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    Professional School of Education

    Herbsttagung 2019

    Warum Widerstand wichtig ist

    300 Teilnehmende diskutierten bei der PSE-Herbsttagung über „Werte“

    Das Klassenzimmer ist kein wertneutraler Raum. Wie Lehrkräfte und Lernende miteinander umgehen, anhand welcher Themen Wissen vermittelt wird und welches Verständnis von Bildung eine Lehrkraft hat – all dies hat mit Werten zu tun. Wie facettenreich das Thema „Werte“ in der Schule ist, zeigte die 10. Herbsttagung der Professional School of Education (PSE) und der unterfränkischen Schulaufsicht, die letzten Mittwoch vom Universitätspräsidenten eröffnet wurde. 300 Teilnehmende diskutierten an der Uni Würzburg unter der Überschrift „Werte fair.0 als Bildungsauftrag“.

    In einer Welt, in der das Streben nach Geld, Besitz und Erfolg alle anderen Werte zu dominieren scheint, wird Werteerziehung zunehmend wichtiger, legte Andreas Benk von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd dar. Der katholische Theologe rief dazu auf, bei der Vorbereitung des Unterrichts daran zu denken, welche Werte transportiert werden könnten. Deutlich machte Benk dies am Beispiel des Wirtschaftsunterrichts. Lehrkräfte könnten sich damit begnügen, herkömmliche ökonomische Modelle vorzustellen und diese als alternativlos erscheinen zu lassen. Sie könnten sich aber auch entscheiden, Modelle einer Postwachstumsgesellschaft mit den Jugendlichen zu diskutieren.

    Bei Bildung darf es nicht in erster Linie um Nützlichkeitserwägungen gehen, unterstrich der  Theologe und Ethiker, der sich in diesem Zusammenhang kritisch gegenüber Rankings wie Pisa äußerte. Bekanntlich hatten die Pisa-Ergebnisse einst einen regelrechten „Pisa-Schock“ ausgelöst. Für Benk müssten der erstarkende Fundamentalismus, die sich ausbreitenden Vorurteile und die abnehmende Demokratiefähigkeit bei Pädagogen heute einen mindestens ebenso großen „Schock“ auslösen. Bildung, machte der Wissenschaftler klar, müsse letzten Endes immer danach streben, einen Beitrag für eine gerechtere Welt für alle zu leisten.

    Die Haltung, dass man ja doch nichts ändern könne, ist für Benk inakzeptabel: „Das wäre die Bankrotterklärung ethischer Bildung.“ Auch wenn der einzelne nicht die ganze Welt retten kann, sei er doch aufgefordert, zumindest Widerstand zu leisten. Benk denkt in diesem Zusammenhang an Massentierhaltung sowie an die ausbeuterischen Bedingungen, unter denen Arbeiterinnen in Bangladesch Textilien nähen müssen. Widerstand bedeute, dies nicht mitzumachen – also kein Fleisch von gequälten Tieren zu essen und keine Kleidung von gequälten Menschen zu kaufen. In diesem Sinne verstandene Bildung sei „Bildung zum Widerstand“.

    YouTuber, die Millionen Follower haben, versuchen, genau in die gegenteilige Richtung zu arbeiten, zeigte Felix Hofmann vom Stadtjugendring Würzburg (SJR) in seinem Workshop auf. Die Top-YouTube-Kanäle seien stark vom Konsum geprägt: „Denn nicht zuletzt durch Produktplatzierungen verdienen sich YouTuber ihren Lebensunterhalt.“ Sie gehen mit ihren Anhängern auf Shopping-Tour oder filmen sich, während sie ein Paket mit den neuesten Produkten auspacken. Nebenbei würden mehr als fragwürdige Rollenbilder transportiert. Hierüber müssten Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Schülern ins Gespräch kommen.

