderen Ländern, während ihre eigene Care‑Arbeit im Herkunftsland von anderen – meist ebenfalls Frauen – übernommen wird. Diese Betreuungsketten reproduzieren Geschlechterungerechtigkeit auf internationaler Ebene (Apitzsch und Schmidbaur). Hildegard Theobald betont, dass Geschlechtergerechtigkeit im Care-System weiterhin schwer erreichbar bleibt, solange Care‑Arbeit gesellschaftlich gering bewertet wird und eng mit vor allem für Migrant*innen traditionellen Geschlechterrollen verknüpft bleibt (139-40).

Auch migrationspolitische Regelungen tragen zur Reproduktion von Geschlechterungerechtigkeit bei. Dorothee Frings und Catharina Conrad finden in ihrer Studie Geschlechtergerechtigkeit im Aufenthaltsrecht? (2024) signifikante Hinweise darauf, dass Frauen in migrationsrechtlichen Verfahren häufig benachteiligt sind, etwa durch Abhängigkeiten im Familiennachzug (15-16) oder unzureichende Schutzmechanismen bei geschlechtsspezifischer Gewalt (21). Nicht‑binäre Personen erfahren zusätzliche strukturelle Hürden, da viele rechtliche Kategorien weiterhin binär organisiert sind (111).

Lösungsansätze

Ansätze zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit im Migrationsfeld zeigen Ähnlichkeit zu den vorhergegangenen Themen unseres Überblicks. Förderung von Unabhängigkeit sowie besserer Schutz und angepasste Verfahrensweisen in Fällen sexualisierter Gewalt, ob innerhalb der Familie oder während der Migration, sollten dabei berücksichtigt werden (Frings und Conrad 102-4). Die Autorinnen fordern zudem eine gesamtgesellschaftliche Veränderung mit gefestigteren Strukturen im Bildungsbereich und, wie auch schon im Kapitel Gender Care & Gender Pay Gap (LINK) bessere Kinderbetreuung, um Frauen mit Migrationshintergrund die Möglichkeit zu geben, Bildungsangebote überhaupt in Anspruch nehmen zu können (105). Im unmittelbaren Umkreis der Universität beheimatet die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) den Asyl-AK, über den Studierende Projekte mit geflüchteten Menschen organisieren. Wer sich außerhalb des Studierendenstatus für ein Ehrenamt in diesem Bereich interessiert, kann sich über das Projekt „go along“ an die Freiwilligenagentur wenden.

 


 

Bibliographie

Apitzsch, Ursula, und Marianne Schmidbaur. „Care, Migration und Geschlechtergerechtigkeit.“ Bundeszentrale für Politische Bildung, 7. September 2011, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/33149/care-migration-und-geschlechtergerechtigkeit/, zuletzt geöffnet am 7. April 2026.

Frings, Dorothee, und Catharina Conrad. Geschlechtergerechtigkeit im Aufenthaltsrecht? Ein Gleichstellungs-Check des Aufenthaltsgesetzes. https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/wp-content/uploads/2025/03/250311_BSG_Studie_Geschlechtergerechtigkeit_Web.pdf, zuletzt geöffnet am 31. März 2026.

Lutz, Helma. Vom Weltmarkt in den Privathaushalt: Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung. Budrich, 2007.

Theobald, Hildegard. „Ausdifferenzierung und Hierarchisierung von Sorge-Tätigkeiten aus einer Perspektive der Intersektionalität.“ Geschlecht und Gerechtigkeit: Aktuelle Perspektiven auf die Entstehung, Reproduktion und Transformation geschlechtlicher Ungleichheiten, herausgegeben von Lena Weber et al., Springer, 2025, S. 131-42. Springer, https://doi.org/10.1007/978-3-658-46935-1.

Trzeciak, Miriam Friz. „Migration und Geschlecht: Eine Reflexion über die paradigmatischen Grundlagen gendersensibler Migrationsforschung.“ GENDER, vol. 16, no. 3, 2024, S. 121-37. Budrich Journals, https://doi.org/10.3224/gender.v16i3.09.