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Interview mit Prof. Lianming Wang

12.01.2026

Lianming Wang war angereist, um im Universitätsmuseum die „Wellhöfer Lecture“ zu halten. Fachgelehrte von internationalem Format werden zu dieser Veranstaltung eingeladen.

links: Professor Damian Dombrowski, rechts: Professor Lianming Wang (Bild: Raphael Bücken)

Alumnus Professor Lianming Wang ist seit 2022 Professor für Kunst- und Architekturgeschichte des späten Kaiserreichs China an der City University of Hong Kong. Er hat an der Uni Würzburg Kunstgeschichte mit den Nebenfächern Klassische Archäologie, Kunstpädagogik, Italoromanische Philologie studiert.

Wir haben ihn im Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg getroffen, zusammen mit Professor Damian Dombrowski, dem Leiter der Gemäldegalerie. Lianming Wang war angereist, um im Universitätsmuseum die „Wellhöfer Lecture“ zu halten. Fachgelehrte von internationalem Format werden zu dieser Veranstaltung eingeladen. Dass die Wahl auf den Professor aus Hong Kong fiel, kommt nicht von ungefähr, denn mit Damian Dombrowski verbindet Lianming Wang eine besondere Beziehung.

Als Erstes überrascht Professor Wang durch sein perfektes Deutsch – und mit Details zu anderen Alumni der Universität Würzburg, wie etwa der Leiterin von Aldi in Shanghai. Als wir ihn nach seiner besten Studienzeiterinnerung fragen, berichtet er, dass seine Studienzeit von 2004 bis 2009 überhaupt der beste Abschnitt seines Lebens gewesen sei. In Würzburg habe er seine Frau kennengelernt, seinen ersten Job übernommen und vor allem: eine besonders intensive Unterstützung im Studium erfahren. Dadurch kam er etwa in den Genuss eines Partnerschaftsstipendiums der Universitäten Padua und Würzburg, denn eine Erasmus-Förderung für einen Auslandsaufenthalt wäre für ihn als chinesischer Staatsbürger nicht in Frage gekommen.

Seine Magisterarbeit – eine Monographie zur Kreuzkapelle in Eibelstadt – hat Lianming Wang bei Professor Stefan Kummer geschrieben, dem damaligen Vorstand des Instituts für Kunstgeschichte. Die meisten Lehrveranstaltungen hat er in dessen bei Damian Dombrowski absolviert. Dieses mehrjährige Betreuungsverhältnis war der Grundstein für eine Beziehung aus wissenschaftlicher Ebene, die bis heute fortdauert.

Im Alter von 18 Jahren kam er zum Studium nach Würzburg. Wegen einer vorläufigen Visa-Ablehnung – aufgrund seiner damaligen Langhaarfrisur war sein Geschlecht versehentlich falsch zugeordnet worden – konnte sein Studium aber erst mit einem halben Jahr Verzögerung starten. Ausschlaggebend dafür, dass seine Wahl auf Würzburg (versus Halle, FU Berlin oder Tübingen) fiel, sei die exzellente Betreuung durch die Lehrenden der Institute für Kunstgeschichte und Romanistik sowie die Anbindung an das Martin von Wagner Museum mit seinen vielen Originalen gewesen. „Seitdem habe ich mein Herz an Würzburg verloren!“ sagt unser Alumnus, der danach an der Universität Heidelberg promoviert und längere Aufenthalte als Gastwissenschaftler in Florenz und Cambridge absolviert hat.

Lianming Wang ist Historiker für die Kunst und Architektur des späten Kaiserreichs China. In seiner Lehre und Forschung beschäftigt sich Wang mit den vernetzten Geschichten von Kunst, Wissenschaft und Architektur sowie mit Natur und Ökologie in der chinesisch-europäischen Kunst. Seine Arbeit erkundet außerdem Gärten und Landschaften in China und Japan und befasst sich mit dem Bereich der Tiere.

Eins seiner Themen sind z. B. die sogenannten Tributpfauen als diplomatische Geschenke. Die grünen Pfauen sind aufgrund der radikalen Landgewinnung in China nahezu ausgestorben – im Gegensatz zu den blauen Pfauen in Indien. Über die Pfauen wechselt das Gespräch auf andere berühmte Tiere der Vergangenheit; Lianming Wang berichtet beispielsweise vom Elefanten Hanno, der aus Indien nach Europa gebracht wurde und schließlich im Vatikan gestorben ist, nachdem er überall gezeigt und gezeichnet worden war. Genauso wie das Nashorn Clara, dass sein Leben lang quer durch Europa gereist ist. Tiepolo hat es nicht gesehen, denn als der Maler sich in Würzburg aufhielt, war Clara in Venedig – und als sie nach Würzburg kam, war Tiepolo schon wieder zurück in Venedig.

Ihre Beziehung haben Professor Dombrowski und Professor Wang 2024 wiederaufleben lassen. Auf Einladung des World Art History Institute durfte der Würzburger Wissenschaftler zwei Wochen als Visiting-Professor in Shanghai, Hangzhou und Peking lehren. Er hielt Vorlesungen über Botticelli und Tiepolo sowie zusammen mit Carolin Goll, die an der JMU promoviert, ein Seminar über das Nachleben der Antike seit der Renaissance.