    Grüßen, höflich sein, anderen bereitwillig helfen, ehrlich miteinander umgehen: Das sind Werte, die selbstverständlich in der von Tanja Kölbel geleiteten Grundschule an der Bräugasse in Neumarkt in der Oberpfalz täglich eingeübt werden. Und zwar sowohl von Schülern als auch von Lehrerinnen und Lehrern. Nur über Werte zu sprechen, bringe nichts, betonte die Rektorin: „Wir Lehrerinnen und Lehrer reden den ganzen Tag, doch was beim Kind am Ende übrig bleibt, das ist, wie es uns und unsere Haltung wahrnimmt.“ An ihrer eigenen Schule habe sich die Atmosphäre durch den Fokus auf das Thema „Werte“ in den letzten Jahren spürbar verändert.

    Gerade im Zeitalter der Digitalisierung müssten sich Lehrkräfte mit Nachdruck für eine Erziehung im Geist der Demokratie einsetzen, erklärte auch Monika Zeyer-Müller, Vorsitzende der Konferenz der Schulaufsicht. Denn digitale Gepflogenheiten drohen, das Wertefundament der Gesellschaft zu untergraben. „Wir erleben, wie sich Enthemmung, Empörung, Hass und Verleumdung in sozialen Netzwerken breit machen“, so die Ministerialbeauftragte für die Gymnasien in Unterfranken. Vor diesem Hintergrund sei es gut, dass bei der 10. Herbsttagung Ansätze zur Werteerziehung diskutiert wurden.

    Durch die Digitalisierung droht die Demokratie in eine Krise zu geraten, warnen Wissenschaftler. Das sieht auch Ursula Münch von der Akademie für Politische Bildung in Tutzing so. Eben deshalb sei Demokratieerziehung in Schulen aktuell von so großer Bedeutung. Demokratie, erinnerte die Politologin, lebt von Kommunikation. Schließlich agiert die Politik nicht im luftleeren Raum: Politische Pläne oder Entscheidungen lösen in einer Demokratie öffentliche Debatten aus. Die wiederum wirken auf die Politik zurück, bringen politische Entscheidungen voran, ändern oder revidieren sie.

    Was Bürgerinnen und Bürger in Ordnung finden und was nicht, wurde bis vor kurzem hauptsächlich durch den von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen angestoßenen Diskurs beeinflusst. Journalisten bereiteten brennende Themen auf, legten das Für und das Wider dar. „Heute gibt es ganze Trollfabriken, die versuchen, mit Stimmungsmache Meinung zu beeinflussen“, so Münch. Schule müsse versuchen, durch Demokratieerziehung gegenzusteuern.

    Wie schwer es oft auch im Schulalltag sein kann, Flagge zu zeigen, fest zu der eigenen Meinung zu stehen und Parolen zu begegnen, darum ging es im Workshop von Johannes Karl. Als Argumentationstrainer gegen rechte Parolen engagiert sich Karl im Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ sowie in der Initiative „Artikel Eins“ für Menschenwürde. Im Rollenspiel lernten die Teilnehmenden, sich durch Aggressionen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und Parolen als das zu entlarven, was sie sind: Aussagen mit Absolutheitsanspruch, die darauf abzielen, sich zu erhöhen und andere zu erniedrigen.


    Tagungsunterlagen

    Hauptreferat Prof. Dr. Andreas Benk, PH Schwäbisch Gmünd: "Ethische Bildung in Zeiten von Globalisierung und Klimawandel"

    Handoutund Vortrag 


    Hauptreferat Prof. Dr. Ursula Münch, Akademie für Politische Bildung Tutzing: "Demokratieerziehung und Wertevermittlung im Zeitalter der Digitalisierung"

    Präsentation


    Materialien aus den Workshops:

    WS 6: Ich klicke, also bin ich - Felix Hoffmann

    WS 11: Demokratie  erleben innerhalb und außerhalb des Klassenzimmers - Brigitte Ertl

    WS13: Wertschätzend führen - wirksam kommunizieren - Karin Herzum und Heike Wissel

    WS 18: Misserfolg und Enttäuschung als Chance - Christina Keller und Margarete Schäfer