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    Schülerschaft mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung

    SFGE I

    PD Dr. Wolfgang Dworschak, Ludwig-Maximilians-Universität München

    Dr. Sybille Kannewischer, Ludwig-Maximilians-Universität München

    Prof. Dr. Christoph Ratz, Universität Würzburg

    Prof. Dr. Michael Wagner, Universität Koblenz-Landau

    2008 – 2012 wurden in einem Verbundvorhaben der Universitäten München, Würzburg und Koblenz-Landau erstmals empirische Daten über die Schülerschaft mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung erhoben (SFGE I, N=1.629).

    Folgende Aspekte wurden mit Hilfe eines Lehrerinnen- und Lehrerfragebogens erhoben:

    • soziokulturelle Bedingungen
    • Schullaufbahn
    • Diagnosen
    • Pflegebedarf
    • Kommunikation und Sprache
    • Schriftspracherwerb (erweitertes Lesen, Lese- und Schreibentwicklung)
    • Mathematik
    • Aspekte des Verhaltens und Erlebens

    • Sprache und Kommunikation: Rund 20% der Schülerinnen und Schüler verfügen nicht über aktive Lautsprache. Unterricht für Kinder mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung muss also ein erweitertes Verständnis von Kommunikation zum Tragen bringen (nonverbale und Unterstützte Kommunikation) (Wagner, 2013).
    • Pflege: Rund 70% der Schülerinnen und Schüler haben eine anerkannte Pflegestufe. Dies verdeutlicht die hohe Bedeutung von Pflege, nicht nur im Sinne einer Ergänzungsleistung, sondern besonders auch im Sinne der pädagogischen Gestaltung von Pflege. (Wagner, 2013; Dworschak, 2015).
    • Lesen und Schreiben: Rund 25% der Schülerinnen und Schüler erlernen bis dato nicht das Lesen und Schreiben im engeren Sinne. Die Konzeptualisierung und Weiterentwicklung eines erweiterten Lese- und Schreibbegriffs ermöglicht es, Kinder und Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung im Unterricht auch im Fach Deutsch adäquat zu berücksichtigen und zu fördern (Ratz, 2013a, 2013b; Ratz & Lenhard, 2013).
    • Verhaltensstörungen: Rund die Hälfte der Schülerinnen und Schüler zeigen nach Einschätzung der Lehrkräfte auffälliges Verhalten, das zumeist multikausal verursacht, in den jeweiligen schulischen Settings berücksichtigt und worauf pädagogisch reagiert werden muss (Dworschak, Kannewischer, Ratz & Wagner, 2014; Dworschak, Ratz & Mitglieder der Vorbereitungsgruppe, 2015; Dworschak, Ratz & Wagner, 2016).
    • Schulbegleitung: 20% der Schülerinnen und Schüler am Förderzentrum bzw. den Partnerklassen sowie nahezu 100% in der Inklusion erhalten Unterstützung durch eine Schulbegleitung. Dieser hohe Anteil verdeutlicht die Notwendigkeit, die Maßnahme der Eingliederungshilfe in das schulische Setting zu implementieren (vgl. Modellprojekt Pool-Modell Schulbegleitung; wiss. begleitet von der LMU München) (vgl. Dworschak, 2012, 2014, 2015).

    Die Ergebnisse aus SFGE I haben nicht nur die bildungspolitische, sondern besonders auch die fachwissenschaftliche Diskussion im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung – sowohl in den Förderzentren als auch in inklusiven Bildungssettings – bereichert. Die Daten ermöglichten erstmals eine empirische Beschreibung der Lernvoraussetzungen und Leistungsstände der Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, die bei der Planung von Unterricht und der Gestaltung unterschiedlicher Bildungssettings Berücksichtigung finden müssen. Dies erscheint umso bedeutungsvoller, bedenkt man, dass die Schülerschaft mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung bei keinen nationalen Schulleistungsstudien berücksichtigt wird.