Auf die Frage nach Unterschieden oder Ähnlichkeiten in der Lehre erzählt Dombrowski, dass die Studierenden nicht nur neugierig und wissbegierig gewesen seien, sondern auch über ein enormes Wissen verfügt hätten. Die 25 Studierenden des Seminars in Hangzhou hatten sich aus ganz China beworben und waren auf eigene Kosten angereist. „So viel Willen zu Bildung und Wissenschaft habe ich in Europa selten angetroffen!“ Eine ausgesprochene Kuriosität sei die Zahl der Nutzer gewesen, die den Livestream der Vorlesungen verfolgten: 25.000 bis 30.000 waren jedesmal online zugeschaltet. „Zu so vielen Menschen habe ich nie vorher gesprochen und werde ich auch wohl nie wieder sprechen“, lacht er.

Auf die Frage, ob es Ideen zu neuen Formen der Zusammenarbeit gäbe, berichtet Damian Dombrowski, dass es – wie er wiederum von Lianming Wang erfahren hatte – eine gigantische Ausstellung zur altgriechischen Kunst im Shanghai Museum geben werde. Der Würzburger Museumsdirektor spricht sich für eine Beteiligung der Würzburger Universitätssammlungen aus. Es wäre wünschenswert, wenn Objekte aus der Antikensammlung des Martin von Wagner Museums nach China reisen könnten, aber auch die Neuere Abteilung dort vertreten wäre – und zwar mit Formen der Antikenrezeption und der Homer-Begeisterung um 1800. Wie eine große Ausstellung 2023 gezeigt hat, war Martin von Wagner unter den Künstlern aller Epochen derjenige, der sich am intensivsten mit den homerischen Epen auseinandergesetzt hat. Aus Wagners äußerst umfangreichen Oeuvre zu diesem Thema könnte in Shanghai idealerweise Ausschnitte gezeigt werden.

Damian Dombrowski betont die aus seiner Sicht wichtige Bedeutung der Zusammenarbeit mit China, auch vor dem kulturellen Hintergrund: „China existiert (anders als Deutschland) seit sehr, sehr langer Zeit, was wiederum mit einem einzigartig langen Wirken von bestimmten geistigen Konstellationen einhergeht. Beispielsweise habe ich die wirkliche Bedeutung von Ying und Yang erst in China verstanden und dass dieses Prinzip dort wirklich in der Gesellschaft tief verwurzelt ist. Der Ausgleich der Gegensätze ist allem übergeordnet. Bei uns hingegen tendiert der gesellschaftliche Diskurs immer mehr in Richtung Konfrontation, Unversöhnlichkeit, Kompromisslosigkeit.“ Er plädiert für die Aufrechterhaltung und Vertiefung der akademischen Beziehungen nach China, damit in einer Zeit wachsender politischer Spannungen wenigstens auf wissenschaftlicher und kultureller Ebene die Kanäle offen bleiben.

Die deutschen Universitäten haben dabei gute Karten. Auf die Frage nach der Zusammenarbeit mit Deutschland bzw. den Deutschen angesprochen, zitiert Lianming Wang eine Sentenz, derzufolge die Deutschen eine „Sehnsucht nach den Sternen und dem Himmel“ hätten. Diese Annahme sei einer der Gründe für das unglaublich positive Bild der Deutschen in China. Tatsächlich würden die Deutschen in seiner Heimat als ein „Land der Tugenden“ wahrgenommen. Schon in der Grundschule werden Goethe-Gedichte auswendig gelernt!

Die Ringvorlesung, die Lianming Wang 2024 für das World Art History Institute in Shanghai organisiert hat, galt der Epoche der Renaissance; zahlreiche Forscherinnen und Forscher aus Deutschland, Italien, den USA und England wurden eingeladen, in China als Visiting Professor zu wirken. Lianming Wang betont die Wichtigkeit dieser Epoche, weil in der Renaissance universale Werte der Menschlichkeit entwickelt worden seien. Der wissenschaftliche Austausch habe daher eine humanistische Triebfeder. Damian Dombrowski unterstreicht den Stellenwert dieser Motivation auf der Ebene der wissenschaftlichen Zusammenarbeit und ergänzt, wie wichtig er es findet, auf dieser Ebene die Versöhnlichkeit und Verständigung zu stärken, „damit wir nicht irgendwann sprachlos werden.“ Dazu fällt Lianming Wang wiederum ein Plakat des DAAD ein, dass er 2004 an der Tür des Sprachenzentrums gesehen hätte: „Jeder ausländische Student ist eine Brücke zwischen den Kulturen“, war dort zu lesen. Und so könnte man Lianming Wang und Damian Dombrowski als gemeinsame Brückenbauer bezeichnen – ein starkes Fundament haben sie jedenfalls schon einmal gelegt.

 

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