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Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie

Schenkung: Wenn Klänge Farben tragen

14.05.2012

Der Psychologe Georg Ernst Anschütz ist in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen hat er sich früh mit dem Phänomen der Synästhesie befasst; zum anderen ist seine Rolle in der NS-Zeit umstritten. Eine Schenkung an das Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie der Universität Würzburg könnte dazu beitragen Anschütz‘ Leben und Forschen besser kennen zu lernen.

Noten einmal anders. (Quelle: Sammlung AWZ, Nachlass G. Anschütz)

Die Klangfarbe, ein dunkler Vokal, ein spitzer Schrei: In der Alltagssprache ist das Phänomen der Synästhesie fest verankert, auch wenn das den meisten Benutzern wahrscheinlich gar nicht bewusst ist. Synästhesie bedeutet: Ein Mensch reagiert auf einen Sinnesreiz mit zwei oder mehreren unterschiedlichen Wahrnehmungen. Er hört beispielsweise Musik nicht nur, sondern sieht dazu gleichzeitig Formen und Farben. Andere Synästhetiker verbinden bestimmte Geräusche mit Gerüchen oder Geschmacksrichtungen.

Einer der ersten Forscher in Deutschland, der sich wissenschaftlich mit dem Phänomen der Synästhesie auseinandergesetzt hat, war der Psychologe Georg Ernst Anschütz. Sein Nachlass hatte sich bisher im Besitz von Shabo Talay befunden, Professor für Semitische Philologie und Arabistik an der Universität Bergen. Jetzt hat Talay diesen Fundus dem Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte der Psychologie der Universität Würzburg geschenkt.

„Literatur, die er selbst herausgegeben hat; Notizen, Briefe, Fotos, Zeitungsausschnitte, Andenken, Geschenke – kurz: Alles, was sich im Laufe eines Forscherlebens so ansammelt“, befindet sich nach Aussage von Professor Armin Stock, dem Leiter des Würth-Zentrums, in der Schenkung. Insgesamt 28 Umzugskartons füllt Anschütz` Nachlass und kann so als reichhaltige Quelle über Leben und Wirken des deutschen Psychologen dienen. Denn vor allem sein Leben bietet reichlich Anlass für Fragen.

Georg Anschütz‘ Lebenslauf

Georg Ernst Anschütz wurde am 15. November 1886 in Braunschweig geboren. Von 1905 bis 1912 studierte er Musik, Philosophie und Psychologie in München, Leipzig, Bonn und Paris – und im Sommersemester 1909 auch in Würzburg. Im selben Jahr promovierte er an der Universität München.

Nach Aufenthalten an den Universitäten München und Leipzig war Anschütz von 1913 bis 1915 wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Psychologischen Laboratorium der Universität Hamburg. Am 1. Oktober 1915 ging er als Professor für Psychologie an die Universität Konstantinopel, wo er bis zum Ende des Ersten Weltkriegs blieb. Ab Januar 1919 war Anschütz an der Hansischen Universität Hamburg beschäftigt. 1920 wurde er habilitiert. Ab 1931 wirkte er dort als Professor für Psychologie, Musikpsychologie und Musikästhetik, und zwar bis zu seiner Entlassung 1945.

Kein Karriereknick im Dritten Reich

Mit den Nationalsozialisten hatte Anschütz anscheinend keine Probleme: Nachdem der jüdische Leiter des Instituts für Psychologie, William Stern, im April 1933 aus dem Universitätsdienst entfernt worden war und emigrierte, übernahm Anschütz zwar nicht dessen Posten, aber doch dessen Aufgaben. Anschütz wurde 1933 Mitglied der NSDAP; am 11. November 1933 unterzeichnete er, wie so viele andere auch, das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Von 1939 bis 1945 war er Leiter der Dozentenschaft und Dozentenbundführer der Hamburger Universität sowie Gaudozentenbundführer von Hamburg.

Nach dem Ende des NS-Staats verbrachte Anschütz ein Jahr in Gefangenschaft. Eine Anstellung an einer deutschen Hochschule bekam er danach nicht mehr. Stattdessen leitete er bis zu seinem Tod am 25. Dezember 1953 die Freie Forschungsgesellschaft für Psychologie und Grenzgebiete des Wissens in Hamburg.

Als „Forscherpersönlichkeit, die in politisch schwieriger Zeit für sich nicht den bestmöglichen Weg gefunden hat“, beschreibt Armin Stock die Person Georg Anschütz. Über dessen Rolle im Dritten Reich wagt er noch kein abschließendes Urteil. „Man weiß in solchen Fällen häufig nicht: Haben sie Schlimmes getan oder haben sie Schlimmeres verhindert“, sagt er. Allerdings hofft er, dass der Nachlass mehr Licht in das Dunkel dieser Zeit bringt.

Interessant ist die Hinterlassenschaft auch aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel. „Georg Anschütz hat zahlreiche Themen bearbeitet“, erklärt Stock. Sein Interesse reichte von den Anfängen der Gestaltpsychologie über Intelligenzforschung bis hin zu musikästhetischen Fragen. In den späten 1920er- und 1930er-Jahren konzentrierte er sich auf die Erforschung von Synästhesien, etwa auf das „Farbenhören“, und publizierte seine Erkenntnisse in einem dreibändigen Werk. „Diese Arbeiten können auch heute noch in der Neuropsychologie von Interesse sein, etwa im Zusammenhang mit der Erforschung des Autismus. Denn bei Autisten findet man eine überdurchschnittlich hohe Quote an Synästheten“, so Stock.

Wie der Nachlass nach Würzburg kam

Durch einen Zufall sei der Nachlass bei ihm gelandet, erzählte Shabo Talay am Rande der feierlichen Unterzeichnung der Schenkungsurkunde. Der Spezialist für arabische und neuaramäische Dialekte in Syrien hatte über seine Arbeit Helga Anschütz kennen gelernt, eine Tochter des Psychologen, die sich als Ethnologin mit christlichen Minderheiten im Nahen Osten beschäftigt hatte.

Nach deren Tod erfuhr Talay, dass sie ihn als Erbe für den Nachlass ihres Vaters eingesetzt hatte, verbunden mit dem Auftrag, diesen Nachlass der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Weil Talays Anfragen bei den Universitäten in Hamburg und Istanbul auf geringe bis keine Resonanz stießen, landeten die 28 Umzugskartons nun im Würth-Zentrum. „Genau hier gehört der Nachlass auch hin“, sagte Talay. Schließlich gebe es in dessen Archiv noch zahlreiche weitere Nachlässe von Psychologen, was einen Vergleich ermögliche. Außerdem könne hier das Material der Wissenschaft zugänglich gemacht werden.

Dr. Uwe Klug, Kanzler der Universität Würzburg, dankte Talay für die Schenkung und sicherte ihm zu, dass das Adolf-Würth-Zentrum den Nachlass von Georg Anschütz erschließen und der Forschung sowie der Öffentlichkeit zugänglich machen werde.

(Gunnar Bartsch)

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