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Erfasst, verfolgt, vernichtet

13.06.2017

Die Wanderausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ kommt an die Universität Würzburg. Sie befindet sich hier am Wirkungsort eines der Haupttäter. Eröffnet wird die Schau am Dienstag, 20. Juni.

Motiv vom Plakat der Wanderausstellung. (Bild: DGPPN)

Auch kranke und behinderte Menschen gehörten zu den Verfolgten des Nationalsozialismus. Sie galten als „Belastung für die deutsche Volksgemeinschaft“. Bis zu 400.000 Menschen wurden deshalb ab 1934 gegen ihren Willen sterilisiert. Ferner wurden mehr als 200.000 Menschen aus deutschen Heil- und Pflegeanstalten, europaweit etwa 300.000 kranke und behinderte Menschen ermordet.

Mit dem Schicksal dieser Menschen befasst sich die Wanderausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet.“, die vom 19. Juni bis 18. August 2017 im Lichthof der Neuen Universität in Würzburg zu sehen sein wird. Konzipiert wurde die Ausstellung von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Kooperation mit den Stiftungen „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und „Topographie des Terrors“. Sie steht unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Die Ausstellung erzählt die Geschichte von Ausgrenzung, Zwangssterilisationen und Massenmord, beschäftigt sich mit Opfern, Tätern und Opponenten und fragt schließlich nach der Auseinandersetzung mit dem Geschehen von 1945 bis heute. Damit greift sie die übergeordnete Frage nach dem Wert des Lebens auf.

Der Würzburger Mediziner Werner Heyde

Die Ausstellung in Würzburg zu zeigen, ist von besonderer Bedeutung, weil einer der Haupttäter der Würzburger Arzt Werner Heyde war. Über seine Rolle sowie die Situation in Würzburg und Umgebung informieren zusätzliche Ausstellungstafeln, die verschiedene Autoren in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg konzipiert haben.

Der 1902 geborene Heyde wurde nach dem Medizinstudium an der Klinik für Psychiatrie und Nervenheilkunde in Würzburg ausgebildet. Die Klinik hatte damals einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich der psychiatrischen Begutachtung – ein Teilgebiet, das heute unter dem Begriff Forensische Psychiatrie bekannt ist. 1933 erstellte Heyde ein positives Gutachten über den mit Schutzhaftbefehl der Klinik zugewiesenen Theodor Eicke, so dass dieser kurze Zeit später Kommandeur des Konzentrationslagers Dachau werden und zum Inspekteur der Konzentrationslager und Chef der SS-Totenkopfverbände aufsteigen konnte.

Anklage wegen Mord in mehr als 100.000 Fällen

Ab Sommer 1939 war Heyde an der Planung der mit dem Euphemismus „Euthanasie“ bezeichneten Krankenmorde beteiligt. Er war zunächst alleiniger Obergutachter für die zur Tötung ausgewählten Patienten und wurde im Sommer 1940 zum medizinischen Leiter der „Aktion-T4“. Von Ende 1939 bis 1945 war er zudem Direktor der damaligen Universitätsnervenklinik Würzburg.

Nach dem Krieg wurde Heyde inhaftiert, konnte aber 1947 fliehen und untertauchen. Unter dem Namen „Dr. Fritz Sawade“ erstellte Heyde bis zu seiner erneuten Inhaftierung 1959 wieder zahlreiche Gutachten. Der 1964 geplante Strafprozess gegen Heyde, der wegen gemeinschaftlich mit Anderen begangenen Mordes in mindestens 100.000 Fällen angeklagt wurde, konnte nicht stattfinden, weil Heyde sich kurz vor Prozessbeginn selbst tötete.

Die Situation in Würzburg und Umgebung

Weitere Themen der speziell für Würzburg konzipierten Ausstellungstafeln sind unter anderem: polnische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der Universitätsnervenklinik Würzburg in den 1940er-Jahren; die unterfränkischen Heil- und Pflegeanstalten Werneck und Lohr im Nationalsozialismus; Schwangere als Forschungsobjekte an der Universitäts-Frauenklinik Würzburg und das Institut für Rassenhygiene und Erbforschung in Würzburg.

Öffnungszeiten und Begleitprogramm

Die Ausstellung ist vom 19. Juni bis 18. August 2017 in der Neuen Universität, Sanderring 2, in Würzburg zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10:00 bis 19:00 Uhr, Samstag 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Ein Begleitprogramm mit Filmvorführungen und Vorträgen sowie Führungen für Schüler und Studenten ergänzen das Angebot. Mehr Informationen dazu gibt es in einem Faltblatt (pdf).

Offizielle Eröffnung im Audimax

Offiziell eröffnet wird die Ausstellung am Dienstag, 20. Juni 2017, um 19.00 Uhr im Audimax der Universität am Sanderring. Der Eintritt ist frei; um Anmeldung wird gebeten: Landolt_S@ukw.de, Telefon (0931) 201-77110.

Auf die Begrüßung durch Professor Jürgen Deckert, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Würzburg, folgen Grußworte von Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake und Professor Georg Ertl, Ärztlicher Direktor des Würzburger Universitätsklinikums.

Eine Einführung in die Ausstellung gibt dann Professor Frank Schneider. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Uniklinik RWTH Aachen ist auch ein ehemaliger Präsident der DGPPN.

Es folgt der Vortrag „Zur Täterbiografie des Würzburger Arztes Werner Heyde – angeklagt des Mordes in mindestens 100.000 Fällen“ von Professor Martin Krupinski, Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Würzburg.

Weblink

Homepage der Wanderausstellung

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