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    Gewebe mit Heilkraft

    12.12.2013

    Erneut geht ein hoch dotierter EU-Forschungspreis an die Universität Würzburg. Jürgen Groll forscht an Biomaterialien, die neue Wege in der Medizin eröffnen können. Die Europäische Union stellt ihm dafür in den kommenden fünf Jahren rund zwei Millionen Euro zur Verfügung.

    So dünn wie eine Lage einer Wundkompresse und dennoch ein Hightech-Produkt: das Gewebe aus biokompatiblen Polymeren, das Jürgen Groll in seinem europaweit einzigartigen Labor produziert. (Foto: Gunnar Bartsch)
    So dünn wie eine Lage einer Wundkompresse und dennoch ein Hightech-Produkt: das Gewebe aus biokompatiblen Polymeren, das Jürgen Groll in seinem europaweit einzigartigen Labor produziert. (Foto: Gunnar Bartsch)

    Weiß, fast durchscheinend und von der Struktur ein wenig an eine einlagige Mullkompresse erinnernd: Ziemlich unscheinbar kommt sie daher, die neueste Entwicklung aus den Labors von Jürgen Groll. Doch die Erwartungen, die Wissenschaft, Politik und Industrie in das Produkt setzen, sind groß. So groß, dass der EU-Forschungsrat Jürgen Groll jetzt einen sogenannten ERC Consolidator Grant zugesprochen hat. Groll, Inhaber des Lehrstuhls Funktionswerkstoffe in der Medizin und Zahnheilkunde, erhält damit rund zwei Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren. Mit dem Geld soll er erforschen, ob das Gewebe diese Hoffnungen tatsächlich erfüllen kann.

    Alarm im Immunsystem

    „Jedes künstliche Material, das in einen menschlichen Körper eingesetzt wird, versetzt zunächst das Immunsystem in Alarmbereitschaft“, schildert Groll das Problem, das seiner Forschung zu Grunde liegt. Eine Entzündungsreaktion kommt in Gang, die oft nach Tagen wieder abklingt, jedoch nur schwer zu kontrollieren ist. Manchmal verläuft sie so heftig, dass eine Abstoßungsreaktion erfolgt. Dann muss das Implantat so schnell wie möglich wieder entfernt werden. Häufiger toleriert der Körper das Material, bildet aber eine Bindegewebskapsel darum herum. „Was wir brauchen, ist ein Material, das vom Körper nicht nur toleriert wird. Es sollten sich möglichst auch körpereigene Zellen darin ansiedeln, so dass im Laufe der Zeit neues Gewebe entsteht“, sagt Groll. Gesucht sind Biomaterialien, die Heilungsprozesse in Gang setzen können und zusätzlich die Integration des Implantats in den Körper unterstützen. Das neue Forschungsprojekt, das unter dem Namen Design2Heal läuft, arbeitet an Implantaten, die beide Prozesse fördern.

    Auf das Design kommt es an

    Schon in der Vergangenheit haben Groll und seine Mitarbeiter aus biokompatiblen Polymeren feinste Fäden produziert und damit Netze gesponnen, die als Implantate Verwendung fanden. Die unerwünschten Reaktionen des Immunsystems konnten sie damit allerdings nicht vollständig unterdrücken. Inzwischen legen neueste Forschungsergebnisse den Schluss nahe, dass die Gestalt und Geometrie des Materials für diese Reaktion ausschlaggebend sind: „Jüngste Studien zeigen, dass hochgeordnete Strukturen mit Poren, die zwischen 30 und 60 Mikrometern groß sind, sehr viel seltener eine starke Entzündungsreaktion und Kapselbildung hervorrufen“, sagt Groll. Im Gegenteil: Die in diesem Zusammenhang maßgeblichen Immunzellen, die sogenannten Makrophagen, geben sogar beruhigende Signale; der Körper startet in der Folge den Heilungsprozess, neue Blutgefäße wachsen in das Implantat hinein. Warum das so ist? Dafür haben die Wissenschaftler bislang keine eindeutige Erklärung.

    Europaweit einzigartige Technik

    In seinen Labors wird Groll in den kommenden fünf Jahren Implantate herstellen, die diese Eigenschaft besitzen. Mit Hilfe einer neuen Technik, die einzigartig in Europa ist, „spinnt“ er feine Netze, deren Poren die gewünschte Größe besitzen. Gleichzeitig trägt er auf deren Oberfläche spezielle Substanzen auf, die im Körper gezielt Zellen – beispielsweise Stammzellen – anlocken und ihnen einen Anker zum Andocken bieten. Auf diese Weise wächst im Körper neues Gewebe heran, während das Implantat nach und nach wieder abgebaut wird.

    Melt Electrospinning Writing – kurz MEW – heißt die Technik, die dabei im Einsatz kommt. Prinzipiell wie bei einem Tintenstrahldrucker wird dabei eine Flüssigkeit durch eine Düse auf einem Träger verteilt. Nur dass es sich in diesem Fall bei der Flüssigkeit um eine Polymerschmelze handelt, die Düse extrem fein ist und zwischen der Düse und einer gegenüberliegenden Elektrode eine hohe Spannung liegt. Durch die Spannung wird die Schmelze zu einem feinen Strahl gedehnt; da sich der Tisch, auf dem der Strahl landet, computergesteuert bewegt, können die Wissenschaftler jedes gewünschte Muster zeichnen. „Wir sind damit sogar in der Lage, kleine, röhrenartige Strukturen zu erzeugen, die beispielsweise in der Gefäßchirurgie von Interesse sein könnten“, sagt Groll. Die Polymere, die in Würzburg zum Einsatz kommen, sind abbaubar und für die Anwendung in der Medizin zugelassen. Einer raschen klinischen Verwendung steht zumindest von dieser Seite nichts im Weg.

    Vielfältige Verwendungsmöglichkeit

    Apropos Verwendung: Die Einsatzmöglichkeiten für das neue Material sind nach Grolls Worten vielfältig. Im Prinzip könnte es die Oberfläche eines jeden Implantats überziehen und so die gefürchtete Abstoßungsreaktion möglicherweise verhindern. Es könnte aber auch selbst als Implantat Verwendung finden, beispielsweise als Netz, das einen Leistenbruch schließt, und die Bildung von neuem, körpereigenem Gewebe anstößt.

    Die konkrete Umsetzung in ein Medizinprodukt steht allerdings nicht im Fokus des Forschungsprojekts. „Wir betreiben Grundlagenforschung und arbeiten an den generellen Prinzipien“, sagt Groll. Wohin die Ergebnisse führen, ist offen. „Vielleicht eröffnen wir damit ja ganz neue Wege, an die bisher noch keiner gedacht hat.“

    Kontakt

    Prof. Dr. Jürgen Groll, T: (0931) 201-73610; E-Mail: office@fmz.uni-wuerzburg.de

     

     

    Von Gunnar Bartsch

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