    Aus den Daten von SFGE I sind zahlreiche Veröffentlichungen entstanden, die an die Schulverwaltung über die Lehrkräfte bis hin zur internationalen Forschung adressiert und rezipiert wurden. Hier finden Sie eine Zusammenstellung der Publikationen, die die zentralen Ergebnisse von SFGE I darstellen:

    Dworschak, W. & Reiter, T. (2017). Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung im Heim. Prävalenz und individuelle Merkmale. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete, 86, 325-339. http://dx.doi:10.2378/vhn2017.art37d Download

    Dworschak, W. (2016). Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung und Migrationshintergrund. Zur Prävalenz an Förderschulen in Bayern. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 22, 34-40. Download

    Dworschak, W., Ratz, C. & Wagner, M. (2016). Prevalence and putative risk markers of challenging behavior in students with intellectual disabilities. Research in Developmental Dissabilities, 58, 94-103. http://dx.doi: 10.1016/j.ridd.2016.08.006 Download

    Dworschak, W., Ratz, C. & Wagner, M. (2016). Separation durch Inklusion?! Analyse zur selektiven Beschulung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in Bayern vor der Novellierung des BayEUG und deren Konsequenzen. spuren, 59, 7-13. Download

    Dworschak, W. (2015). Zur Bedeutung von Kontextfaktoren im Hinblick auf den Erhalt einer Schulbegleitung. Eine empirische Analyse im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung an bayerischen Förderschulen. Empirische Sonderpädagogik, 7, 56-72. Download

    Dworschak, W. (2014). Zur Bedeutung personenbezogener Faktoren im Hinblick auf den Erhalt einer Schulbegleitung. Eine empirische Analyse im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung an bayerischen Förderschulen. Empirische Sonderpädagogik, 6, 150-171. Download

    Dworschak, W., Kannewischer, S., Ratz, C. & Wagner, M. (2014). Nicht tragbar? Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung und Verhaltensstörungen. Eine Situationsanalyse an bayerischen Förderschulen mit Blick auf die Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems. behinderte menschen. Zeitschrift für gemeinsames Leben, Lernen und Arbeiten, 37, 19-27. Download

    Dworschak, W., Kannewischer, S., Ratz, C. & Wagner, M. (2013). Wer soll inkludiert werden? Empirische Ergebnisse und ihre Bedeutung für inklusiven Unterricht mit Schülern mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. In: K.-E. Ackermann, O. Musenberg & J. Riegert (Hrsg.), Geistigbehindertenpädagogik!? Disziplin – Profession – Inklusion (S. 315–340). Oberhausen: Athena.

    Ratz, C. (2013a). Zur aktuellen Diskussion und Relevanz des erweiterten Lesebegriffs. Empirische Sonderpädagogik, 3, 343-360. Download

    Ratz, C. (2013b). Do students with Down Syndrome show a specific profile in learning to read? Research in Developmental Disabilities, 34, 4504–4514. http://dx.doi: 10.1016/j.ridd.2013.09.031 Download

    Ratz, C. & Lenhard, W. (2013). Reading skills among students with intellectual disabilities. Research in Developmental Disabilities, 34, 1740-1748. http://dx.doi: 10.1016/j.ridd.2013.01.021 Download

    Wagner, M. (2013). Sind sie der Rest? Kinder und Jugendliche mit schwerer Behinderung in einem inklusiven Schulsystem. Zeitschrift für Heilpädagogik, 64, 496-501. 

    Dworschak, W. (2012). Schulbegleitung an Förder- und allgemeinen Schulen – Divergente Charakteristika einer Einzelfallmaßnahme im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Zeitschrift für Heilpädagogik, 63, 414-421.

    Dworschak, W., Kannewischer, S., Ratz, C. & Wagner, M. (2012). Beschreibung der Schülerschaft mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung – Die bayerische Studie SFGE. SchulVerwaltung Nordrhein-Westfalen, 23, 334-336. (Nachdruck in: Lernen konkret, Heft 2/ 2013 und in SchulVerwaltung Bayern, Heft 2/ 2013)

    Dworschak, W., Kannewischer, S., Ratz, C. & Wagner, M. (Hrsg.). (2012). Schülerschaft im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Eine empirische Studie. Oberhausen: Athena.

    Dworschak, W., Kannewischer, S., Ratz, C. & Wagner, M. (2012). Verhaltensstörungen bei Schülern im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in Bayern. In: C. Ratz (Hrsg.), Verhaltensstörungen und geistige Behinderung (S. 67-82). Oberhausen: Athena.