Alte Tafeln, neu gedacht — Kognitionslinguistische Perspektiven auf die mykenischen Linear B Tafeln aus Pylos
Dr. Miriam Mann
| Datum: | 20.01.2026, 09:15 Uhr |
| Ort: | Hubland Nord, Geb. 84, Seminarraum |
| Veranstalter: | Lehrstuhl für vergleichende Sprachwissenschaft |
Die Ta-Tafeln aus dem späthelladischen Palast von Pylos gehören zu den bekanntesten Texten, die uns aus mykenischer Zeit erhalten geblieben sind. Ihre detaillierten Beschreibungen von Objekten – Gefäße, Herdausstattung, Möbel – stehen im Kontrast zu den sonst eher knappen Linear B Texten und liefern damit wichtige Erkenntnisse für Sprachwissenschaft wie auch Archäologie. Doch trotz der vergleichsweisen Ausführlichkeit der Texte bleibt uns der Schreiber eine wichtige Information – vielleicht die wichtigste Information – schuldig: Was war der Zweck des gesamten Sets? Dienten die Objekte als Beigaben für ein reiches Grab? Als Ausstattung eines prächtigen Saales? Als Ausrüstung für ein Ritual? Lange beschäftigte diese Frage die Mykenologie. Heute besteht Einigkeit, dass die wertvollen Objekte in den Ta-Tafeln im Zuge eines großen Festes Verwendung fanden.
Doch warum wird dieses zentrale Wort ‚Fest‘, der eigentliche Zweck des ganzen Textes, in den Tafeln kein einziges Mal erwähnt? Die Antwort darauf kann nur sein: die Information war so offensichtlich, dass es unnötig war, sie zu erwähnen. Hier bietet sich ein Anknüpfungspunkt zwischen den dreitausend Jahre alten Linear B Texten und der modernen Sprachwissenschaft. Kognitionslinguistik betont den impliziten Charakter allen menschlichen Wissens und der menschlichen Sprache im Besonderen. Sprachliches Wissen existiert in Netzwerkstrukturen, sogenannten Frames. Weil diese innerhalb einer Kultur oder einer sozialen Gruppe intersubjektiv geteilt werden, muss nicht jedes Element dieser Frames explizit gemacht werden.
Der Vortrag wird die mykenischen Ta-Tafeln aus dem Blickwinkel der kognitionslinguistischen Frame-Theorie neu bewerten. Dabei werden die einzelnen Elemente der Tafeln – die Objekte, aber auch die Tafeln als kohärenter Text – als miteinander vernetzte Frameelemente einer größeren Fest-Frames gedeutet. Dieser Frame beinhaltete das Wissen, das nötig war, um ein Fest zu planen und zu veranstalten. Dieses Wissen wurde durch Erfahrung erlernt – durch das Leben im Palst, durch das Teilnehmen an und Planen von zahlreichen Festen, durch die Abbildungen an den Palastwänden. Kognitive Frametheorie erlaubt es uns, dieses Wissen im Kopf des Schreibers zu rekonstruieren und damit die Schreibprozesse und das Lesen von Texten besser zu verstehen.





